Bayern 1 - Experten-Tipps


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Bayern 1-Umweltkommissar Funktioniert CO2-Kompensation tatsächlich?

Den ökologischen Fußabdruck verkleinern und das grüne Gewissen beruhigen? Nicht nur Staaten, auch Privatpersonen haben die Möglichkeit, verursachte Treibhausgase mit Geld anderweitig zu reduzieren. Die Idee ist jedoch nicht unumstritten.

Stand: 13.02.2018

Ein Flugzeug hinterlässt Kondensstreifen am Himmel. Sie entstehen, wenn heiße, wasserdampfhaltige Triebwerksabgase von Luftfahrzeugen auf kalte Luft treffen. | Bild: picture-alliance/dpa

Der erste Eindruck

Die Idee ist nicht unumstritten. CO2-Kompensation!

Das könnte man zugespitzt auch so deuten: Ich kann mit meinem Lebenswandel massenweise CO2 in die Atmosphäre blasen und hinterher mein grünes Gewissen beruhigen, in dem ich Geld für irgendwelche Umweltprojekte zahle!

Ja, es stimmt: Die beste Art Treibhausgase zu vermeiden, ist es sie gar nicht erst entstehen zu lassen.

Aber: Warum sollten nur Staaten (wie im Kyoto-Protokoll mit der Clean Development Mechanism CDM beschlossen) zur Kompensation verpflichtet werden? Auch Privatpersonen haben die Möglichkeit – zumindest freiwillig – verursachte Treibhausgase über die finanzielle Unterstützung von Umweltprojekten quasi zu egalisieren.

Das ist natürlich unter Umweltschützern heiß diskutiert. Vom "Klima-Ablasshandel" ist da die Rede und davon, sich jede Umweltsünde sozusagen "erkaufen" zu können. Andererseits: Was spricht dagegen, Geld aus freiwillig geleisteten Kompensationszahlungen in Umweltprojekte von Entwicklungsländern zu stecken, die dann wiederum nachhaltig die CO2Emission reduzieren helfen? 

Mehr als 40 Prozent der Bundesbürger (laut Umweltbundesamt) wissen gar nicht, dass es so eine CO2-Kompensation überhaupt gibt.

Schauen wir uns den Fall mal genauer an.

So funktioniert’s

Gehen wir mal davon aus, dass wir uns redlich bemühen unseren Fußabdruck so gering wie möglich zu halten. Wir versuchen Energie zu sparen, Müll zu vermeiden und zu trennen, wir fahren Auto nur wenn es wirklich notwendig ist oder versuchen den Fleischkonsum einzuschränken. Kurzum wir versuchen verantwortlich zu leben. Auch für nachhaltige Generationen.

Die einen machen das vielleicht konsequenter als die anderen, aber trotzdem ist jeder von uns für einen gewissen CO2-Ausstoß verantwortlich. Die Idee ist nun, diese verursachten Treibhausgase wieder auszugleichen, und zwar mit einem Projekt oder einer guten Idee, die eine künftige CO2-Produktion vermeiden hilft. Schließlich kosten diese Entwicklungen immer Geld. Also wurden Standards entwickelt, mit denen sich die persönlichen Emissionen in Euro umrechnen lassen, die dann wieder adäquat zertifizierte Unternehmungen tragen helfen. Alles muss nachvollziehbar, nachweisbar und absolut durchsichtig sein.

CO2 bei Flugreisen

Das Prinzip ist einfach und lässt sich am besten am Beispiel "Fliegen" verdeutlichen: Rechnet Michael Dannenmann, vom Institut für Technologie und Klimaforschung in Karlsruhe vor: "Das ganz naheliegende und direkte sind die CO2-Emmissionen, die durch die Verbrennung des Kerosin entstehen. Das ist ganz einfach: Ein Kilogramm Kerosin verursacht ungefähr drei Kilogramm CO2 durch die Verbrennung."

Für jede Strecke lässt sich somit ein Ausstoß ermitteln. Für zwei Erwachsene, zwei Kinder. Flug nach Mallorca und zurück, kommt der Umweltrechner vom "sehr gut" bewerteten kirchlichen Kompensationsfond "Klima-Kollekte", beispielsweise auf knapp 2,7 Tonnen CO2. Um das wieder auszugleichen, wären 61,64 Euro fällig.

Die Werte können - je nach Rechenmethode und Anbieter – variieren. Testsieger "Atmosfair" verlangt für die gleiche Strecke nur 40 Euro. Was aber für den Test keine Rolle spielte. Für eine zweiwöchige Kreuzfahrt auf See, zwei Personen Innenkabine, fallen umgerechnet 157 Euro an.

Finanztest untersucht Anbieter von CO2-Kompensation

Lieber CO2 vermeiden! Genau das war ein wichtiges Kriterium, das sich Finanztest bei den Anbietern im Internet angeschaut hat. Wird klar gemacht: Zahlen ist nicht die erste Wahl! Kohlendioxid vermeiden schon!

