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1001 Nacht im Knast: Burhan Sönmezs "Istanbul, Istanbul" | BR24

© Random House Verlag

Istanbul, auf den Kopf gestellt

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    1001 Nacht im Knast: Burhan Sönmezs "Istanbul, Istanbul"

    Wer das Wort "Frieden" erwähnt, macht sich in der Türkei schon verdächtig - so der Autor Burhan Sönmez. In seinem neuen Roman verarbeitet er seine Gefängnis-Erfahrungen. Heute kommt er in das Münchener Literaturhaus. Von Cornelia Zetzsche.

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    1980 gab es einen Militärputsch. Eine Million Menschen wurden in Gefängnisse unter der Erde gesteckt und tage, wochen-, monatelang gefoltert. Der Ort, an den man Burhan Sönmez brachte, war drei Etagen unter der Erde, eine Zelle von 1 x 2 Metern, genannt „das Dunkel“. Es gab eine Eisentür. An manchen Tagen war man allein, an anderen waren zehn und mehr Menschen darin. Niemand konnte sich hinlegen, jeder saß oder stand tagelang. Burhan Sönmez

    Vier Häftlinge - wie in "1001 Nacht" 

    Nun, mehr als drei Jahrzehnte später, beschreibt Burhan Sönmez die Haft, die er als 19jähriger nach Studenten-Protesten erlebte, in „Istanbul, Istanbul“. Der Roman ist ein Kammerspiel unter der Erde. Vier Häftlinge, ein Student, ein Arzt, ein Barbier, ein alter Mann erzählen sich Geschichten, im angstvollen Warten auf brutale Verhöre und Folter. Wie in „1001 Nacht“, wie im „Dekameron“, erzählen sie märchenhafte, dramatische, traurige, komische Geschichten gegen die Angst, die Gewalt, den Tod. Erzählen ist ein Fluchtweg, Humor und Hoffnung sind Opium und Überlebensmittel, die Stimmenvielfalt spiegelt die Metropole Istanbul, den Versuch, sie neu zu schaffen

    Schönheit, Melancholie, Freude

    Es gibt, sagt Burhan Sönmez, unzählige Istanbuls. Die Stadt ist wie eine biologische Zelle. Wenn tausende solcher Zellen zusammenkommen, schaffen sie einen neuen Körper, wie einen menschlichen Körper. Istanbul hat so viele gegensätzliche Gesichter: Verletzungen, Schönheit, Melancholie und Freude. Istanbul lässt sich nicht mit nur einem Wort beschreiben. Burhan Sönmez

    Dass die türkische Regierung gerade der Vielfalt den Kampf angesagt hat, erlebte er schon als Kind. Aufgewachsen in einem Dorf Anatoliens, in einer kurdischen Familie, mit einer Muttersprache, die verboten war und nur im Geheimen gesprochen wurde. Aber für Burhan Sönmez ist die Kraft des Worts ungebrochen. Und sein Roman feiert die menschliche Imagination, die eine andere als die reale Welt erschafft.

    Inneres Auge schaut in die Seele

    Wir Menschen haben zweierlei Universen, sagt er. Mit unseren Augen sehen wir draußen eine Stadt, den Himmel, die Welt, die Sterne und ein endloses Universum. Aber mit unserem inneren Auge schauen wir in unsere Seele, unsere Identität, sehen ein anderes Universum.

    Der Mensch sei noch nicht genügend entwickelt, noch nicht reif, sagt Burhan Sönmez angesichts dessen, was Menschen anderen Menschen an Grausamkeit antun. Und die Türkei in schwieriger geopolitischer Lage: Im Mittleren Osten, in der Nähe von Öl-Ressourcen, zwischen westlichen Interessen und türkischen Sultanaten, bis heute; erst recht seit dem Putsch im Juli 2016.

    Wer nur das Wort „Frieden“ erwähnt, gilt als Feind und Terrorist. Letztes Jahr sagte eine Lehrerin im Fernsehen, man solle den Krieg in Kurdistan beenden, Kinder sollten nicht getötet werden. Und was geschah? Die Lehrerin wurde zu einem Jahr Gefängnis verurteilt. Eine große Ärztevereinigung erklärte, der Krieg sei eine Angelegenheit der öffentlichen Gesundheitsfürsorge. Sie forderten eine friedliche Lösung im syrischen Krieg und kritisierten die türkische Militärintervention. Da wurde der gesamte Vorstand verhaftet und ist nun in Haft. Die Regierung treibe die Menschen ans Ende des Landes, einer Klippe. Und noch immer versuchen Bürger wie Burhan Sönmez, standhaft in der Türkei zu bleiben. Burhan Sönmez

    Flüchtlinge sind Teil dieser Welt 

    Burhan Sönmez könnte ins Ausland gehen. Nachdem er als Menschenrechtsanwalt 1996 schwer verletzt einen Mordversuch überlebt hatte, lebte er zehn Jahre in Cambridge. Aber jetzt bleibt er. Menschen wie er würden in der Türkei gebraucht, sagt er, und kämpft im PEN-Vorstand für bedrängte, verhaftete Autoren und Journalisten wie Deniz Yücel und hundert andere, weniger bekannte. Und wirbt für einen menschlichen Umgang mit den 3 Millionen Flüchtlingen aus Syrien.

    Ich war unglücklich als Flüchtling, ich träumte jeden Tag davon zurückzukehren. Denn wer sein Land verlässt, verliert seine Wurzeln, man kappt die Vergangenheit, aber ohne Vergangenheit, kann man nicht in der Gegenwart leben. Es gibt keinen Grund Flüchtlinge zu dämonisieren, in Deutschland oder anderswo. Flüchtlinge sind Teil dieser Welt, Menschen mit ihrem eigenen Reichtum im Geist und in ihrem Herzen. Wir können gewinnen mit diesem Reichtum und sei teilhaben lassen an unseren Werten. Die Zukunft der Menschheit ist wie ihre Vergangenheit, eine Mischung der Kulturen und Völker.