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"Ziemlich heiter": Pavel Kohout wird 90 | BR24

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Pavel Kohout

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    "Ziemlich heiter": Pavel Kohout wird 90

    Er gehörte zu den Verfassern der regimekritischen "Charta 77" und wurde dafür in der kommunistischen Tschechoslowakei verfolgt: Der Regisseur und Autor Pavel Kohout gehört zu den großen, liberalen Denkern und kämpft für Europa. Von Niels Beintker

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    Eine der wichtigsten Theaterinszenierungen von Pavel Kohout wurde niemals auf einer öffentlichen Bühne aufgeführt: „Play Macbeth“, eine Bearbeitung von Shakespeares berühmter Tragödie über Aufstieg und Fall eines Tyrannen. Als Aufführungsort dienten diverse Prager Wohnzimmer.

    Ich habe vorher bei vielen großen Bühnen als Regisseur gearbeitet, danach auch – aber bei dieser Arbeit, auf kleinem Raum mit praktisch improvisierten Sachen, habe ich festgestellt, dass Theater ein Genre ist, eine Kunst der Künste, ein Gesamtkunstwerk, das nicht sterben kann.

    "Beweis für gutes Gewissen"

    Der Rückzug ins Private war die einzige Möglichkeit, überhaupt Theater zu spielen. Pavel Kohout hatte kurz zuvor zusammen mit Václav Havel und anderen Dissidenten die „Charta 77“ verfasst, eines der bedeutendsten Dokumente der demokratischen Opposition in den kommunistischen Diktaturen. Seit der Niederschlagung des Prager Frühlings im August 1968 und der dann folgenden sogenannten „Normalisierung“ galt der Dramatiker und Schriftsteller als persona non grata in der Tschechoslowakei. Mit der „Charta“ verschärfte sich der Druck auf ihn, seine Familie, seine Mitstreiter. Die „Wohnzimmer-Aufführungen“ wurden von der Polizei gestürmt.

    Es war ein bisschen ein Beweis, dass es so etwas wie ein gutes Gewissen gibt, das einem Menschen dann auch sehr behilflich ist, in solchen Situationen. Wir haben eigentlich die ganzen zehn Jahre, als wir noch in der Tschechoslowakei waren, ziemlich heiter erlebt. - Pavel Kohout

    "Es war wirklich ein Irrtum"

    1979 wurde Pavel Kohout im Zuge einer Reise nach Österreich ausgebürgert. Die tschechoslowakische Staats- und Parteiführung hatte Angst vor diesem Erzähler und Theaterautor, der „Fall Kohout“ erinnert ein wenig an den Wolf Biermanns. Geboren am 20. Juli 1928 in Prag gehörte Pavel Kohout als junger Mann zu den Anhängern der Kommunistischen Partei, wie andere spätere regimekritische Künstler und Dissidenten auch, darunter der Schriftsteller Milan Kundera. Die Erfahrung der Besetzung und Zerschlagung des tschechoslowakischen Staates durch die Deutschen einte diese junge Generation – und machte sie zugleich empfänglich für die kommunistische Idee. In seiner 2010 erschienen und in Tschechien gerade in überarbeiteter Form neu veröffentlichten Autobiographie erzählt Kohout ausführlich von der Verheißung und vom immer größer werdenden Zweifel.  

    Nachdem wir festgestellt hatten – nicht zu spät –, dass das wirklich ein Irrtum war, dass das eine – wie ich das nenne – Flucht von Hitler zu Stalin war, hatten wir ein schlechtes Gewissen. Und ich glaube, das schlechte Gewissen hat uns auch in den 60er und 70er Jahren geholfen. Denn wir wussten, dass ein zweites Versagen im Leben unmöglich ist. - Pavel Kohout

    "Wunder nicht aufgeben"

    Es gehört wohl zum Schicksal einer solchen Biographie, dass das künstlerische Werk ein wenig im Schatten der Rolle des Dissidenten, des unabhängigen kritischen Intellektuellen, stand und steht. Das ist bei Václav Havel nicht anders. Pavel Kohout hat – neben der Arbeit für das Theater – eine Vielzahl von lesenswerten Romanen geschrieben, immer wieder zu zeithistorischen Stoffen, der vorerst letzte – „Tango mortale“ – erschien 2012. Und immer wieder hat sich Pavel Kohout zu politischen Fragen zu Wort gemeldet – und meldet sich gelegentlich noch zu Wort, etwa mit Blick auf die Verfassung Europas. Die Einigung Europas betrachtet er – heute zu Hause in Prag und in Wien – als eine Sternstunde seines Lebens.

    Und wann immer ich doch noch verzweifele, dann erinnere ich mich an die Karte Europas aus der Zeit meiner Geburt, wo es eine kleine, verlassene Insel der Demokratie, die Tschechoslowakei gab, umgeben von faschistischen oder faschistoiden Staaten. Und dann denke ich: Um Gottes Willen, sollen die Menschen, die jetzt schon nicht unsere Erfahrungen haben und die es nicht vergleichen können und in der Lage sind, auf populäre Stimmen einzugehen – dass sie dieses Wunder nicht aufgeben und nicht verlieren. Das wäre eine Katastrophe, eine unwiederholbare Katastrophe.- Pavel Kohout

    Europa sollte ihm dankbar sein

    Mahnende Worte, zumal in einer Zeit, in der Europa-feindliche Populisten in Tschechien Regierungsverantwortung haben. Pavel Kohout wirbt auch im Alter von 90 Jahren für Positionen, die nicht unbedingt von einer Mehrheit geteilt werden. Europa – sein Europa – sollte ihm dafür einmal mehr dankbar sein.