Bayern 1 - Experten-Tipps


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Zusatzstoffe Zigaretten Wie viele Zusätze sind in Zigaretten "ohne Zusätze"?

Rauchen ist ungesund - und ein Riesengeschäft. Tabakkonzerne wollen Zigaretten an den Raucher bringen. Marken "ohne Zusatzstoffe" suggerieren "zurück zur Natur". Der BAYERN 1-Umweltkommissar hinterfragt die Werbemasche.

Von: Alexander Dallmus

Stand: 30.07.2016

Illustration: Der Umweltkommissar betrachtet durch eine Lupe die Inhaltsstoffe auf einer Zigarettenschachtel, die Biene hat vom Rauch einer Zigarette einen Hustenanfall | Bild: BR/Susanne Baur

Die Nachfrage nach Zigaretten "ohne Zusatzstoffe" steigt.

Das klingt prima und passt genau in unsere Zeit: Rauchen ohne schlechtes Gewissen! Sehr plakativ und mit einem hohen Werbeaufkommen stellen die verschiedenen Tabakkonzerne ihre Produkte heraus, die angeblich "ohne Zusatzstoffe" auskommen.

Was ist in einer Zigarette drin?

Genaue Zahlen über den Absatz dieser Produktlinien sind vom Deutschen Zigarettenverband (DZV) nicht zu bekommen, aber ein Trend ist zu erkennen. Die Nachfrage steigt. Der Tabakkonzern British-American Tobacco (BAT) Deutschland hat beispielsweise 2010 - zur Einführung von Lucky Strike ohne Zusätze - für das Segment noch einen Marktanteil von lediglich ca. einem Prozent verzeichnet. Mittlerweile ist der Marktanteil, laut BAT, bis Mai 2014 auf ca. 6,5 Prozent angewachsen. BAT beansprucht dabei mit ihren Produkten "ohne Zusätze" von Lucky Strike und Pall Mall einen Anteil von 54 Prozent an diesem Segment in Deutschland. Tendenz steigend.   

Nikotin oder Teer werden allein durch das Abbrennen des Tabaks inhaliert, aber wenn sonst "nichts drin" ist, was irgendwie gesundheitsschädlich klingt wie Glyzerin, ätherische Öle oder Geschmacksstoffe, dann hat das doch irgendwie was von "zurück zur Natur". Schließlich wissen alle Raucher, dass sie ihrer Gesundheit grundsätzlich nichts Gutes tun. "Und so versucht das Gehirn sich selbst zu überlisten, indem man sich ein bisschen belügt und etwas kauft, was ökologisch ist, was gesünder aussieht. Dann tue ich wenigstens da etwas für mich", sagt Dr. Tobias Rüther von der Spezialambulanz für Tabakabhängigkeit über die Ambivalenz der Raucher.

Übrigens werden auch die Tabakkonzerne - auf ihren Internetseiten und auf Anfrage - nicht müde zu betonen, "dass Tabak ohne Zusätze nicht bedeutet, dass es sich um eine risikoärmere Zigarette handelt", so eine Sprecherin von BAT.

Der Indianer steht für Freiheit und Natur

Wegbereiter war sicher Santa Fe Natural Tobacco mit der Hausmarke "Natural American Spirit". Über Jahre hat sich das Label mit dem Pfeife rauchenden Indianer zur Kultmarke entwickelt und stetig an Umsatz zugelegt. Der Eindruck, dass die Zigaretten irgendwie "natürlich" und "gesund" sind, konnte auch nicht durch die Tatsache geschmälert werden, dass die Teer- und Nikotinwerte weit über denen von herkömmlichen Markenzigaretten wie "Marlboro" lagen.

Tabak aus Bio-Anbau lässt das schlechte Raucher-Gewissen etwas aufatmen.

Tabak aus kontrolliert biologischem Anbau, keine chemischen Zusatzstoffe und das Image machten daraus eine Art "Bio-Zigarette". Erst 2010 hat der Bundesgerichtshof in letzter Instanz dem Unternehmen verboten, mit dem Begriff "Bio-Tabak" für "American Spirit" in Deutschland zu werben. Unabhängig ist die Indianer-Zigarette bereits seit einigen Jahren nicht mehr. Nach einem längeren Bieterwettkampf hat 2002  R.J. Reynolds, zweitgrößter Zigarettenkonzern in den USA, Santa Fe Natural Tobacco übernommen.

