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Der Affe weiß zuviel: "Bericht an eine Akademie" in Eggenfelden | BR24

© Theater an der Rott

Wissen zerrinnt...

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Der Affe weiß zuviel: "Bericht an eine Akademie" in Eggenfelden

Zum ersten Mal wagte sich ein Komponist an Franz Kafkas Zivilisationskritik: Peter Androsch vertonte die Geschichte vom Affen, der notgedrungen zum Menschen wird. Ein packendes Gleichnis auf Migration und Kapitalismus. Nachtkritik von Peter Jungblut.

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Niedlich sehen sie aus, die Stoff-Affen, die im Orchestergraben und im Theater-Foyer zu sehen sind, sie lassen sich natürlich auch streicheln, aber der Affe auf der Bühne, der neigt eher zur Schwermut. Er raucht, trinkt und trägt Frack. Franz Kafka beschreibt in seinem "Bericht an eine Akademie" ja einen Schimpansen, der in Afrika gefangen wird und sich schon auf dem Schiffsweg nach Hamburg nach und nach in einen Menschen verwandelt, weil er beobachtet hat, dass Menschen nicht hinter Gittern gehalten werden.

Wie viel Anpassung ist nötig?

Rotpeter heißt der lernbegierige, anpassungsfähige Affe, weil er einen Streifschuss erlitten hat, und so eine rote Narbe haben sich alle Beteiligten am Eggenfeldener Theater auf die Wange gemalt: Regieteam, Orchester, Mitwirkende. Nur beim österreichischen Komponisten Peter Androsch machte das wenig Sinn, er trägt Vollbart. An Kafkas berühmtem und oft aufgeführten Text interessierte Androsch die Geschichte eines Exoten, der in einer ihm gänzlichen fremden Welt überleben will, einen "Ausweg" sucht:

Während des Schreibens sind mir erst diese vielen Facetten gekommen, die da drinnen stecken. Eine ist ja ganz offensichtlich, die Parallele zu den Migrations-Bewegungen. Was bedeutet Anpassung, Assimilation. Ist man erst akzeptiert, wenn man genauso ist wie alle anderen? Also, viele Fragen stecken da drinnen. Eine andere Fährte ist die Frage, sind die Menschen die neuen Affen in der voll digitalen Welt? Es gibt soviel, was man da rein lesen kann. Man kann es aber auch als Schicksal des einzelnen, verlorenen Wesens betrachten. - Peter Androsch

Lernen, um zu überleben

Bühnenbildner Gerrit von Mettingen hatte ein düster-silbergraues Verlies entworfen, halb Laderaum, halb Varieté. Gespenstisch schwebt ein riesengroßer Kranz aus Deckenleuchten in der Luft: Alle sollen sehen - hier wird ein unheimliches Wesen angestrahlt, unter Kontrolle gehalten, dressiert, erzogen. Es regnet Konfetti, Asche, Schnee. Eine beklemmende, einschüchternde, faszinierende Optik. Der junge Regisseur Yaron David Müller-Zach inszeniert darin zwei Personen, den arroganten Herrenmenschen, herrlich blasiert gesprochen von Markus Krenek, und den Affen Rotpeter, mit rebellischer, rauer, animalischer Energie gesungen und mit viel Körpereinsatz gespielt von Bariton Armin Stockerer. Er ist nicht die geschundene Kreatur, nicht das Zootier, sondern steht vielmehr für die Gefühlswelt des Menschen, für seine Zerbrechlichkeit, seine Verzweiflung. Er will lernen, lernen, nur, um davon zu kommen, um seine Haut zu retten.

Gerade jetzt wo wir in neoliberalen Zeiten leben, ist ja die Anforderung an den normalen Menschen, immer zu lernen, fast so was wie ein Mantra der Wirtschaft geworden. Das ist schon was, was wir auch bei uns selbst entdecken: Das Wissen veraltet wahnsinnig schnell, und wir sind gezwungen, nur, damit wir leben dürfen, immer was Neues zu lernen. - Peter Androsch

Musik flirrend und bedrohlich

Die sehr rhythmische, schattenhafte und raunende Musik für sieben Musiker erinnert mal an Herzschläge, mal an das Stampfen der Motoren, mal an Ethno-Klänge, mal an Walzer: Sigurd Hennemann dirigiert das flirrend und bedrohlich, ohne ins unverbindliche "Wabern" zu geraten. Am Ende spricht Affe Rotpeter ein einziges Wort: "Hallo", und es ist äußerst fraglich, ob er damit eine hoffnungsvolle Zukunft begrüßt, ob die Tür zum ersehnten Ausweg sich jemals öffnet.

Wieder am 12., 13. und 18. Mai, sowie weitere Termine.

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