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Prinzipiell lässt sich mit CO2-Kompensation aber auch was Sinnvolles anstellen. Ein Windpark an der Nordsee zählt nicht dazu, erklärt Stefan Fischer von Finanztest: "Wichtig ist hierbei, dass die Zertifikate Projekte in Entwicklungsländern unterstützen, weil sich eben Deutschland und andere Industrieländer sowieso dazu verpflichtet haben. CO2 einzusparen."

Testsieger ist "Atmosfair" in Berlin geworden. Aber auch "Klima Kollekte" und "Prima-Klima" haben ein "sehr gut" für ihre Arbeit bekommen. "MyClimate" Deutschland, eine Tochter der Schweizer Stiftung Myclimate, wurde ein "gut" gegeben. Die Transparenz, sagt Stefan Fischer von Finanztest, war bei den Anbietern "Klimamanufaktur" oder "Arktik" dagegen mangelhaft: "Wir haben darauf geachtet, dass die Projekte, in die das Geld fließt, gut zertifiziert sind. Dass nachvollziehbar ist, wohin  das Geld fließt und dass das Geld auch effektiv verwendet wird."      

Anbieter und Standards für CO2-Kompensation

Eines ist klar: Es ergibt wenig Sinn, massenweise CO2 zu verursachen und dann Geld dafür zu zahlen, um das persönliche Umweltgewissen zu beruhigen, und um Projekte zu unterstützen, die nicht wirklich zu einer nachhaltigen Vermeidung von Emissionen führen. Deshalb müssen auch strenge Kriterien angelegt werden.

Vor allem was die Überprüfung der Projekte angeht. Neben dem offiziellen Standard für Emissionszertifikate (CDM) – dabei durchlaufen die Projekte einen sehr komplizierten Anerkennungsprozess des UN-Klimasekretariats – gibt es mit dem so genannten Gold Standard noch strengere Anforderungen für CO2-ausgleichende Projekte.

Atmosfair unterstützt mit den eingegangenen Geldern zum Beispiel den subventionierten Verkauf von leistungsfähigeren Öfen in Ländern, die durch massiven Holzeinschlag bedroht sind (z.B. Nigeria oder Nepal). Natürlich entsteht auch durch die Produktion eines solchen Ofens wieder CO2, aber das wird durchgerechnet, sagt Dietrich Brockhagen von Atmosfair: "Wir müssen ja, bevor ein Prüfer von den Vereinten Nationen kommt, erfassen, wie viel Wald wird geschont, wie viel spart denn jeder Ofen im Vergleich zu einem herkömmlichen Feuer ein. Und das wird dann einfach abgezogen." Genau diese Überprüfung ist wichtig und muss so transparent wie möglich sein. Jeder kann sich beispielsweise über die Webseiten der UNO darüber informieren, was genau Atmosfair mit den Geldern seiner Kunden anstellt und wie der TÜV das CO2-Einsparpotential der einzelnen Projekte beurteilt.

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Der Gold Standard regelt, dass es vor Ort noch ein Zusatznutzen wie Arbeitsplätze oder gesundheitliche Effekte geben muss. Für Atmosfair-Geschäftsführer Dietrich Brockhagen ist es wichtig, Projekte Schritt für Schritt selbst zu kontrollieren: „Zum Beispiel den Stahl für effiziente Öfen. Das sind Bausätze. Wir liefern die selber nach Afrika oder unterstützen vor Ort Ofenhersteller, das heißt wir sind richtig bei der Projekt-Umsetzung dabei und können ganz genau sagen, wie das Geld verwendet wird. Und sind damit auch sicher, dass ohne Ihr Geld, das Klimaprojekt so nicht stattgefunden hätte.“

In der Regel gehen also Klimaschutz und Armutsbekämpfung Hand in Hand.

Aber nicht jedes Umweltprojekt ist für die CO2-Kompensation geeignet. Zum Beispiel wäre die Urwald-Aufforstung in Indonesien nicht unbedingt dazu geeignet CO2, das anderweitig produziert wurde, zu kompensieren, erklärt Stefan Fischer von Finanztest: "...weil ein Baum zwar während seines Wachstums CO2 einspart oder der Atmosphäre entzieht. Aber wenn er dann ausgewachsen ist und irgendwann abstirbt, wird es problematisch, weil genau dann gibt er dieses CO2 wieder ab." Deshalb sind auch Aufforstungsprojekte beispielsweise beim Gold Standard ausgeschlossen.

Fazit

Unterm Strich ergibt die Möglichkeit einer Kompensation Sinn. Auch wenn die Vermeidung von CO2 natürlich immer besser ist. Aber was spricht dagegen, eine Autofahrt oder einen Flug in den Urlaub mit ein paar Euro in ein Projekt zu kompensieren, das hilft künftig Treibhausgase zu vermeiden oder den Wald vor der Abholzung schützt. Besser als in den Flieger steigen und gar nichts zu tun. Dass die Projekte auch unabhängig geprüft werden und nicht von den Investoren selbst, versteht sich von selbst.

CO2-Kompensation von Steuer absetzen?

Einen positiven Nebeneffekt, hat die CO2-Kompensation übrigens auch noch. Reuige Umweltsünder, können Ihre Spende beim Finanzamt einreichen und das Geld ganz normal von der Steuer absetzen.


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