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Plastikfolie Wie umweltschädlich sind die Folientunnel auf den Feldern?

Seit Jahren steigt der Anteil von Plastik in der Landwirtschaft. Gerade im Obst- und Gartenbau bringt der Einsatz viele Vorteile. Nicht nur für die Landwirte, auch für die Umwelt. Ein Problem bleibt: Mikroplastik im Ackerboden.

Von: Alexander Dallmus

Stand: 26.04.2021 | Archiv

Plastikfolien in der Landwirtschaft | Bild: mauritius-images

Über tausende von Kilometern erstrecken sich gerade jetzt im Frühjahr Folien über Spargel oder Erdbeeren. Oder Netze über Obstbäume oder Beerensträucher. Weit über 80.000 Tonnen Plastik werden jährlich in der deutschen Landwirtschaft eingesetzt. Als Vliese, Schlitz- oder Lochfolien, in Folientunneln oder auch als feine Netze. Der Einsatz findet mittlerweile fast in allen Kulturen statt. Ob man die Folienwüsten nun schön findet, ist eine Sache. Eine andere ist es, die Vor- und Nachteile von Plastik in der Landwirtschaft abzuwägen.

Warum werden Felder mit Plastikfolie abgedeckt?

Ein Vorteil, wenn landwirtschaftliche Kulturen nicht mehr Wind und Wetter ausgesetzt sind: Eine aufwändige Bewässerung lässt sich minimieren und die Feuchtigkeit wird besser im Boden gehalten. Andererseits fördern Folien auch die Bodenerosion und erhöhen den Oberflächenabfluss.

Ein echter Pluspunkt - auch in Sachen Umwelt - ist die Tatsache, dass Plastik den Landwirten hilft, Pestizide zu vermeiden:

"Zum Beispiel haben wir durch den Einsatz von Kulturschutznetzen gegen Schädlinge und auch durch das Abdecken des Bodens gegen den Eintrag und das Auflaufen von Unkraut wesentlich weniger bzw. auch gar keine Pflanzenschutzmittel, die wir verwenden müssen."

Franziska Rintisch, Referentin für Obst- und Gartenbau beim Bayerischen Bauernverband.

Gerade auch gegen Schädlinge wie die Kirschessigfliege oder den Erdfloh, der gerne an Kohlrabi, Kartoffeln oder Auberginen geht, helfen solche Netze.

Unter Folie oder im Folientunnel wachsen Obst und Gemüsen zudem gleichmäßiger. Mittlerweile nimmt der Handel fast nur noch Produkte aus dem geschützten Anbau. Und das gilt auch für Bio-Produkte. Denn auch in der ökologischen Landwirtschaft werden Kunststoffe eingesetzt. Zwar ist die Verwendung stärker reglementiert, aber auch hier gelten Folien als vorteilhaft.

Warum Folien auf Spargel?

Aber auch was Aussaat und Auspflanzung angeht, bieten Folien den Landwirten entscheidende Wettbewerbsvorteile. Als so genannte Ernteverfrühungshilfen sollen Folien die Pflanzen vor kalten Nächten und vor allem Frost schützen. Schwarze Folien speichern die Wärme der Sonne, die tagsüber einstrahlt und erwärmen somit den Boden und die darüber wachsenden Kulturen. Würde man Salat im Freiland erst Mitte April auspflanzen können, geht das mit Folienabdeckung schon vier Wochen früher. Das gilt auch für die Aussaat von Radieschen oder anderem Gemüse.

Vor allem der frühe deutsche Spargel oder auch die ersten Erdbeeren von bayerischen Feldern lassen sich eben besonders teuer verkaufen. Weiße Folie, die den gegenteiligen Effekt von schwarzer hat, verzögert das Wachstum und sorgt somit für eine gleichmäßigere Ernte. Diese wirtschaftlichen Vorteile für die Landwirte sieht auch Michael Jedelhauser, Kreislaufwirtschaftsexperte von Naturschutzbund Deutschland (NABU):

"Natürlich könnte man jetzt sagen, okay, wir verzichten von heute auf morgen auf den Einsatz von Folien in der Landwirtschaft in Deutschland. Aber gleichzeitig sehe ich dann die Gefahr, dass stattdessen das Gemüse et cetera einfach aus dem Ausland importiert wird, weil es dann in Deutschland regional, zu bestimmten Jahreszeiten, eben nicht mehr verfügbar ist."

Michael Jedelhauser, Kreislaufwirtschaftsexperte von Naturschutzbund Deutschland (NABU)

Heißt im Umkehrschluss, wenn wir Verbraucher nur noch regional und saisonal zu angemessenen Preisen einkaufen würden, gäbe es auch weniger Plastik in der Landwirtschaft. So handeln wir aber nicht. Und in den europäischen Südländern wartet schon die Konkurrenz mit Spargel aus Griechenland oder Erdbeeren aus Spanien. Und auch dort werden Folien im großen Stil eingesetzt.

