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Grippeimpfung Manche Kinderärzte raten, in Corona-Zeiten auch Kinder gegen die Grippe impfen zu lassen

Für Senioren, chronisch Kranke und Raucher wird die jährliche Grippeschutzimpfung immer dringend empfohlen. In Corona-Zeiten raten manche Kinderärzte dazu, auch Kinder gegen die Grippe impfen zu lassen. Lesen Sie, warum.

Stand: 01.09.2020 | Archiv

Mädchen wird von einer Ärztin geimpft | Bild: mauritius images

Corona-Pandemie: Deswegen raten manche Kinderärzte zur Grippeschutzimpfung für Kinder

Er empfehle allen Eltern, ihre Kinder in diesem Herbst gegen Grippe impfen zu lassen, das sagte Johannes Hübner, leitender Oberarzt der Kinderklinik der Ludwig-Maximilians-Universität München und Vorsitzender der Deutschen Gesellschaft für Pädriatische Infektiologie, der Zeitung "Welt am Sonntag". Das hat vor allem zwei Gründe: Einerseits geht es um die Gesundheit der Kinder. Jede Grippesaison erkranken Kinder mit so schwerem Verlauf an der Grippe, dass sie im Krankenhaus behandelt werden müssen. Besonders Kinder mit Vorerkrankungen wie zum Beispiel Asthma, Diabetes oder Erkrankungen des Immunsystems müssten geschützt werden. Zweiter Grund: Kinder stecken andere an. "Wir wissen, dass Kinder den Influenza-Virus maßgeblich übertragen", sagte Johannes Hübner der Zeitung weiter. Die Impfung dient damit zum Schutz anderer.

Auch Bundesgesundheitsminister Jens Spahn empfiehlt die Grippeschutzimpfung im Herbst. "Gleichzeitig eine größere Grippewelle und die Pandemie kann das Gesundheitssystem nur schwer verkraften", sagte der Minister im selben Zeitungsartikel. Die Bundesregierung habe daher zusätzlichen Impfstoff für den Herbst beschafft.

Das Paul-Ehrlich-Institut, in Deutschland zuständig für Impfstoffe, hat bereits jetzt 13,6 Millionen Influenza-Impfdosen freigegeben. Insgesamt werden es in diesem Jahr wohl an die 25 Millionen Impfdosen sein, so das Institut.

Corona-Pandemie: Durch den Corona-Lockdown kaum Influenza-Fälle auf der Südhalbkugel

Auf der Südhalbkugel, wo die Grippesaison von Mai bis Oktober dauert, gab es dieses Jahr verschwindend wenige Influenza-Fälle. Eine Grippewelle fand auf der Südhalbkugel quasi nicht statt - Berichte aus Südafrika, Teilen von Südamerika, Australien und Neuseeland belegen das, so die Quintessenz aus einem Artikel in der Fachzeitschrift "Science".
Beispiel Südafrika: 2019 waren es 1.094 erfasste Influenza-Fälle, 2020 nur sechs. Anscheinend haben Reisebeschränkungen, Schulschließungen, soziale Distanzierung und das Tragen von Masken die Verbreitung der Influenzaviren verhindert. Deswegen konnte auch die Wechselwirkung zwischen Infektionen mit SARS-CoV-2 und Influenzaviren nicht hinreichend untersucht werden, stellt Kelly Servic, die Autorin des Artikels, fest. Weiterer Aspekt der ausgebliebenen Grippewelle: Die richtigen Erreger für die Grippeimpfung 2021 auf der Südhalbkugel zu treffen, könnte schwieriger werden.

In der Corona-Pandemie: Frühere Grippeimpfung und Impfung für alle sinnvoll?

Die Ständige Impfkommission (STIKO) empfiehlt notwendige Impungen in Deutschand. Sie kam Ende Juli zu der Auffassung, dass es in Zeiten der Corona-Pandemie besonders wichtig wäre, hohe Influenza-Impfquoten bei den Risikogruppen zu erreichen. In den vergangenen Jahren waren lediglich rund 35 Prozent der über 60-Jährigen in Deutschland gegen Grippe geimpft. Die STIKO sieht zum aktuellen Zeitpunkt keine Notwendigkeit, ihre Impfempfehlung auch auf andere Bevölkerungsgruppen auszuweiten.

Für alle anderen, die sich auch gegen die Grippe impfen lassen wollen, besteht auch in diesem Jahr kein Grund zur Eile. Sie können sich - wie in den Vorjahren - im Oktober oder November impfen lassen:

"Die STIKO sieht gegenwärtig keine Gründe, in diesem Jahr besonders frühzeitig mit der Influenzaimpfung zu beginnen. Sie bekräftigt hingegen, dass eine Influenzaimpfung durchaus auch noch später im Verlauf der Influenzasaison sinnvoll sein kann, wenn eine Impfung vor Saisonbeginn verpasst wurde."

Robert-Koch-Institut (RKI)

Für wen ist die Grippe-Impfung besonders sinnvoll?

Das RKI empfiehlt eine Impfung allen Menschen, die ein erhöhtes Risiko für schwere Verläufe oder Komplikationen bei einer Infektion mit der Influenza haben. Das sind Schwangere, Raucher, ältere Menschen ab 60 Jahren und immungeschwächte Menschen, Bewohner von Pflege- und Altenheimen, Menschen mit chronischen Erkrankungen wie zum Beispiel Diabetes oder Multiple Sklerose, aber auch medizinisches Personal und Menschen, die täglich viel Kontakt mit anderen Menschen haben.

