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Nachhilfe: Ein Armutszeugnis für die Schulen im Freistaat? | BR24

© pa/dpa/Frank Hoermann, Sven Simon

Kind auf dem Weg zur Nachhilfe

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    Nachhilfe: Ein Armutszeugnis für die Schulen im Freistaat?

    Etwa jeder siebte Schüler bekommt in Bayern regelmäßig Nachhilfe. Für den Bayerischen Lehrerinnen- und Lehrerverband heißt das, die bayerischen Schulen sind zu schlecht aufgestellt. Von Alexander Dallmus

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    Laut einer Bertelsmann-Studie sind es bundesweit rund 1,2 Millionen Schüler, die Nachhilfe bekommen. Die bayerischen Schüler rangieren im Mittelfeld, was die Häufigkeit der Nachhilfe anbelangt.

    Die Schüler selbst wollen Nachhilfe

    In den letzten Jahren jedoch hat sich etwas grundsätzlich verändert: Es lassen sich vor allem in Bayern immer häufiger Schüler Nachhilfe geben, die nicht akut versetzungsgefährdet sind, sondern das hohe Notenniveau verbessern wollen. Das bestätigt auch Cornelia Sussieck, Vorsitzende vom Bundesverband Nachhilfe- und Nachmittagsschulen in Osterburken (Baden-Württemberg).

    "Die Schüler entscheiden häufig sogar selbst, ob sie Nachhilfe wollen. Die Eltern haben gar nicht mehr so diesen Einfluss und sind heilfroh, wenn die Schüler auf die Idee kommen, sich Unterstützung oder Nachhilfe zu suchen." Cornelia Sussieck, Vorsitzende des Bundesverbands Nachhilfe- und Nachmittagsschulen

    Nachhilfe – ein paralleles Bildungssystem?

    Neben den professionellen Instituten und Einrichtungen zur Nachhilfe, existiert natürlich auch ein großer „grauer Markt“, auf dem prinzipiell jeder seine Dienste anbieten kann. Die Bertelsmann-Stiftung hat errechnet, dass bundesweit knapp 900 Millionen Euro pro Jahr für professionelle Nachhilfe ausgegeben werden. Die gewerkschaftsnahe Hans-Böckler-Stiftung schätzt den Betrag sogar auf mehr als eine Milliarde Euro.

    Kritik vom Lehrerinnnen- und Lehrerverband

    Nachhilfe muss man sich leisten können. Eltern zahlen demnach, im Schnitt, knapp 90 Euro pro Monat. Deshalb haben in der Untersuchung der Bertelsmann-Stiftung, Eltern mit höherem Einkommen auch etwas häufiger Nachhilfe für ihre Kinder organisiert.

    "Nachhilfe ist für mich ein Armutszeugnis für den Freistaat Bayern. Wir sind das reichste Bundesland, wir könnten doch die Schule so gut aufstellen, dass wir nicht Nachhilfe, Kohle von den Eltern bräuchten." Simone Fleischmann, Präsidentin des bayerischen Lehrerinnen- und Lehrerverbands (BLLV). 

    Was kostet eine Nachhilfestunde?

    Der Bundesverband der Nachhilfeschulen taxiert eine seriöse Nachhilfestunde á 45 Minuten übrigens zwischen 18 und 28 Euro. Vorausgesetzt es handelt sich um eine Fachkraft und Einzelunterricht. Beim Gruppenunterricht sollte nicht mehr als vier Schülern gleichzeitig Nachhilfe gegeben werden. Hier liegt der Kostenrahmen zwischen 8 und 15 Euro pro Schulstunde.  

    Nachhilfeschüler werden jünger

    "Lieblings“-Nachhilfefach der meisten Schüler ist immer noch Mathe (61 Prozent), dahinter kommen dann Fremdsprachen und Deutsch. Ein Trend der letzten Jahre: Vor allem bei Grundschülern gibt es verstärkt Nachhilfe, um zum Beispiel in Bayern den Übertritt aufs Gymnasium oder die Realschule zu schaffen.

    Enormer Druck durch den Übertritt

    Bis zu einem Notendurchschnitt von 2,33 gibt es eine Empfehlung für das Gymnasium, bis zu einem Notendurchschnitt von 2,66 für die Realschule. Das sorgt für enormen Druck:

    "Weil das hier so stark leistungsorientiert ist, verstehe ich die Eltern. Wenn mein Kind mal eine 2 hat, mal eine 3 hat und durch Nachhilfe gut eine 2 kriegen kann, ja mei, wenn ich's mir leisten kann, dann investiere ich das Geld in das Kind. Dann kriegt's eine 2 und kann ins Gymnasium." Simone Fleischmann, Präsidentin des bayerischen Lehrerinnen- und Lehrerverbands (BLLV). 

    Der bayerische Kultusminister Ludwig Spaenle kann diesen Druck auf Eltern von Grundschülern nicht erkennen:

    "Ich sehe, dass wir mit dem Klassenlehrersystem an der Grundschule eine sehr, sehr pädagogische Grundaufstellung haben, die die Begleitung, in der Regel über zwei Schuljahre hat, so dass das ein sehr individuelles Eingehen auf die Schüler auch ermöglicht." Ludwig Spaenle, bayerischer Kultusminister

    Eltern in Bayern legen weniger Wert auf Abitur

    Ein Wert aus der Jako-O-Bildungsstudie von 2017, scheint Spaenle zu bestätigen: Bayerischen Eltern ist – im Bundesvergleich – das Abitur gar nicht so wichtig. Auf die Frage, „Welchen Schulabschluss soll Ihr Kind nach Ihren Wünschen erreichen?“ hat mehr als die Hälfte (55 Prozent) eher zur „Mittleren Reife“ tendiert. Nur 34 Prozent wünschten sich die Hochschulreife. Das ist bundesweit der niedrigste Wert. Zum Vergleich: In NRW wünschen sich 68 Prozent, dass ihr Kind das Abitur macht. Im Berlin sogar 77 Prozent.

    Simone Fleischmann, Präsidentin des Bayerischen Lehrerinnen und Lehrerverbandes, sieht das im bayerischen Schulalltag aber anders abgebildet und belegt es mit Zahlen: So kämen auf einen „Aufsteiger“ im bayerischen Schulsystem in der Regel etwa drei „Absteiger“, die die Schulart wechseln müssen. 

    Bringt Nachhilfe wirklich was?

    Deutschland liegt im internationalen Vergleich eher zurück, was Nachhilfe neben der Schule angeht. Im unteren Drittel. In Japan oder Korea bekommen beispielsweise mehr als zwei Drittel der 15-jährigen Schüler Mathe-Nachhilfe. In Deutschland sind es „nur“ 28,6 Prozent.

    Nicht berücksichtig ist in allen Studien, der Nachhilfeunterricht, den es innerhalb der Familie gibt. Zwar klagen auch in der Jako-O-Bildungsstudie von 2017 mehr als die Hälfte der Eltern (53 Prozent), dass sie die „Hilfslehrer der Nation“ seien, aber das sind wesentlich weniger als noch 2010 (66 Prozent). Eltern, deren Kinder auf Halbtagsschulen gehen, bemängeln übrigens wesentlich stärker, dass sie Aufgaben der Schule mit übernehmen müssten.