Gedenken an Flucht und Vertreibung

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Gedenkakt für russlanddeutsche Opfer der Vertreibung

In der Bayerischen Staatskanzlei wurde heute Nachmittag der russlanddeutschen Opfer von Flucht und Vertreibung gedacht. Am 28. August 1941 ordnete der Oberste Sowjet der UdSSR die Deportation der Russlanddeutschen an. Von Gerhard Brack

Gleichzeitig wurde die Auflösung der Wolgadeutschen Republik angeordnet. Zwei Monate vorher hatte Hitler-Deutschland die Sowjetunion überfallen. Die Deportationen kosteten über 300.000 Menschen das Leben, erinnerte Monsignore Alexander Hoffmann. In Viehwaggons wurden die Russlanddeutschen nach Mittelasien und Sibirien verbracht, wo viele - oft ohne jedes Werkzeug - ausgesetzt wurden und an Hunger und Kälte starben:

"Diese Opfer sind keine anonyme Masse. Sie alle haben einen Namen. Es sind Eltern und Großeltern, unsere Verwandten. Sie waren Arbeiter, Bauern, Akademiker, Frauen und Männer, Alte und Junge. Wir beklagen unsere Brüder und Schwestern, die unter der Willkürherrschaft in Russland und in der Sowjetunion leiden und sterben mussten."

Verhungert, ermordet, vernichtet

Der Geistliche erinnerte an die tausenden Deutschen, die in ihren Siedlungsgebieten in der Sowjetunion an der Wolga, in der Ukraine oder im Kaukasus schon vor der Deportation in den Jahren des Terrors bis 1938 festgenommen und in Gefängnissen und Lagern erschossen wurden. Außerdem rief er die Zwangsarbeiter in Erinnerung, die in Mittelasien, im Ural und in Sibirien in Straflagern verhungerten und starben, an die, die wegen ihres Glaubens oder auch einfach wegen ihrer Zugehörigkeit zur deutschen Volksgruppe ermordet wurden:

"Wir denken an die Zehntausenden, die in den Arbeitslagern der Trudarmee verhungerten oder in brutaler Weise vernichtet wurden. Nie konnten sie wieder zu Frau und Kindern zurückkehren."

Die Russlanddeutschen verstehen sich als Nachkommen jener Siedler, die Zarin Katharina, die Große, im Juni 1763 nach Russland gerufen hatte, um das Land urbar zu machen und Zivilisation in unbevölkerte Teile ihres Reiches zu bringen.

Das Ende der deutschen Wolgarepublik

Im Wolgagebiet waren die Deutschen in der Mehrheit, so dass dort von 1918 an eine autonome Republik der Wolgadeutschen innerhalb der russischen Unionsrepublik mit Deutsch als erster Amtssprache bestand. Dort waren 1939 von rund 600.000 Bewohnern rund 370.000 deutsch. Am 27. August 1941, nach dem wurde die Wolgarepublik zerschlagen und die Bewohner pauschal als Spione, Kollaborateure, Saboteure und feindliche Agenten deportiert, viele ermordet.

Auf dieses Kapitel der Geschichte bezog sich Ewald Oster, der Vorsitzende der bayerischen Landesgruppe der Landsmannschaft der Russlanddeutschen, in seinem Grußwort:

"Die Vorwürfe der Kollaboration von Wolgadeutschen entbehrten jeder Grundlage. ... Innerhalb kürzester Zeit mussten sie ihre Wohnorte verlassen, verloren ihr Hab und Gut und wurden zu Rechtlosen, die man in Viehwaggons nach Westsibirien oder Kasachstan deportierte. Viele haben die oft wochenlange Reise nicht überlebt. Anschließend wurden sie in Sondersiedlungen zusammengefasst, die sie nicht verlassen durften - und das bis 1955, denn erst dann wurden diese 'Sondersiedlungen' aufgelöst."

Der Gebrauch der deutschen Sprache wurde den Russlanddeutschen verboten, Dörfer und Orte wurden russifiziert, Männer zur Zwangsarbeit verpflichtet.

Eine Mahnung an die Welt

Festredner Josef Zellmeier, CSU-Landtagsabgeordneter und zugleich stellvertretender Landesvorsitzender des Bundes der Vertriebenen, lobte den Fleiß und die Anpassungsfähigkeit der Russlanddeutschen. Seit dem Ende der Sowjetunion seien 4,5 Millionen Aussiedler und Spätaussiedler nach Deutschland gekommen, zwei Drittel davon aus Russland. Sie stellten damit die größte Gruppe von Menschen mit Migrationshintergrund in der Bundesrepublik, so Zellmeier.

"Das Schicksal der deutschen Heimatvertriebenen und Aussiedler ist eine Mahnung an die Welt, Vertreibungen zu ächten und Vertreiber hart zu bestrafen. Die Opfer, derer wir heute ehrend gedenken, verpflichten uns, das Recht auf Heimat als Menschenrecht durchzusetzen."

Berührende Erinnerung an den Vater

Die Münchner Kreisvorsitzende der Russlanddeutschen, Maria Schefner, erinnerte in einem bewegenden Gedicht an ihren Vater, der hart unter Zwangsarbeit und Umsiedlungen litt, sie aber überlebte und in die Bundesrepublik übersiedelte.

Musikalisch würdig umrahmt wurde die Feier von Elena Baumann (Gesang) und Adrian Ingerl (Gitarre).