Hör- und Lesetipps 5 Empfehlungen, um den eigenen Rassismus zu erkennen

Wie funktioniert latenter Rassismus? Also einer, der die Gewalt in die Sprache und in die Ausgrenzung verlegt hat? Diese Tipps helfen, um darüber nachzudenken – von Teju Cole, Theodore Allen und Claudia Rankine.

Von: Martin Zeyn

Stand: 06.08.2020 | Archiv

Schriftsteller Teju Cole | Bild: picture alliance/Leemage/Gattoni/

Einmal habe ich einen Kollegen gefragt, wo denn seine Eltern herkommen – weil er Schwarz war. Geht das noch als Interesse durch oder ist das schon eine Form von Ausgrenzung? Klar ist: Rassismus reicht sehr tief in die Gesellschaft und hat viele Formen – nicht nur die offensichtliche Gewalt. Aber was genau kann ich tun? Und worauf muss ich achten, wenn ich umsichtig sein will? Hier sind fünf literarische Empfehlungen, die helfen können, Rassismus in sich zu lokalisieren und mehr Sensiblität zu entwickeln.

1. "Citizen" von Claudia Rankine

Rankine ist Dichterin, Dramatikerin und Essayistin – und sie ist Schwarz. 1963 auf Jamaika geboren, kam sie als Kind in die USA. Sie war Professorin in Yale und lehrt heute am Pomona College. Sie hat es geschafft – und merkt überall, dass people of color noch immer nicht dazugehören. Ihr Text ist voller kleiner Beobachtungen, wie sie seit ihrer Kindheit, an der Schule, von Partnern, selbst von Kolleg*innen ausgegrenzt wurde.

Am häufigsten begegnet ihr nicht offenkundiger Rassismus, sondern Mitmenschen übersehen sie schlichtweg. Ist sie unsichtbar? Manchmal merken andere nicht, dass sie da ist. Manchmal aber passiert genau das Gegenteil. Dann sticht sie hervor. Wie sie ist, was sie ist, führt ständig zu Irritationen. "Wieso betonen ständig Menschen, dass sie anders ist?", fragt sich die US-amerikanische Autorin. Claudia Rankine versteht nicht, warum Menschen ihr so abweisend begegnen und warum sie so sehr auf Sichtbarkeit beharren muss. Enttäuschung wird zum täglichen Begleiter; "Enttäuschung insofern, als keinerlei gesteigerte Sichtbarkeit daran je etwas ändern wird, wie man gesehen wird."

"Citizen" ist auf Deutsch bei Spector Books erschienen und aus dem Amerikanischen von Uda Strätling übersetzt worden.

2. "Eine Liebe zu Schwarz. Mein koloniales Innenleben, revisited" von Lorenz Rollhäuser

"Ich hab' das Gefühl, mein Daseinsrecht wird immer in Frage gestellt. Manchmal ganz, ganz subtil so wie: 'Ja, wann gehst du wieder zurück?' Oder dass ich angestarrt werde an öffentlichen Orten. Dass meine Haare angefasst werden, ohne dass mich jemand fragt. Das ist für mich eine große Erschütterung." Das sagt Darling, in Baltimore geboren, die in Deutschland studiert und hier eine Familie hat. Und als "Schwarze" immer noch nicht dazugehört.

Mit ihr macht sich der Radiofeature-Autor Lorenz Rollhäuser auf, seine eigene, lebenslange Faszination für Afrika zu hinterfragen.

3. "Vertraute Dinge, fremde Dinge" von Teju Cole

Gibt es eine Schwarze Kultur? Ein Schwarzer Klassiker ist James Baldwin, der vor dem Rassismus in den USA nach Frankreich floh. In einem seiner großen Essays beschreibt er, wie er sich als gebildeter Literat als minderwertig fühlte, gegenüber Schweizer Bergbewohner*innen – weil sie über einen kulturellen Background verfügten, denn er nicht hatte: Beethoven, die Kathedralen. James Baldwin war 1951 zusammen mit seinem Lebensgefährten in ein schweizerisches Bergdorf gezogen; 63 Jahre später folgt ihm Teju Cole. Wie bei jeder Reise beobachtet Cole, wie er selbst in Augenschein genommen wird und vergleicht dies mit den Schilderungen Baldwins. So verbunden er sich mit Baldwin fühlt, so beschreibt er doch Unterschiede: Für den in Nigeria aufgewachsenen Cole gibt es eine reiche afrikanische Kultur – und er fühlt sich nicht als Fremder in einer Kultur, die von weißen Menschen geschaffen wurde.  

Der Essayband "Vertraute Dinge, fremde Dinge" wurde aus dem Englischen von Uda Strätling übersetzt und ist bei Hanser Berlin erschienen.

4. "Die Erfindung der weißen Rasse" von Theodore Allen

"White Negros" haben die Engländer die Iren genannt. Für Theodore Allen ein schlagender Beweis, dass es für Unterdrückung keine "objektiven" Merkmale geben muss, sondern Rasse, Nationalität oder Religion nur vorgeschoben werden, um Menschen zu separieren und zu unterdrücken. Minutiös schildert er, welche ideologischen Konstrukte errichtet wurden, um Sklaverei zu legitimieren und abzusicheren. Allen schreibt schon seit den 60ern über das "Privileg der weißen Haut". Seinen Klassiker "Die Erfindung der weißen Rasse" gibt es auf Deutsch leider nur noch antiquarisch.

5 "Orientalismus" von Edward W. Said

Im 19. Jahrhundert war der Orient total hot: Man lagerte auf einem Diwan, trug einen Fez und, wer konnte, lebte seine erotischen Harem-Phantasien in den Bordellen Nordafrikas aus. Said gelingt es zu zeigen, wie viel Herablassung in dieser Begeisterung lag (und bis heute liegt, etwa in der Darstellung des Islam). Dem gesamten Orient wurde Unreife unterstellt. Über 40 Jahre alt, ist "Orientalismus" immer noch schockierend: Wie vergiftet ein Lob sein kann, wenn es ganzen Völkern und Regionen abspricht, sich entwickeln zu können.

Übersetzt von Hans Günter Holl ist "Orientalismus" bei S. Fischer erschienen.