Tabaksteuer

An Zigaretten verdient der Staat kräftig mit.

Zigaretten sind auch für den Staat ein Geschäft: Deutschlands Raucher haben im zweiten Quartal 2014 mehr Steuereinnahmen eingebracht als ein Jahr zuvor. Insgesamt wurden von April bis Ende Juni Tabakwaren im Verkaufswert von 6,2 Milliarden Euro versteuert, teilt das Statistische Bundesamt in Wiesbaden mit. Das waren 306 Millionen Euro oder 5,2 Prozent mehr als im Vorjahreszeitraum. Die Menge der versteuerten Zigaretten stieg binnen Jahresfrist um 2,7 Prozent auf knapp 20,2 Milliarden Stück. Möglicherweise haben Raucher und Handel vor der nächsten Preisrunde im August vorgesorgt.

Welche Zusatzstoffe in Zigaretten?

Zigaretten ohne Zusatzstoffe wären nicht genießbar.

In allen herkömmlichen Zigaretten ist weit mehr enthalten als nur Tabak. Die Zigarettenfilter werden mit Weichmacher besprüht, hinzu kommen Druckfarben, Bindemittel und Klebstoffe. Feuchthaltemittel (zum Beispiel Glyzerin) verhindern ein schnelles Austrocknen des Tabaks. Geschmacksstoffe wie Kakao, Lakritz oder auch Zucker sind unter anderem dafür zuständig, die Reizung unserer Atemwege zu minimieren, also das Rauchen schlichtweg angenehmer zu machen.

In einer handelsüblichen "Aroma-Zigarette" sind - je nach Marke und Tabak - einige hundert verschiedene Aromen gemischt. Für Krebsforscherin Martina Pötschke-Langner vom Deutschen Krebsforschungszentrum (DKFZ) wäre eine Zigarette gänzlich ohne Zusatzstoffe schlicht ungenießbar: "Denn der Tabak würde zerbröseln. Ohne Feuchthaltemittel bekommen Sie das Ganze nicht zusammen. Ohne Klebstoffe auch nicht das Papier und den Filter. Ohne Zusätze ist eine Fabrikzigarette gar nicht denkbar."

Werbung zielt auf Zeitgeist

Wenn Rauchen schon nicht mehr cool ist, soll es immerhin frei von Zusatzstoffen sein - die Hersteller passen sich dem Zeitgeist an.

Trotzdem zielen die Tabakkonzerne mit ihrer Werbung genau auf den Zeitgeist und den rauchenden Verbraucher ab, der mittlerweile in allen Bereichen des Konsums sensibel auf Zusatzstoffe reagiert.  Noch 2011 haben Forscher Philip Morris vorgeworfen, die Gesundheitsgefahren von Zusatzstoffen heruntergespielt und sogar Forschungsergebnisse verzerrt zu haben. Basis waren Unterlagen von Haftungsklagen gegen den Konzern. Philip Morris hat das strikt zurückgewiesen und die Wissenschaftlichkeit der Untersuchung in Frage gestellt. Krebsforscher wie Martina Pötschke-Langer vom DKFZ sind jedoch davon überzeugt, dass Zusatzstoffe wie Aromen, Klebstoffe, Zucker oder Feuchthaltemittel beim Verbrennen krebserregende Verbindungen ergeben können. Fakt ist auch, wenn es diese Zusatzstoffe nicht gäbe, würde das Rauchen weniger attraktiv, da es beim Inhalieren sehr viel unangenehmer wäre. Natürlich machen die Zusatzstoffe allein einen Raucher nicht abhängig von der Zigarette. Das besorgt schon das Nikotin! Aber der Einstieg wird vor allem bei Jugendlichen dadurch erleichtert. Vanille oder Dörrpflaumensaftkonzentrat sowie Fette vermindern die atemwegsreizende Wirkung des schädlichen Rauchs: "Sie maskieren und neutralisieren die Schärfe des Tabakrauchs, erleichtern und vertiefen die Inhalation und erhöhen die Suchtwirkung", schreibt das Deutsche Krebsforschungszentrum in Heidelberg.

Zusatzfreie Zigaretten gibt es nicht

Dass es keine zusatzfreien Zigaretten gibt, sagt sogar Zigarettenhersteller Philip Morris auf seiner Internetseite und beruft sich dabei auf die Weltgesundheitsorganisation (WHO). Auf Nachfrage unterstreichen auch die Tabakkonzerne, dass bei ihren Produkten, die mit "ohne Zusätze" oder "frei von Zusätzen" auf der Packung gekennzeichnet sind, nur der Tabak oder die Tabakmischung gemeint ist. Bestenfalls ist lediglich Wasserdampf bei der Verarbeitung des Rohtabaks eingesetzt worden.

