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Identität und Zugehörigkeit

RESPEKT Identität und Zugehörigkeit

Stand: 25.02.2021

  • Viele deutsche Staatsangehörige haben einen sogenannten "Migrationshintergrund".
  • Wer nicht blond und hellhäutig ist, wird öfter gefragt "Wo kommst du eigentlich her?"
  • Diese Frage gibt den Angesprochenen das Gefühl, ausgeschlossen zu werden. Das heißt "Othering".
  • Auch "positive Vorurteile" tragen zum Ausgeschlossensein bei.
  • Unvoreingenommenheit heißt, dass wir Menschen "frisch" kennenlernen, ohne sie gleich in Kategorien zu stecken.

Wer Menschen mit dunklerer Hautfarbe oder ungewöhnlichem Namen nach ihrer "wirklichen Herkunft" fragt, ist vielleicht nur neugierig. Doch für die Gefragten ist es oft extrem nervig, weil sie diese Frage ständig gestellt bekommen. Dabei sind sie häufig genauso "deutsch" wie die Leute, die solche Fragen stellen. Der Effekt ist jedenfalls der, dass sich die "anders Aussehenden" ausgeschlossen fühlen. So als würde jemand ständig zu ihnen sagen: Wir sind deutsch - du gehörst aber eigentlich woanders hin.

"Ein weißer Mensch, der diese Frage gestellt bekommt, der empfindet es auch gar nicht als ein Problem. Wenn du diese Frage aber ständig gestellt bekommst, dann wird es halt schwierig."

Lena Mariama Meinhold

Warum Dazugehören so wichtig ist

Identität ist wichtig im Umgang mit anderen, um anerkannt zu werden, um Vertrauen aufzubauen und um dazuzugehören. Menschen definieren sich als Teil von bestimmten Gemeinschaften. So konstruieren sie Gruppenidentitäten, zum Beispiel als Fans einer Fußballmannschaft oder als Gläubige einer Religion. Das ist an sich etwas Gutes - bis wir die Gruppenidentität missbrauchen, um uns als etwas Besseres zu fühlen und andere auszuschließen. Lena Mariama Meinhold hat das selbst erfahren: Als Kind wurde sie adoptiert und wuchs in Nürnberg auf. Doch im Krippenspiel durfte sie kein Engel sein - denn: "Engel sehen nicht so aus wie du."

Türkischer Bayer oder bayerischer Türke?

Erkan Inans Eltern kamen in den 1970er-Jahren aus der Türkei nach Deutschland. Weil sie beide arbeiteten, wuchs Erkan unter Woche bei einer Zieh-Oma im oberbayerischen Reichertshausen auf – mit Schweinebraten, bayerischer Tracht und bayerischen Traditionen. Als die Eltern nach einigen Jahren weniger arbeiten müssen und deshalb endlich mehr Zeit haben, holen sie Erkan zu sich. Er lernt mit der Zeit Türkisch und erweitert seine Identität um das, was ihm seine Eltern nahe bringen. Das ist eine schwierige Zeit für ihn als Erstklässler, zumal er zunächst in eine rein türkischsprachige Grundschule gehen sollte. Als er vom Land in die Stadt kommt, wird er plötzlich ständig gefragt "Wo kommst du her?". Heute antwortet Erkan auf Bayerisch oder auf Türkisch - je nach Stimmungslage. Weil er gelernt hat, gelassen damit umzugehen. Das aber habe gedauert.

"Ich bin sogar mehr. Ich bin ein Mensch mit kulturellen Zusatzqualifikationen. Ich bin Deutscher, der auch Türke ist."

Erkan Inan

Positiver Rassismus ist auch Rassismus

Selbst vermeintlich "positive" Vorurteile sind eine Form von Rassismus. Also etwa wenn jemand annimmt, dass "alle Schwarzen gut tanzen" oder "Sinti und Roma toll Geige spielen". Denn auch solche Vorurteile sind Verallgemeinerungen. Sie führen dazu, dass die Person nicht mehr als Individuum wahrgenommen wird, sondern durch eine Brille vorgefertigter Meinungen, die an eine bestimmte Rasse oder Hautfarbe geknüpft sind.

Selbstwahrnehmung, Fremdwahrnehmung und "Othering"

  • Circa 60 Prozent der Befragten im Osten fühlen sich "wie Bürger*innen zweiter Klasse behandelt".
  • In Deutschland leben circa 21 Millionen Menschen, die in die Kategorie "mit Migrationshintergrund" gesteckt werden, ein Viertel der Bevölkerung.
  • Auch von ihnen fühlen sich viele wie Menschen zweiter Klasse behandelt.
  • Identität entsteht einerseits dadurch, wie man sich selbst sieht – aber auch durch Fremdwahrnehmung.
  • Die Menschen der Mehrheitsgesellschaft sehen ihre Identität als "Norm". Diejenigen, die vermeintlich nicht dazugehören, werden zu "Anderen" erklärt.
  • Ihre Identität wird durch "Othering" fremdbestimmt.

"Alle wollen gerne als die behandelt werden, die sie sind und nicht aber von außen in irgendetwas reingeschoben werden, wo sie sich vielleicht nicht zugehörig fühlen. Oder mit irgendwelchen Klischees konfrontiert werden, die nichts mit ihnen zu tun haben. Sondern so angeschaut werden, wie sie halt selber sind."

Clara Ehrenwert, Spieledesignerin und 'Ossi'

Was tun für mehr Zusammengehörigkeit?

Erst mal: auf dein Verhalten und deine Denkweise achten. Verhältst du dich anders, weil jemand ein Kopftuch trägt, schwarz ist, einen ausländischen Namen hat? Erst wenn du dir solche Dinge bewusst machst, kannst du entscheiden, wie du tatsächlich handeln willst - und auch deine Denkweise nach und nach verändern. Bei der Frage: "Wo kommst du eigentlich her?" kommt es jedenfalls stark darauf an, mit welcher inneren Haltung sie gestellt wird. Das sagt auch die Migrationsforscherin Prof. Dr. Naika Foroutan. Wenn es auch nur ansatzweise darum geht, dem Gegenüber mit dieser Frage zu vermitteln: "Ich bin was Besseres.", dann solltest du sie lieber nicht stellen. Und stattdessen über etwas Unverfängliches sprechen, das Verbindung schafft, anstatt potenziell auszugrenzen.

"Wenn die Menschen spüren: Dahinter steht einfach eine Neugierde, genauso wie bei 'Wo hast Du deinen Pullover gekauft?' oder bei 'Aus welcher anderen Stadt bist du hier nach Berlin gezogen?' Dann kann man darauf antworten: 'Mein Vater kommt aus der Türkei, meine Mutter kommt aus Istanbul', aber sobald damit die Zugehörigkeit entzogen wird, erzeugt diese Frage Aggression."

Naika Foroutan, Migrationsforscherin an der Humboldt Universität Berlin

Autorin: Monika von Aufschnaiter

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