Franken - Kultur


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"Hauptstadt Bamberg" Die Bamberger Verfassung von 1919

Nach dem Ersten Weltkrieg rückt Bamberg für kurze Zeit in den Mittelpunkt bayerischer Geschichte: Die Staatsregierung flieht aus München und macht in Franken große Politik. Dort wird die sogenannte Bamberger Verfassung verabschiedet.

Stand: 07.11.2017 | Archiv

Nach der Eröffnungssitzung am 15. Mai 1919 im Kaisersaal der Neuen Residenz tagt der Landtag ab dem 21. Mai 1919 im Spiegelsaal der Harmonie am Schillerplatz. Hier wird am 14. August 1919 auch die Verfassung des Freistaats Bayern verabschiedet. | Bild: Bayerischer Landtag, München

Der Landtag sitzt in der Landeshauptstadt in München. Vom tiefen Süden aus lenken dort die Vertreter des Volkes die Geschicke ganz Bayerns. Kaum vorstellbar, dass das einmal anders war. Nach dem Ersten Weltkrieg regierte die demokratisch gewählte Bayerische Staatsregierung, wenn auch nur für kurze Zeit, vom oberfränkischen Bamberg aus. Mit der sogenannten "Bamberger Verfassung" von 1919 geriet die oberfränkische Stadt in den Mittelpunkt der bayerischen Geschichte.

Revolutionäre Tumulte in München

Bewaffnete Truppen ziehen 1919 durch München

Was war geschehen? Nach dem Ersten Weltkrieg fegte die Novemberrevolution innerhalb weniger Tage die Monarchie in Bayern hinweg. Am 21. Februar kam der erste Ministerpräsident Bayerns, Kurt Eisner, bei einem Attentat ums Leben. Der Kampf zwischen Anhängern des sogenannten Rätesystems nach dem russisch-kommunistischen Vorbild und den Anhängern des pluralistischen Parlamentarismus spitzten sich in München immer mehr zu. Es kam zu blutigen Auseinandersetzungen.

Die Proklamation Bayerns von 1918

An die Bevölkerung Münchens!

Das furchtbare Schicksal, das über das deutsche Volk hereingebrochen, hat zu einer elementaren Bewegung der Münchener Arbeiter und Soldaten geführt. Ein provisorischer Arbeiter-, Soldaten- und Bauernrat hat sich in der Nacht zum 8. November im Landtag konstituiert. Bayern ist fortan ein Freistaat. [...]

Regierung zieht nach Bamberg

Kontrollpunkt der Bamberger Bürgerwehr 1919

Um den Tumulten in München zu entkommen, zogen der Nachfolger Eisners, der sozialdemokratische Ministerpräsidenten Johannes Hoffmann, wie auch seine Minister nach Bamberg. "Ich weiß zwar nicht, ob die Herren damals in München Todesangst empfunden haben", erklärt Robert Zink, der bis 2013 das Stadtarchiv von Bamberg leitete, "was man aber sicher sagen kann ist, dass in München zu jener Zeit keine Sicherheit und auch keine Unabhängigkeit mehr gegeben war." Das Justizministerium wurde provisorisch im Bamberger Gerichtsgebäude untergebracht, das Verkehrsministerium im Bahnhof.

Bamberg: "Das köstliche Kleinod Frankens"

Blick auf Bamberg mit Dom, altes Rathaus und Michaelsberg | Bild: BR-Studio Franken

Bamberg mit Blick auf den Domberg, Neue Residenz, Michaelsberg und das Alte Rathaus

"Da lag das köstliche Kleinod Frankens zu unseren Füßen. Es war ein Bild das einen trotz allen politischen Elends innerlich aufjauchzen machte. Gebadet in Sonnenschein und Blütenpracht lag dieses herrliche Land vor uns, uns täglich und stündlich den Schwur erneuern lassend dieses köstliche Land deutscher Erde nicht in Anarchie und Bolschewismus verkommen zu lassen."

(Zitat: Der spätere Innenminister Ernst Müller-Meiningen als er von einem Berg auf Bamberg hinabblickte)

Das bayerische Weimar

Am 14. August 1919 verabschiedete der Bayerische Landtag schließlich die "Bamberger Verfassung". Sie ist eng an die Vorgaben der Weimarer Reichsverfassung angelehnt, Bamberg gilt deshalb als das "bayerische Weimar". Nach dem kurzen Gastspiel in Bamberg kehrten Regierung und Abgeordnete schließlich nach München zurück. Reichswehr und Freikorps hatten die Räterepublik in München blutig beendet.

In Vergessenheit geraten

Die staatstragende Rolle Bambergs ist selbst den Einheimischen weitgehend unbekannt. Vielen sagt der Begriff "Bamberger Verfassung" nichts. "Für das normale Leben und auch für das normale historische Bewusstsein in dieser Stadt spielt diese Episode eine verhältnismäßig geringe Rolle", resümiert die ehemalige Heimatpflegerin und Historikerin Karin Dengler-Schreiber.


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