British American Tobacco: "Ohne Zusätze bedeutet, dass die Tabakmischung keine Feuchthaltemittel sowie Geschmacks- und Aromastoffe enthält." Für Verbraucherschützer eine Irreführung, denn Zusatzstoffe gibt es in der Zigarette trotzdem. Mehr noch, sagt Martina Poetschner-Langer vom DKFZ, es sei eine Werbelüge, denn "es ist häufig so, dass gerade die großen Hersteller, die mit 'ohne Zusätze' werben, ihre Zusätze eben nicht in den Tabak reinschmuggeln, sondern in das Zigarettenpapier oder den Filter. So dass dennoch ein entsprechend weiches Aroma erreicht wird für den Verbraucher." Auch in diesen Fabrikzigaretten werden also Zusätze außerhalb des Tabaks verwendet: Feuchthaltestoffe, Farbstoffe und Weichmacher für Papier und Filter oder Stoffe zur Maskierung des Rauchens. Ziel und Zweck ist es, den Konsum weiter aufrechtzuerhalten - gerade bei den Konsumenten, die gesundheitliche Bedenken zwar ernst nehmen, aber trotzdem weiter rauchen.

Neue Tabakrichtlinie - Kampf um Marktanteile

Schockbilder auf Zigarettenschachteln sollen vom Rauchen abhalten.

Eine im vergangenen Jahr verabschiedete neue Tabakrichtlinie soll in der Europäischen Union vor allem junge Leute vom Einstieg ins Rauchen abhalten - unter anderem mit Schockbildern und großen Warnhinweisen auf den Zigarettenpackungen. Nach einer vergleichenden Studie des Deutschen Krebsforschungszentrums zeigen diese Schockbilder Wirkung. In Australien sinkt die Zahl der Raucher. Das Land hat vor zwei Jahren als erstes weltweit einheitliche Zigarettenpackungen mit Ekelbildern und winzigen Markennamen eingeführt.

Außerdem sind in der EU-Tabakrichtlinie verschiedene Geschmacksstoffe verboten worden. Übergangsweise dürfen Menthol, Vanille, Taurin oder Geschmackstoffe noch acht Jahre lang beigemischt werden. Insbesondere Mentholzigaretten sind bei jungen Menschen oft der Einstieg beim Rauchen.

Die Warnhinweise auf Zigarettenschachteln wurden im Laufe der Jahre immer größer.

Sinkende Raucherquoten bei Jugendlichen, plakative Warnhinweise und Rauchverbote zeigen auch Wirkung im Kampf um die Marktanteile: Der US-Tabakkonzern Philip Morris (PMI) hat jedenfalls seine Gewinnerwartungen für das laufende Jahr gesenkt: "2014 ist ein kompliziertes und wirklich untypisches Jahr für PMI", versuchte Firmenchef André Calantzopoulos zu erklären. Er führte dabei aber eher ungünstige Wechselkurse, Probleme in Asien sowie einen Preisverfall in Australien ins Feld. Unterm Strich erwartet PMI sechs Prozent weniger Gewinn als im vergangenen Jahr (aber immer noch einen Gewinn!). Schon im ersten Quartal 2014 sind die Zigarettenverkäufe zurückgegangen. Um das Minus auszugleichen, baut Philip Morris sein Geschäft mit E-Zigaretten aus. Die Amerikaner übernehmen für eine ungenannte Summe den britischen Hersteller "Nicocigs".

E-Zigaretten auf dem Vormarsch

E-Zigaretten werden immer beliebter. Jeden Monat kommen zehn neue Marken hinzu.

Gerade der Markt für E-Zigaretten wächst rasant: Monat für Monat kommen im Schnitt rund zehn neue Marken hinzu, wie es in einer im Juli 2014 im Fachmagazin "Tobacco Control" veröffentlichten Studie heißt. Bei ihrer Internet-Recherche fanden US-Forscher zu Jahresbeginn 466 Marken mit eigenem Internetauftritt und 7.764 verschiedene Geschmacksrichtungen.

