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Singspiel auf dem Nockherberg
© BR/Markus Konvalin

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Petr Jerabek
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Singspiel auf dem Nockherberg

Auch im heruntergekommenen Wellnessbereich unter der Bayerischen Staatskanzlei ist die neue Zeit eingezogen: Das alte Horst-Seehofer-Porträt muss runter von der Wand. Es ist der neue Hausherr Markus Söder (Stephan Zinner) selbst, der es achtlos auf den Boden wirft und dafür ein Kreuz aufhängt. Schon zu Beginn des Singspiels auf dem Nockherberg wird klar: Der alte Seehofer (Christoph Zrenner) im Bademantel spielt nur noch eine Nebenrolle, wichtigster Protagonist ist Söder - sportlich-dynamisch im lila Trainingsanzug.

Die Suche nach Söders Erfolgsgeheimnis

Das Singspiel "Das kleine Glück" stellt die Frage nach Söders Erfolgsgeheimnis in den Mittelpunkt. "Du hast das jämmerlichste Wahlergebnis seit 60 Jahren, und trotzdem sitzt Du so unangefochten im Sattel", sagt Freie-Wähler-Chef Hubert Aiwanger (Florian Fischer) zum Ministerpräsidenten. "Was ist Dein Geheimnis?" Söder wiegelt ab. "Von Geheimnis kann keine Rede sein. Die Basis des Erfolgs ist immer eine geschlossene Mannschaftsleistung", doziert er in perfektem CSU-Duktus. "Markus Söder ist jetzt auch wieder Europäer. Er ist offener geworden, lockerer, jünger, schöner, weiblicher. Und er ist ein Bienenfreund."

Im Vertrauen rückt er dann aber doch raus mit der Sprache: "Markus Söder hat sich das Ego verkleinern lassen", verrät er seinem neuen Partner Aiwanger. "Ein Teil des Egos ist operativ entfernt worden. Das war dann schon ein größerer Eingriff. Das hat ja schon ein bisschen gewuchert, sogar bösartig." Aiwanger staunt. "Wirklich? Das hat mir meine Partei auch schon nahegelegt."

"Dem Markus sein Dusel"

Tatsächlich aber ist das nur eine weitere Finte Söders, um von seinem wahren Erfolgsgeheimnis abzulenken. Dieses hält er gefangen in einem alten Spind im Keller und füttert es gelegentlich mit fränkischen Glückskeksen: "Dem Markus sein Dusel" - ein zotteliges Wesen, das wie ein gealtertes Monchichi aussieht.

Zwar ist es eigentlich das Dusel aller Bayern, Söder aber hält es für sich allein versteckt: "Seit Du da bist, läuft's prima, Dusel", schwärmt er. "Mit so einem Wahlergebnis gibt einem die Partei normal den Gnadenschuss. Aber ein paar Mal an Dir geschnüffelt und schon ist man wieder on the top."

Söders Erfolgsgeheimnis: das Dusel (Gerd Lohmeyer).

Söders Erfolgsgeheimnis: das Dusel (Gerd Lohmeyer).

Überraschungsgäste Marianne und Michael

Boten die Singspiel-Macher Stefan Betz und Richard Oehmann vor einem Jahr mit Uschi Glas schon einen Special Guest, kommen heuer gleich zwei Überraschungsgäste auf die Bühne. Das Volksmusikduo Marianne und Michael besingt das Bayerndusel: "Es war ein Glückstag ganz gewiss / wia's Dusel bairisch geworden ist."

Ein besonderer Kniff der Autoren: Der volkstümliche Heile-Welt-Gesang mündet in scharfe Ironie: "Wenn fremde Völker Kriege führen / dann müssen's Waffen importieren / Wir Bayern helfen immer gern. / Das Geld bleibt hier, der Krach ist fern."

"Autoschmuserandi" Scheuer

Doch nicht nur Söder bekommt sein Fett weg. Da ist zum Beispiel Bundesverkehrsminister "Autoschmuserandi" Scheuer (Stefan Murr), der sich selbst für seinen Sieg über die Autobosse feiert - und letztlich einsehen muss, von ihnen über den Tisch gezogen worden zu sein. "Ja ja, unsere CSU-Verkehrsminister", spottet die Grüne Katharina Schulze (Sina Reiß) bei ihrer Singspiel-Premiere über Scheuer: "Ein Leben auf der Standspur. Ist ja auch ne Art Tempolimit."

Und da ist SPD-Chefin Nahles, die der Quietscheente SPD vergeblich einen roten Anstrich verpasst: "Mein Herz ist so schwer / die Ente quietscht nicht mehr", singt sie traurig in der Badewanne. Während Aiwanger vergeblich versucht, Söder seinen Vornamen beizubringen, rechnet Kanzlerin Angela Merkel (Antonia von Romatowski) mal so richtig mit Seehofer ab: "Wer ist der Mann, der nie geht, / obwohl nach ihm kein Hahn mehr kräht?"

