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Elektrisiertes Publikum: "Lohengrin" in Bayreuth umjubelt | BR24

© Enrico Nawrath/Bayreuther Festspiele

Waltraud Meier im Mittelpunkt als "Ortrud"

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Elektrisiertes Publikum: "Lohengrin" in Bayreuth umjubelt

Großer Beifall der Premieren-Zuschauer: Nach dem ersten Akt des "Lohengrin" war die Stimmung im Festspielhaus sehr zuversichtlich. Vor allem die Sänger wurden ausgelassen gefeiert. Christian Thielemann dirigierte sehr lautstark. Von Peter Jungblut.

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Sehr freundlicher Beifall nach dem ersten Aufzug: Das Bayreuther Premierenpublikum bejubelte einhellig die Hauptdarsteller, darunter Waltraud Meier als Ortrud. Die Mezzosopranistin findet im letzten Jahr ihrer Karriere nach Bayreuth zurück, wo sie einst im Krach geschieden war und 18 Jahre nicht mehr auf der Bühne stand. In der Titelrolle ist der rundum überzeugende Star-Tenor Piotr Beczała zu sehen – er hatte den glücklosen und textlich überforderten Roberto Alagna während der Endproben ersetzt. Anja Harteros singt die Elsa, die Rolle, die ursprünglich für Anna Netrebko vorgesehen war. Doch die sagte ebenfalls wegen Textproblemen ab, will jedoch nächstes Jahr zwei „Gala“-Vorstellungen wagen. Die Stimme der Harteros ist Geschmackssache: Manchem klingt sie allzu scharf für die hochromantische Rolle der Elsa. Über die sängerische Leistung von Waltraud Meier ist nach dem ersten Aufzug noch nicht viel zu sagen: Schauspielerisch stand sie eindeutig im Mittelpunkt, trotz weniger Sätze. 

Thielemann dirigiert "ohrenbetäubend"

Dirigent Christian Thielemann hatte noch im Vorfeld behauptet, er habe alle Mitwirkenden vor „zu viel Lautstärke“ gewarnt, auch den Chor. Gemessen daran war der klangliche Gesamteindruck geradezu „ohrenbetäubend“. Der Vorhang blieb übrigens während des Vorspiels geschlossen: Thielemann hielt das akustisch für besser. Regisseur Yuval Sharon hatte demgegenüber zunächst an eine blaue Projektion gedacht, die offensichtlich doch nicht realisiert wurde. Auch beim Bühnenbild scheint sich Thielemann durchgesetzt zu haben. Er wollte eine großräumige, leere Fläche, damit die Musik „atmen“ kann und nicht, wie er es ausdrückte, „gegen eine Kulisse klatscht“. In der Tat war die Textverständlichkeit großartig.

Inszenierung wenig originell

Lohengrin landet mit einer weißen Drohne auf dem Dach eines verlassenen Umspannwerks irgendwo im Schilf der holländischen Einöde. Der Mann ist offenbar spezialisiert auf Hochspannung und Starkstrom, denn kaum ist er angekommen, blitzen die durchhängenden Leitungen. Er elektrisiert also eine ganze, kraftlose Gesellschaft. Keine besonders originelle, ja fast unfreiwillig komische, wenn nicht sogar platte Idee, den Heilsbringer ausgerechnet als Elektriker auf die Bühne zu bringen. Rundherum zirpen die Grillen, der prominente Ausstatter und Maler Neo Rauch ließ sich jedenfalls vom Getier der niederländischen Sumpflandschaft inspirieren und hängte den Hauptdarstellern Insektenflügel um. Vorlage waren für ihn Motive auf Delfter Kacheln, und tatsächlich spielt der „Lohengrin“ bei Wagner ja am Ufer der Schelde, das im 10. Jahrhundert gewiss noch schlammig war.

Ganz in blau - nach Nietzsche

In der Bayreuther Inszenierung ist allerdings eher das 17. Jahrhundert gemeint, die große Zeit von Rembrandt, das goldene Zeitalter Flanderns. Entsprechend breite, weiße Krägen schmücken die Darsteller, die sich so statisch aufstellen wie zur „Nachtwache“. Ganz in Blau getaucht ist dieser „Lohengrin“, was auf den Wagner-Freund und –Feind Friedrich Nietzsche zielt, der die Musik des „Lohengrin“ mal als „blau und von opiatischer Wirkung“ bezeichnet hatte. Das macht was her, Neo Rauch ist ein großer Künstler, versteht sich auf Bildwirkung, allerdings deutlich weniger auf Bühnenpraxis. Da ist Regisseur Yuval Sharon auch keine große Hilfe, was ihm nicht vorzuwerfen ist. Der Kalifornier sprang ein, fand ein nahezu fertiges Konzept vor und konnte eigentlich nur noch dekorieren. Zu seinen Ideen gehört ein „Luftkampf“ zwischen Lohengrin und dessen Gegner Telramund, der optisch nicht sehr überzeugend ist. Dabei hatte Sharon ausdrücklich gesagt, er wolle aus Bayreuth kein Disneyland machen, das er von zuhause her kenne. Nach dem ersten Akt bleiben szenisch erhebliche Zweifel an diesem „Lohengrin“ – musikalisch blieben, abgesehen von der Lautstärke, keine Wünsche offen. Und wie hatte Christian Thielemann im Vorfeld gesagt? Einfach mal die Fantasie schweifen lassen!

© Enrico Nawrath/Bayreuther Festspiele

Ankunft des Ritters

© Enrico Nawrath/Bayreuther Festspiele

Trafo-Station an der Schelde