Hintergrund: Raucher in Deutschland auf dem Rückzug

In Deutschland sterben jährlich etwa 110.000 Menschen an den direkten Folgen des Rauchens, dazu kommen 3.300 Todesfälle durch Passivrauchen. In Europa ist Rauchen mit 700.000 Todesopfern pro Jahr die wichtigste vermeidbare Todesursache. Mit verschiedenen Maßnahmen gehen die Behörden gegen Tabakkonsum vor. Raucher sind seit Jahren auf dem Rückzug.

Schutz Nichtraucher

  • Oktober 1981: Erste Warnhinweise werden eingeführt. Auf jeder Zigarettenschachtel ist in kleiner Schrift zu lesen: "Der Bundesgesundheitsminister: Rauchen gefährdet Ihre Gesundheit."
  • Januar 1999: Das Bundesarbeitsgericht in Kassel urteilt, ein generelles Rauchverbot am Arbeitsplatz ist zulässig.
  • November 2002: Die Warnhinweise auf Zigarettenschachteln werden drastisch verschärft; Bezeichnungen wie "leicht", "ultraleicht", "mild" und "niedriger Teergehalt" sind künftig verboten.
  • Januar 2007: Das Jugendschutzgesetz greift auch an Automaten. Auch dort dürfen Zigaretten nur noch an über 16-Jährige abgegeben werden.
  • März 2007: Bayern bringt als erstes Bundesland ein Gesetz zum Nichtraucherschutz auf den Weg. Ab Januar 2008 ist Rauchen in öffentlichen Gebäuden größtenteils verboten. Andere Länder folgen.
  • September 2007: Das Bundesnichtraucherschutzgesetz verbietet Rauchen in öffentlichen Verkehrsmitteln wie Bahn, Bus, Flugzeug, Fähre und Taxi sowie in rund 450 Behörden und Einrichtungen des Bundes. Zudem dürfen an 16- und 17-Jährige keine Zigaretten mehr verkauft werden.
  • Juli 2008: Nach Klagen von Gastronomen gegen strenge Rauchverbote in Bundesländern urteilt das Bundesverfassungsgericht, Ausnahmen wie Raucherräume dürfen die Kleingastronomie nicht benachteiligen. Viele Bundesländer richten ihre Gesetze seit 2009 danach aus und erlauben in kleinen Kneipen das Rauchen - aber erst ab 18 Jahren.
  • Juli 2010: Ein Volksbegehren bringt Bayerns Gastronomie ein striktes Rauchverbot. 61 Prozent sprechen sich dafür aus, blauen Dunst in Gaststätten und Bierzelten komplett zu verbieten.
  • Mai 2013: Das neue Nichtraucherschutzgesetz in Nordrhein-Westfalen macht Schluss mit Ausnahmen: keine Raucherbereiche in Restaurants, keine Raucherkneipen, keine Ausnahmen bei Karneval und Kirmes.

"Frei von Zusatzstoffen" Unsinn

Frau mit einer Zigarette in der Hand beim Rauchen im Freien. | Bild: picture-alliance/dpa zum Artikel Rauchen draußen erlaubt Mit diesen Tipps gibt's keinen Streit

Das Rauchverbot in Gaststätten gilt seit 1. Januar 2007. Draußen darf dagegen noch geraucht werden - doch nicht jeder findet das gut. Mit diesen Regeln klappt es zwischen Rauchern und Nichtrauchern. [mehr]

Es klingt vielleicht "gesünder", wenn auf einer Packung Zigaretten steht "frei von Zusätzen" oder ähnliches. Ist aber Quatsch, weil die Aufschrift meist nur für den Tabak gilt, aber nicht für die gesamte Zigarette. Allein in Filter und Papier sind jede Menge Zusatzstoffe enthalten. Darüber hinaus wird trotzdem mit Aromen und anderen Stoffen gearbeitet, die das Rauchen "angenehmer" erscheinen lassen sollen, als es eigentlich ist. Raucher belügen sich selbst, wenn sie sich diese Zigaretten schön reden. Denn: Es gibt keine gesunde Zigaretten. Auch diese, die "gesünder" wirken, weil sie mit "ohne Zusätze" werben und vielleicht im Packpapierdesign gestaltet sind, enthalten allein durch die Abbrandsituation des Tabaks eine Vielzahl von krebserzeugenden Substanzen. Gemessen werden etwa 50 bis 90 unterschiedliche krebserregende Substanzen, für die es keine Schwellenwerte gibt - also  überhaupt einen Wert, der noch gesundheitliche Unbedenklichkeit bescheinigt.


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