Schafroths erste Fastenrede

Der echte Horst Seehofer kam dieses Mal nicht in die Paulaner Festhalle. Dennoch richtet auch der neue Fastenredner Maximilian Schafroth zu Beginn des Abends einen Gruß nach Ingolstadt in den "Röhrenfernseher" des Bundesinnenministers: Dass Seehofer seinen Nachfolger Söder an diesem Abend mit seiner Abwesenheit beglücke, "das hat Größe", witzelt Schafroth.

Keine Mönchskutte wie einst bei Bruno Jonas, keine Mama Bavaria wie zuletzt bei Luise Kinseher: Der neue Fastenprediger Maximilian Schafroth geht bei seiner Nockherberg-Premiere andere Wege: "Ich hab mich bewusst gegen eine Rolle entschieden", sagt er und stichelt gleich mal gegen den bayerischen Ministerpräsidenten: "Kein aufgesetztes Schauspiel, das ist Dein Kompetenzbereich, lieber Markus."

Scheuer, "der Charakterdarsteller"

Schafroth gießt seinen Spott über alle Parteien aus, zuweilen auch bissig, wenn auch nicht ganz so scharfzüngig wie der eine oder andere seiner Vorgänger. Es sind nicht durchweg die Untiefen der Politik, die Schafroth auslotet, immer wieder scherzt er über das Naheliegende. Neben Söder attestiert er zum Beispiel auch dem Bundesverkehrsminister ein Schauspieltalent: Andreas Scheuer (CSU) sei sogar ein Charakterdarsteller: "Du spielst glaubhaft einen Audi-Mitarbeiter, der so tut als wäre er der Verkehrsminister."

Die ersten verbalen Nadelstiche des neuen Fastenpredigers richten sich gegen die größte Partei im Freistaat. "Wenn die CSU behauptet, sie wäre eine christliche Partei, dann kann ich als Allgäuer Ex-Ministrant auch behaupten, dass ich ein Schweigemönch bin."

"Tofu-Jeanne-D'Arc" Schulze

Den bayerischen Wirtschaftsminister Hubert Aiwanger (Freie Wähler) versteht Schafroth nach eigenem Bekunden sehr gut, schließlich stamme er selbst auch aus einem kleinen Dorf. "Natürlich hat man eine elende Angst vor Elektroautos und neuen Stromtrassen, wenn man als Kind übern elektrischen Weidezaun gebieslt hat."

Grünen-Fraktionschefin Katharina Schulze betitelt Schafroth als "Klima-Heldin" und "Tofu-Jeanne-D'Arc". Mit Blick auf die Kritik, die Schulze kürzlich für ihren Los-Angeles-Flug geerntet hatte, empfiehlt er der Grünen-Politikerin einen Parteientausch. "Bei der FDP, hätt's keinen gejuckt. In der FDP ist es keine Schande, wenn man fliegt. In der FDP ist es eine Schande, wenn einem das Flugzeug nicht gehört."

Balkanroute statt Jakobsweg

Überhaupt: So ein Parteientausch wäre für den Fastenprediger auch für andere eine gute Lösung. "Das wäre gut für Euch alle "- sich einfach mal in den anderen hineinzuversetzen. So könnten CSUler vielleicht mal "statt dem Jakobsweg die Balkanroute rückwärts laufen, um zu spüren, wie der andere fühlt." Und Söder, der doch Demut lernen wolle, könne für einen Tag zur SPD. Einzig für die AfDler wäre ein Parteientausch laut Schafroth nicht geeignet. Denn für diese könnte es schlecht ausgehen, "wenn die Sea-Watch nicht gerade vorbeikommt".

"Der Katholik mit der Lizenz zum Abschieben"

Besonders bissig wird Schafroth vor allem dann, wenn es um die Asylpolitik der CSU geht. An Innenminister Joachim Herrmann gerichtet sagt er: "Sag mal, sind da Fernseher in den Ankerzentren drin? Dann werden die Leute das ja vielleicht sehen." Daher könne man beide Seiten jetzt miteinander bekannt machen: 'Liebe Asylsuchende, dear Asylum Seekers: This is Bavarian Innenminister Herrmann. A noble man (...) or as we say: Der Katholik mit der Lizenz zum Abschieben."

Am Ende wird Schafroth dann auch ohne Mönchskutte ein wenig zum Fastenprediger. Ob man gute Politik mache oder nicht, das erkenne man daran, "ob man sich wohlfühlt bei dem Gedanken, der Betroffene der eigenen Politik zu sein", philosophiert der Schwabe und lässt einen Appell folgen: "Verliert die Empathie nicht."

Maximilian Schafroth als Fastenredner

Maximilian Schafroth als Fastenredner