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Warum gibt es Lieferengpässe bei Medikamenten? | BR24

© Bayerischer Rundfunk / radioWelt

Immer häufiger kommt es zu Lieferengpässen bei Medikamenten. Woran liegt das und wie lassen sie sich beheben? Antworten von Prof. Wolf-Dieter Ludwig, Vorsitzender der Arzneimittelkommission der deutschen Ärzteschaft.

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Warum gibt es Lieferengpässe bei Medikamenten?

Es betrifft ganz gängige Medikamente: Ibuprofen, Schilddrüsenmittel oder Blutdrucksenker sind immer häufiger monatelang nicht mehr in Apotheken zu bekommen. Woran liegt das – und wie lassen sich Arzneimittelengpässe beheben?

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Medikamentenwirkstoffe bzw. Arzneimittel sind zunehmend nicht lieferbar. Der Nachschub fehlt. Beim Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM) melden Pharmazieunternehmen freiwillig, wenn ein bestimmtes Medikament knapp wird. 2013 wurden 42 Meldungen registriert, aktuell sind es knapp 300 - bei rund 103.000 zugelassenen Arzneimitteln in Deutschland.

Artikel, die nicht geliefert oder nachbestellt werden können, landen in der sogenannten Defektliste der Apotheken. Häufig können Rezepte nicht vollständig eingelöst werden. Der Deutsche Apothekerverband (ABDA) schlägt deshalb Alarm: 2018 fehlten 9,3 Millionen verschreibungspflichtiger Medikamente, 2017 waren es noch 4,7 Millionen Packungen. Mit 7,2 Millionen Packungen allein im ersten Halbjahr 2019 hält der Trend an.

Denn ein fehlendes Medikament kann nicht ohne Weiteres durch ein anderes ersetzt werden, auch wenn der Wirkstoff derselbe ist. Manche Mittel wirken sofort, andere zeitverzögert. Außerdem ist nicht gesagt, dass der Patient das Ausweichmittel – häufig sogenannte Generika, bei denen das Patent abgelaufen ist auch verträgt.

Warum bleiben immer mehr Regalfächer in den Apotheken leer?

Der Bundesverband der pharmazeutischen Industrie (BPI) sieht einen Grund für den Medikamentenmangel in der weltweiten Konzentration der Wirkstoffproduktion. Aus Kostengründen haben die Pharmaunternehmen die Produktionsstätten meist nach China und Indien verlagert. Die Folge: Ein oder zwei Produzenten beliefern den gesamten Weltmarkt. Dadurch steigt das Risiko für Engpässe.

Ein zweiter Grund: Medikamente sollen kostengünstig sein. Krankenkassen schließen deshalb Rabattverträge mit Arzneimittelherstellern. Die Kasse zahlt nur die Medikamente dieses Herstellers. Der gewährt dafür Rabatt. Andere Produzenten stellen das Medikament nicht mehr her, weil ihnen der Absatzmarkt fehlt. Fällt der Rabattvertraghersteller aus, kann das Versorgungsloch nicht mehr gestopft werden.

Dritter Grund: die hohen Standards in Europa. Bei dem kleinsten Verdacht auf Verunreinigungen wird die Produktion und Auslieferung von Medikamenten angehalten. Die Folge: Lieferengpässe aufgrund des hohen Sicherheitsniveaus.

Welche Maßnahmen will die Politik in Deutschland ergreifen?

Die Politik kann Pharmaunternehmen nicht vorschreiben, was und wo sie produzieren. Gesundheitsminister Jens Spahn will das Problem mit einer generellen Meldepflicht angehen - bislang ist eine Meldung von Engpässen nur bei Impfstoffen an das Paul-Ehrlich-Institut (PEI) verpflichtend. Außerdem soll es die Möglichkeit geben, im Notfall von der Rabattbindung abzuweichen oder Medikamente ohne deutsche Packungsbeilage zu importieren. Apotheken und Großhändler sollen außerdem größere Vorräte anlegen.

Auf europäischer Ebene will Spahn das Vergaberecht ändern. Beim Abschluss von Rabattverträgen soll nicht nur nach dem Preis geschaut werden, sondern auch, ob Produktionsstätten in der EU lieferfähig sind. Eine weitere Möglichkeit wäre es, einen Hersteller, der nicht liefern kann, zu sanktionieren, weil er seinen Vertrag nicht einhält. Diese Maßnahmen würden allerdings erst langfristig den Patienten helfen.

Drohen Patienten ernsthafte Gesundheitsgefahren?

Das Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte sieht keinen Grund, Alarm zu schlagen. Ein gemeldeter Lieferengpass sei noch lange kein realer Versorgungsengpass. Gemessen an allen Meldungen entstünden Versorgungsengpässe "relativ selten". Bei einem Lieferengpass ist ein Medikament mehr als zwei Wochen nicht verfügbar oder wird deutlich stärker nachgefragt als angeboten. Deutlich seltener sind im Gegensatz dazu Versorgungsengpässe, wenn für eine Arznei kein Alternativpräparat zur Verfügung steht und ein großer Teil der Bevölkerung betroffen ist.

Die Krankenkassen möchten an den Rabattverträgen festhalten. Allein 2018 hätten Rabattverträge die Arzneiausgaben der Kassen um 4,5 Milliarden Euro gesenkt. Auch könnten Pharmahersteller so besser planen. Überhaupt werde die Rolle von Rabattverträgen bei Lieferengpässen überschätzt. "Dafür ist das deutsche Pharmageschäft viel zu klein," so die Aussage der Kassen. Hersteller agierten global.

Mathias Arnold, Vizepräsident der Apothekervereinigung ABDA, sieht noch ein Mittel zur Lösung bei Engpässen: ein Exportverbot lebensnotwendiger Arzneien, bei denen Knappheit herrsche. Oft würden Medikamente aus Deutschland nach Großbritannien oder Schweden verkauft, wo die Arzneipreise höher sind.

"Das Problem ist, dass die Arzneipreise reguliert sind, aber der Handel ist frei." Mathias Arnold, Vizepräsident der Apothekervereinigung ABDA