Außerdem sollten sich laut RKI Menschen impfen lassen, die Kontakt zu Geflügel oder Wildvögeln haben. Grund: Die Grippeschutzimpfung schützt zwar nicht vor der Vogelgrippe, verhindert aber "problematische Doppelinfektionen".

Arbeitsmediziner Dr. Tobias Benthaus hält eine Impfung in fast allen Fällen für sinnvoll, auch wenn man selbst nicht zu den Risikogruppen zählt: "Selbst, wenn Sie nur schwache Symptome haben, stecken Sie andere an - und bei denen kommt es dann unter Umständen zu Komplikationen."

"Es gibt in jeder Altersgruppe tödliche Verläufe."

Dr. Tobias Benthaus, Arzt am Institut für Arbeitsmedizin der Universität München

Wann soll man zur Grippeimpfung gehen?

Der Impfstoff wird jedes Jahr neu zusammengestellt. Es wird empfohlen, sich im Zeitraum Oktober bis November impfen zu lassen , denn nach der Impfung dauert es etwa zehn bis 14 Tage, bis sich der Schutz aufbaut. Das RKI schreibt: "Die jährliche Influenzawelle hat in Deutschland in den vergangenen Jahren meist nach der Jahreswende begonnen."

Doch auch wenn die erste Grippewelle bereits abgeflaut ist, können weitere folgen. Wer zu einer der genannten Risiokogruppen gehört, für den kann in Absprache mit dem eigenen Arzt eine Impfung auch später noch sinnvoll sein.

Grippe-Symptome

Die Grippe oder Influenze ist eine Viruserkrankung, die über Tröpfcheninfektion übertragen wird - zum Beispiel bei einem Handschlag, aber auch durch Kontaktinfektion über Gegenstände. Zwar wird der Begriff "Grippe" häufig auch für Erkältungen, also grippale Infekte, verwendet. Eine "echte" Influenza hat aber häufig einen deutlich schwereren Verlauf: Typisch sind plötzlich auftretendes hohes Fieber und starke Hals-, Kopf- und Gliederschmerzen. In schlimmen Fällen kann es zu Komplikationen wie Lungenentzündungen kommen.

Grippe oder Erkältung - wie kann man beide Erkrankungen unterscheiden

Wie gesagt: Die Symptome der Grippe treten plötzlich und mit voller Wucht auf - eine Erkältung macht sich schon ein paar Tage vorher bemerkbar. Außerdem ist hohes Fieber ein Merkmal der Grippe ebenso wie die Dauer: Eine normale Erkältung ist nach etwa einer Woche vorbei, eine Grippe ist langwieriger.

Wie lange dauert eine Erkältung?

Wer sollte sich nicht gegen Grippe impfen lassen?

Bei akuten fieberhaften Infekten sollte mit der Impfung gewartet werden, bis die Erkrankung überstanden ist. In jedem Fall sollte in einem Gespräch mit dem Arzt geklärt werden, ob möglicherweise Allergien bestehen.

Da in Grippe-Impfstoffen generell Spuren von Hühnerei und Spuren von Antibiotika enthalten sein können, sollten Menschen, die darauf allergisch reagieren, unbedingt vorher mit dem Arzt klären, ob die Impfung für sie sinnvoll ist. Wer gegen folgende Stoffe allergisch reagiert, darf nicht geimpft werden - Ovalbumin, Hühnerproteine, Neomycin, Formaldehyd, Octoxinol 9, Dinatriumhydrogenphosphat-Dihydrat, Kaliumhydrogenphosphat.

Grippeimpfung Nebenwirkungen

"Ich habe in einem Jahr 1.600 Menschen geimpft und es gab keine Komplikationen", sagt Dr. Tobias Benthaus. Dass Nebenwirkungen auftreten ist nicht ungewöhnlich, allerdings sind sie in den meisten Fällen nicht sehr stark, sagt Benthaus. Typisch sind Kopfschmerzen und leichte Symptome wie bei einem grippalen Infekt. "Nach ein paar Stunden ist das aber meistens wieder vorbei", sagt Benthaus.

Die Impfstelle kann innerhalb von ein bis drei Tagen leicht anschwellen und schmerzen, der geimpfte Arm sich anfühlen, als hätte man Muskelkater.

Leichter Sport nach Grippeimpfung erlaubt

Gegen leichte körperliche Belastung wie leichtes Joggen spricht nichts, aber übertreiben sollten Sie nicht. Also keine extremen Ausdauersportarten oder Trainings mit hoher Gewichtsbelastung wie Klettern. Beides könnte die Impfreaktion deutlich verstärken.

Schützt der Grippe-Impfstoff immer?

Nicht immer passt der Impfstoff genau auf die aktuellen Grippeerreger. Die Wahrscheinlichkeit einer Infektion ist aber dennoch niedriger als ohne Impfung. "Auch, wenn der Impfstoff nicht optimal zusammengesetzt ist, wirkt er trotzdem", sagt Dr. Benthaus. Denn auch bei einer Infektion ist das Risiko eines schweren Verlaufs deutlich geringer.

Grippeschutzimpfung - wer die Kosten zahlt

Für alle Patienten, für die die Impfung empfohlen wird, übernehmen die gesetzlichen Krankenkassen laut BZgA die Kosten. Bei privaten Versicherungen sind die Regelungen ähnlich. Viele Krankenkassen übernehmen mittlerweile die Kosten der Impfung für alle Versicherten. Unter Umständen zahlen auch Arbeitgeber die Grippeimpfung ihrer Arbeitnehmer.