Warum Plastikfolien einheimische Tiere hungern lassen

Der Einsatz von Plastik verändert natürlich auch die deutsche Kulturlandschaft: Anstelle der "landwirtschaftlichen Farben" Braun oder Grün herrschen gerade im Frühling eher Weiß oder Schwarz vor. Über viele Hektar nur Folie. Vor allem, wenn Gemüseanbaugebiete in Vogel- oder Naturschutzgebieten liegen oder daran angrenzen, hat das für die Tiere und die Artenvielfalt extreme Folgen, sagt Michael Jedelhauser vom NABU:

"Vögel finden im Frühjahr keine Mäuse, keine Amphibien, keine größeren Insekten unter diesen Folienwüsten. Das schränkt dort den Lebensraum der Vögel massiv ein, weshalb in unseren Augen in solchen Gebieten der Einsatz von Folien eingeschränkt werden muss."

Michael Jedelhauser, NABU

Anbau unter Plastikfolie Nachteile

Bis zu 22.000 Tonnen Plastikfolie liegen geschätzt auf deutschen Ackerflächen.

Wichtig und wesentlich ist, dass das Plastik - wiederverwendbar oder nicht - am Ende auch abgeräumt wird und nicht in der Natur verbleibt. Laut aktuellen Zahlen des Umweltbundesamtes in Berlin (UBA) liegen bundesweit bis zu 22.000 Tonnen Plastik aus der Landwirtschaft rum. Über Jahre fein zerrieben enden sie schließlich als Mikroplastik im Boden. Die Langzeitwirkungen sind heute noch gar nicht abzuschätzen, aber Untersuchungen des NABU zusammen mit dem Fraunhofer-Institut deuten darauf hin, dass Mikroplastikpartikel beispielsweise negative Auswirkungen auf die Bodenorganismen haben - etwa auf Regenwürmer und damit auch auf die Bodenstruktur ganz allgemein. Das wiederum dürfte sich auch auf das Pflanzenwachstum auswirken und langfristig geringere Ernteerträge zur Folge haben.

Woher kommt das Mikroplastik auf Ackerflächen?

Aber Mikroplastik in den Böden kommt nicht nur von Kunststofffolien. Über Klärschlamm beispielsweise, in dem noch viele Plastikteilchen stecken, werden ebenfalls kleinste Plastikteilchen eingebracht. 12 Prozent des Klärschlamms in Bayern werden nach wie vor landwirtschaftlich verwertet (LfU 2017). Aber auch Düngemittel sind teilweise mit einer Kunststoffhülle ummantelt, damit der Wirkstoff langsamer in den Boden und an die Pflanze abgegeben werden kann. Diese so genanntem oxo-abbaubarem Kunststoffe sind von der EU allerdings ab Mitte 2021 verboten.

Wie gut funktionieren biologisch abbaubare Folien?

Plastikfolien sparen Pestizid- und Wassereinsatz - bringen aber meist die Mikroplastik-Problematik mit sich...

Sehr viele und derzeit vielleicht noch zu viele Erwartungen werden in biologisch abbaubare Folien in der Landwirtschaft gesetzt. Klingt gut, wenn Kunststoffe sich sozusagen in Wohlgefallen auflösen und Mikroplastik kein Problem mehr ist. Die Anforderungen an solches Plastik - im Freien und bei jeder Witterung - sind materialwissenschaftlich natürlich enorm: Erst sollen sie Wärme spenden und vor Schädlingen schützen, und nach der Ernte, wenn sie nicht mehr gebraucht werden, sollen sie sich problemlos unterpflügen lassen und verschwinden.  

Tatsächlich im Einsatz sind biologisch abbaubare Kunststoffe derzeit nur in ganz bestimmten Bereichen. Zum Beispiel Folien aus Maisstärke, die für Kürbisse eingesetzt werden können.

"Das macht vor allem dann Sinn, wenn man eine dünne Folie verwenden will - denn das ist das große Problem bei den konventionellen Folien, dass oft zu dünne Folien verwendet werden, die dann nach Ablauf der Saison nicht mehr eingesammelt werden können."

Hasso von Pogrell, Geschäftsführer des Erzeugerverbands European Bioplastics

Gerade bei dünnen Folien können biologisch abbaubare Varianten ihre Stärke voll ausspielen. Wenn hier Stücke abreißen oder ausreißen, verbleiben sie eben nicht die nächsten 400 Jahre im Ackerboden, so wie das bei herkömmlichem Plastik der Fall ist.

Allerdings, sagt Franziska Rintisch, Referentin für Obst- und Gartenbau beim Bayerischen Bauernverband, verhalten sich die abbaubaren Folien in der Praxis oft anders als gewünscht: "Ich habe nach dem Pflügen auch wieder Schnipsel. Die Folie ist ja dann nicht auf einmal weg. Für den Laien ist nicht zu erkennen 'Ist das eine normale Folie, ist das eine biologisch abbaubare Folie?'." Spätestens nach einem Jahr ist alles weg, verspricht dagegen Hasso von Pogrell vom europäischen Bioplastikverband: "Die sind extra zertifiziert dafür, dass sie sich im Boden abbauen. Das sind natürlich sehr viel schwerere Bedingungen als in einer industriellen Kompostieranlage, wo man eine hohe Temperatur und hohe Luftfeuchtigkeit hat. Das heißt, diese Folien müssen noch höhere Anforderungen erfüllen als eine kompostierbare Plastiktüte.“

Hören Sie dazu auch den "Besser leben" Podcast "Wie gut sind kompostierbare Verpackungen wirklich?"

