Respekt - Respekt

Wir gegen die anderen

RESPEKT Wir gegen die anderen

Stand: 12.02.2020

  • Soziale Gruppen geben Menschen Halt und Identität. Viele Gruppen stärken sich aber, indem sie andere anfeinden und diskriminieren.
  • Menschen mit negativer Einstellung gegenüber einer bestimmten Gruppe lehnen oft auch weitere Gruppen ab.
  • Wer zum Beispiel Menschen mit Migrationshintergrund ablehnt, ist mit hoher Wahrscheinlichkeit auch antisemitisch oder sexistisch oder lehnt Menschen mit Behinderung oder Langzeitarbeitslose ab.
  • Das heißt: Verschiedene Merkmale feindlicher Einstellung treten gleichzeitig auf. Sie hängen miteinander zusammen und haben einen gemeinsamen Kern.
  • Je unsicherer ein Mensch ist, desto eher lehnt er andere Menschen ab und entwickelt Vorurteile.

Kein "Wir" ohne "die anderen"?

Bin ich deutsch, schwul, arbeitslos, BMW-Fahrerin, Feinschmeckerin, Rassistin? All das kann Teil meiner Identität sein. Denn Identität sagt mir, wer ich bin, was mich besonders macht. Und sie bietet die Möglichkeit, mich Gruppen oder Gemeinschaften zugehörig zu fühlen. Wer zum Beispiel Fan oder Mitglied einer Fußballmannschaft ist, einer Religionsgemeinschaft angehört oder Hundebesitzer*in ist, fühlt sich emotional oft stark verbunden mit anderen Menschen, die die gleichen Vorlieben haben.

"Mein forsches Auftreten wurde immer in Verbindung gebracht mit meinem arabischen Hintergrund. Du bist ja so temperamentvoll, weil dein Papa Araber ist!"

Marcel Aburakia

Gute Gruppe, schlechte Gruppe?

Ein Mensch allein ist schwach und verletzlich. In einer Gruppe dagegen hat er bessere Überlebenschancen. In Gruppen entsteht ein starkes Gefühl der Zusammengehörigkeit, das sogenannte Wir-Gefühl, das dem Einzelnen Schutz und Geborgenheit vermittelt. Das ist etwas Positives. Problematisch wird es, wenn sich eine Gruppe aufwertet, indem sie andere abwertet. Das funktioniert mit Klischees und Vorurteilen oder durch Gewalt. Wir sind nicht wie die, wir sind ihnen überlegen und wir halten zusammen – das bestätigen sich die Mitglieder einer Gruppe. Zum Beispiel indem sie rassistische oder sexistische Witze machen. Oder wenn sie etwa Fans einer gegnerischen Fußballmannschaft oder Menschen mit dunkler Hautfarbe verprügeln.

Diese Abgrenzung durch Gruppenbildung lernen Menschen von klein auf. Hamado Dipama vom Netzwerk Diskriminierungsfreies Bayern sagt, dass Kinder oft schon zu Diskriminierung erzogen werden. Zum Beispiel wenn das Spiel: "Wer hat Angst vom schwarzen Mann?" in der Schule gespielt werde.

"Wenn man mit solchen Vorstellungen und Bildern aufwächst, dann ist es ja kein Wunder, dass das nicht nur in den Schulen ein Problem ist, sondern auch zum Beispiel bei der Polizei und bei den Sicherheitsbehörden."

Hamado Dipama, Netzwerk Diskriminierungsfreies Bayern

Gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit

  • Abwertung von Gruppen durch Gruppen heißt "gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit". Die ist messbar.
  • Zum Beispiel Abwertung von Frauen: Eine Langzeitstudie hat unter anderem die Entwicklung von Sexismus in Deutschland untersucht. Einer der Indikatoren war, ob die folgende Aussage bejaht wird: "Für eine Frau sollte es wichtiger sein, ihrem Mann bei seiner Karriere zu helfen, als selbst Karriere zu machen." Ergebnis der Studie: Zwischen 2005 und 2011 ging der Sexismus deutlich zurück. Von rund 19 % im Jahr 2005 auf rund 12 % im Jahr 2011.
  • Die Abwertung von Obdachlosen dagegen nahm zu. 2005 fanden 23 % der Befragten, die meisten Obdachlosen seien arbeitsscheu. 2011 meinten das 30 %.
  • Die Willkommenskultur in Deutschland ist auch Schwankungen unterworfen: 2014 befürworteten 40 % der Befragten ohne Migrationshintergrund eine gesellschaftliche Willkommenskultur. 2016 waren es nur noch 32 %. 2018 hat sich der Wert dann wieder dem von 2014 angenähert: 37 %.

Zahlen und Fakten: Quellen

Gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit
Dossier der Bundeszentrale für politische Bildung

Gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit als Syndrom
Universität Bielefeld; Institut für interdisziplinäre Konflikt- und Gewaltforschung S. 2

Langzeitstudie Entwicklung Sexismus und Obdachlosenabwertung
Universität Bielefeld; Institut für interdisziplinäre Konflikt- und Gewaltforschung S. 18 f.

Studie: Einstellungen zur Integration in der deutschen Bevölkerung
Stiftung Mercator; Universität Bielefeld; IKG:
Pressemitteilung und Studienbericht, S. 13

"Ich hatte noch meine Dreadlocks und dann zeigen die ganzen weißen Finger auf mich (…) und sagen dann: Hä, was machst du hier, das ist ein Gymnasium und keine Baumschule, du Palmenkopf. Die Leute sollten sich Gedanken machen, wie gewalttätig sie sind mit ihrer Sprache und was das mit Menschen macht."

Malcolm Ohanwe

Was kann ich gegen Ausgrenzung tun?

Kontakt mit den abgelehnten Anderen und Wissen über sie baut Vorurteile und Feindseligkeiten ab. Wer also eine ausgeprägte Abneigung gegen eine bestimmte Gruppe, Ethnie oder Gemeinschaft hat, sollte sich fragen: Was verunsichert mich an diesen Menschen? Welche Vorstellungen habe ich von ihnen? und: Stimmen sie wirklich mit der Realität überein? Mutig ist, im Kontakt mit diesen Menschen herauszufinden, was wirklich dran ist an den eigenen Ängsten und Vorurteilen. Oft verbirgt sich dahinter schlicht eine Angst vor dem Unbekannten. Die kann abbauen, wer regelmäßig seine Unsicherheit überwindet und das Gespräch mit unbekannten Menschen sucht. Etwa bei Nachbarschaftstreffs, Parties oder Sportveranstaltungen. So können Solidarität, Zivilcourage und Diversity in unserer Gesellschaft gestärkt werden.

Autorin: Monika von Aufschnaiter

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