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Die Villen stehen noch: Lehár-Festival in Bad Ischl | BR24

© Lehár-Festival Bad Ischl

Die Blume von Hawaii: Sieglinde Feldhofer

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Die Villen stehen noch: Lehár-Festival in Bad Ischl

In der Sommerfrische im Salzkammergut trafen sich die Superstars der Operette: Ausgerechnet hier belebt Intendant Thomas Enzinger das angestaubte Sujet mit aktuellen Bezügen, auch zur Flüchtlingspolitik. Von Peter Jungblut.

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Wenn die Arbeitsbedingungen nicht perfekt sind, kann ich nicht sagen - ironisch ausgedrückt - ich reise sofort ab - wohin soll ich reisen, ich bin doch der Chef! Aber, was natürlich schön ist, das wir kein fixes Ensemble haben, sondern Leute herholt, von denen man sich sagt, mit denen will ich hier was umsetzen, und das ist natürlich ein großer Luxus. - Thomas Enzinger

Und diesen Luxus weiß Thomas Enzinger zu schätzen, denn als reisender und viel beschäftigter Regisseur muss er auch mal an Theatern inszenieren, wo die Arbeitsbedingungen nicht immer optimal sind, muss mit gelangweilten Intendanten und wenig motivierten Sängern klar kommen. Und auch hier, in Bad Ischl, wo er seit letztem Jahr das Lehár-Festival leitet, muss sich Enzinger, einer der begabtesten Operetten-Spezialisten, natürlich mit Mängeln herumschlagen - die Akustik im Kurhaus zum Beispiel, die ist noch sehr "hallig", da soll nachgebessert werden. Die Aura von Bad Ischl freilich, die ist perfekt.

Ja, das glaubt man nicht, wenn man da herum geht: Die ganzen Villen von Kalmán, vom Richard Tauber, vom Léhar, von den Librettisten die Wohnungen, die Villen, das ist ja alles noch hier, das gibt es alles noch in Originalform. Man muss sich vor Augen halten, man kann das mit Andrew Lloyd Webber vergleichen, dieser Ruhm, dieser Erfolg, das war damals Franz Léhar, und der hat hier gelebt. - Thomas Enzinger

Pilgerziel für Gläubige

Klar, Bad Ischl ist ein Pilgerziel, so wie Bayreuth für Wagner-Fans oder Salzburg für Mozart-Enthusiasten, aber Pilger sind bekanntlich fast immer auch Gläubige, Traditionalisten und damit sind solche Weihestätten immer in Gefahr, zum Museum zu werden.

Früher war Ischl, gerade auch in den zwanziger Jahren, kein Museum. Da sind die Stücke entstanden, die Superstars unter den Komponisten, unter den Librettisten, die waren hier, haben sich hier ausgetauscht. Ischl steht für Vergangenheit, aber das Festival auch für Zukunft. - Thomas Enzinger

Kein Freund vom erhobenen Zeigefinger

Aktuell traut sich Thomas Enzinger was: Paul Abrahams Revue "Die Blume von Hawaii" steht auf dem Programm, neben Lehárs unverfänglichem "Land des Lächelns". Abraham war Jude, musste Deutschland 1933 verlassen und erkrankte im amerikanischen Exil an Syphilis. Geistig umnachtet soll er in New York mit weißen Handschuhen den Straßenverkehr dirigiert haben. Als gebrochener Mann kehrte er nach Deutschland zurück, erfolglos, vergessen. Hier, in Bad Ischl, steht er wieder auf der Bühne, als sein eigener Conferenciér samt weißer Handschuhe, spricht über Flucht und Vertreibung, singt ein bitteres, scharf satirisches "Nigger-Lied" über Ausgrenzung und Fremdheit und kommt zum Fazit: Nicht abzureisen sei für den Flüchtling erniedrigend, sondern anzukommen.

Ich bin generell kein Freund vom Theater mit erhobenem Zeigefinger, das versuche ich immer zur vermeiden, aber ich habe bei der "Blume von Hawaii" eine ganz spezielle Fassung geschrieben, die dieses Thema indirekt behandelt, denn es geht auch um die Lebensgeschichte des Paul Abraham, aber als fetzige, rasante Revue. - Thomas Enzinger

Operette wird viel zu "heilig" genommen

Am Ende, als ein paar Schwarz-weiß-Fotos von Abraham auf die Bühne projiziert werden und er von einem Psychiater abgeholt wird, entsteht eine beklemmende Atmosphäre. Was für ein Fanal, gerade in Ischl, diesem scheinbaren, goldenen Operetten-Paradies.

Gerade viele Werke der Operette werden viel zu "heilig" genommen. Das waren früher Stücke, die sind dauernd weiterentwickelt worden. Zum Beispiel bei der "Lustigen Witwe" das "Lippen schweigen", das ist nach 100 Aufführungen erst rein genommen worden, das gab es gar nicht in der Urfassung. Das waren Stücke, die sich permanent weiterentwickelt haben. Und wenn man sich alte Aufnahmen, auch von Tauber anhört, die haben sich nicht stoisch an die Noten gehalten, die haben nach Gefühl und Inszenierung gesungen, und da atmet dann Operette. - Thomas Enzinger

Sprache, die der heutigen entspricht

Thomas Enzinger bemüht sich vorbildlich, zeitgemäße Inszenierungen mit populärer Unterhaltung zu verbinden, nicht gerade leicht in diesen politischen Zeiten, wo große Teile des Publikums auf keinen Fall provoziert werden wollen, schon gar nicht in Bad Ischl. Solche Zuschauer übersehen, dass die Operette früher pure Satire war, sich tagesaktuell einmischte, gern auch moralische Grenzen überschritt.

Das war ja viel moderner, viel avantgardistischer, als man es heutzutage kennt. Und das ist glaube ich der Weg, den man suchen muss. Es geht nicht darum, und das war der Fehler in den sechziger, siebziger Jahren, dass man die Stücke zertrümmert, aber man muss natürlich eine Sprache finden, die der heutigen entspricht. - Thomas Enzinger

Noch bis 2. September konkurriert die "Blume von Hawaii" mit dem "Land des Lächelns" - und nächstes Jahr, da hat sich Thomas Enzinger "Das weiße Rössl" vorgenommen. Es wird sicher keine Tourismuswerbung, soviel ist sicher.

© Lehár-Festival Bad Ischl

Hörprobe in den Dschungel

© Lehár-Festival Bad Ischl

Paul Abraham mit weißen Handschuhen unterwegs: Mark Weigel