Bis es auch bei den biologisch abbaubaren Kunststoffen mehr praktische Einsatzmöglichkeiten in der Landwirtschaft gibt, dürften noch etliche Jahre vergehen. Hier ist noch viel Forschungs- und Entwicklungsarbeit notwendig. Zum Beispiel wäre auch die Recyclingfähigkeit von biologisch abbaubaren Folien ein wichtiger Punkt. Bisher sind sie dafür nicht geeignet. 

Wie gut sind Folien aus nachwachsenden Rohstoffen?

Neben den abbaubaren Kunststoffen gibt es auch noch so genannte biobasierte Kunststoffe. Also Plastik, das nicht aus Erdöl, sondern aus nachwachsenden Rohstoffen wie Polymilchsäuren oder Zucker gewonnen wird. Diese biobasierten Kunststoffe sind genauso widerstandsfähig wie herkömmliches Plastik und lassen sich beispielsweise auch bei Spargel und ähnlichem einsetzen. Biobasiertes Plastik lässt sich auch gut weiterverarbeiten oder recyceln, aber baut sich eben auch genau so langsam ab wie petroleumbasiertes Plastik. Das Mikroplastikproblem bleibt bestehen. Weil biobasierte Folien sehr teuer sind, werden sie in der Landwirtschaft eher selten verwendet.

Wohin mit alten Plastikfolien?

Wirklich gut ist eine Plastikfolie oder ein Kunststoffnetz in der Landwirtschaft, das möglichst lange hält. Bis zu zehn Jahre kann eine starke Spargelfolie immer wieder verwendet werden. Schlitzfolien oder Vliese lediglich zwei, drei Jahre - und auch nur, wenn sie richtig gelagert werden. Jahrelang gaben Landwirte ihre Plastikabfälle lediglich in die Verbrennung. Mittlerweile wird über das Projekt Erntekunststoffe Recycling Deutschland (ERDE) versucht, Plastik aus der Landwirtschaft im Kreislauf zu halten. Ähnlich dem Dualen System werden hier die Sammlungen von Plastikabfall aus der Landwirtschaft organisiert und über einen Entsorger abgewickelt.

Auch beim Naturschutzbund Deutschland begrüßt man die Recyclinginitiative. Kreislaufwirtschaftsexperte Michael Jedelhauser sieht aber eine Schwachstelle: "Sie ist eben nur freiwillig, das heißt jeder Landwirt, jede Landwirtin kann selbst entscheiden, ob sie die Folien, die Folienabfälle, dann zu diesen zentralen Sammelstellen bringt und dort dann auch gegen eine Gebühr dann entsorgt." Deshalb plädiert der Naturschutzbund auch für ein bundesweites und gesetzlich verpflichtendes Rücknahmesystem. Lorena Fricke, Managerin vom Recyclingprojekt ERDE setzt dagegen auf Freiwilligkeit und finanzielle Anreize für die Landwirte:

"Die Hersteller der Folien unterstützen finanziell das System. Im Mittel, es variiert von Region zu Region, zahlen Sie 100 Euro pro Tonne, aber in der Verbrennung 150 bis 200 Euro pro Tonne. Wir haben da relativ große Kosteneinsparungen für die Bauern realisieren können."

Lorena Fricke, Managerin vom Recyclingprojekt ERDE

Mittlerweile sind die Produkte von 85 Prozent der Kunststoffhersteller für ERDE lizenziert. Noch in diesem Jahr sollen alle an Bord sein.

Blühstreifen für mehr Leben in der Folienwüste

Ein relativ einfacher Vorschlag, wie man etwas mehr Natur in die Folienwüsten bekommen könnte, kommt von der Bayerischen Landesanstalt für Weinbau und Gartenbau: Die Laufwege in den Dauerkulturen - also etwa bei Spargel oder auch Erdbeeren - nach der Ernte begrünen. Das würde nicht nur das Landschaftsbild verbessern, sondern könnte eben auch den Schutz des Bodens verbessern. Zudem wären solche Blühstreifen auch gut für Insekten, Bienen und andere Nützlinge. Vor allem mehrjährige Blühstreifen könnten dann auch schon im frühen Frühjahr die großflächigen, folienbedeckten Spargelflächen verschönern oder bunter machen. Es gibt allerdings noch keine fertigen Mischungen, da wird noch getüftelt.

Quellen und weiterführende Links

Bayerische Landesanstalt für Weinbau und Gartenbau: Folien und Vliese zur Gemüseverfrühung

Bayerischer Bauernverband: Infos zur Aktion ERDE (pdf)

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