Respekt - Respekt

Antiziganismus

RESPEKT Antiziganismus

Stand: 24.03.2020

  • Etwa ein Drittel der Menschen in Deutschland findet Sinti und Roma in der Nachbarschaft sehr oder eher unangenehm (Quelle: Studie "Zwischen Gleichgültigkeit und Ablehnung" Antidiskriminierungsstelle des Bundes (2014)
  • Tatsächlich leben Sinti und Roma länger in Deutschland als viele andere.
  • Über Jahrhunderte hinweg waren Sinti und Roma völlig ohne Rechte. Sie wurden verfolgt, vertrieben, ermordet.
  • Sie durften keine sesshaften Berufe ausüben. Wanderberufe und Armut waren die Folge.

Laut der Studie der Antidiskriminierungsstelle des Bundes von 2014 denkt die Hälfte der Deutschen, dass Einreisebeschränkungen für Sinti und Roma eine gute Idee wären. Ein Fünftel glaubt an Abschiebungen und 14 % an eine gesonderte Unterbringung. Dabei sind Sinti und Roma seit über 600 Jahren Teil der europäischen Bevölkerung. Sie stammen ursprünglich aus Indien und wurden von dort vertrieben. Ihre Sprache Romanes ist eng verwandt mit Sanskrit, der Sprache indischer Brahmanen (weiser Gelehrter).

Schweres Erbe – schon für die Kinder

Über Jahrhunderte hinweg waren Sinti und Roma völlig ohne Rechte. Immer wieder wurden sie verfolgt, vertrieben oder sogar ermordet. Sie durften keine sesshaften Berufe ausüben. Wanderberufe und Armut waren die Folge. Oft nahm man ihnen die Kinder weg, um sie "umzuerziehen". Und die Polizei stellte sie unter Generalverdacht. Ein ziemlich großes Paket, das schon neugeborene Sinti und Roma als Erbe ihrer Vorfahren mit sich ins Leben hinein schleppen. Und das selbst heute, in unserer vermeintlich aufgeklärten Zeit ...

Sinti und Roma: "immer unterste Liga"

"Antiziganismus": In diesem Begriff steckt das Wort "Zigeuner". Eine meist abwertend gemeinte Fremdbezeichnung für Volksgruppen wie die der Sinti oder Roma. Antiziganismus, das ist die Ablehnung dieser Minderheiten durch die Mehrheitsgesellschaft, auf Basis von Vorurteilen.

Der Mechanismus: Die Minderheit wird als homogene, also gleichförmige Gruppe gesehen. Was nicht ins Bild passt, wird ausgeblendet. So entsteht ein konstruiertes Bild, das wie ein Filter funktioniert: Man sieht nicht mehr den Menschen in seiner Einzigartigkeit, sondern eine handvoll negativer Eigenschaften; eine Form von Blindheit, die über Generationen weitergegeben wurde, bis heute, und die oft verhindert, dass Sinti und Roma in ihrer Unterschiedlichkeit als individuelle Menschen wahrgenommen werden.

"Es ist immer die gleiche Schublade, immer unterste Liga. Wir sind wirklich das Letzte in der Gesellschaft. Ich hoffe, dass das für meine Kinder mal besser wird."

Gino, Sinto und Ur-Münchner

Ablehnung in Zahlen

  • Etwa ein Drittel der Menschen in Deutschland findet Sinti und Roma in der Nachbarschaft sehr oder eher unangenehm.
  • 34 % glauben, dass Eltern sich unwohl fühlen, wenn ihre Kinder Roma als Klassenkameraden haben.
  • Die Hälfte der Deutschen denkt, dass Einreisebeschränkungen für Sinti und Roma eine gute Idee wären.
  • Ein Fünftel glaubt an Abschiebungen und 14% an eine gesonderte Unterbringung.
  • Zugleich befürwortet mehr als die Hälfte der Europäer eine bessere Integration der Roma, weil die Gesellschaft davon profitieren kann.


Quellen: Studie "Zwischen Gleichgültigkeit und Ablehnung" Antidiskriminierungsstelle des Bundes (2014); eurobarometer spezial 393 (2012)

Vorurteile und Zerrbilder

Sinti und Roma sind ebenso leicht oder schwer zu charakterisieren wie "die Deutschen". Weder sind alle von ihnen Musikgenies noch dunkelhaarig. Wie bei jeder Art von Rassismus: Der Minderheit werden negative Eigenschaften zugeschrieben. Alle angeblich "ganz typisch". Zerrbilder aus historischen Fakten, vermischt mit Vorurteilen und uralten Ängsten. Weitergegeben von Generation zu Generation. Negatives auf andere projizieren: Das schafft ein "Wir-Gefühl", ein Gefühl der Überlegenheit. Ein weiteres Merkmal von Antiziganismus.

Trügerisch sind auch scheinbar positive Klischees. Zum Beispiel das Romantisieren oder das Exotisch-Machen. Denn: Auch so grenzt sich die Mehrheitsgesellschaft ab. Indem sie die vermeintliche "Andersartigkeit" der Minderheit betont.

Die Diskriminierung geht weiter

Die Diskriminierung und Verfolgung dieser Volksgruppe erreichte unter den Nazis mit über einer halben Million Opfern ihren absoluten Tiefpunkt – war aber danach längst nicht beendet. Sinti und Roma erleben auch heute noch Anschuldigungen und Ablehnung: Nachbarn wollen sie nicht im Haus haben, man unterstellt ihnen Diebstahl und Schlimmeres. Ein wirkliches Kennenlernen der anderen Kulturen scheint unmöglich.

Gesetze wie zum Beispiel die Europäische Charta der Regional- oder Minderheitensprachen sind eine Grundlage dafür, Gleichberechtigung in unserer Gesellschaft zu verankern. Um das Verständnis für Minderheiten wie die Sinti und Roma zu fördern und Vorurteile abzubauen braucht es allerdings mehr: Informationen, Aufklärung und Kontakt zu Vertretern der Volksgruppe. Echten Menschen, die viel mehr ausmacht als die Zugehörigkeit zu einer Ethnie und die so unterschiedlich sind wie Deutsche.

"Wir sind Teil dieser Gesellschaft und dieser Geschichte und deswegen müssen wir uns gemeinsam für den Rechtsstaat und die Demokratie einsetzen. Wir als Minderheit müssen uns also denjenigen Kräften anschließen, die genau das als ihre Aufgabe sehen. Damit meine ich aber nicht nur die Parteien, sondern vor allem auch das großartige zivilgesellschaftliche Engagement, das bei uns in Deutschland wirklich breit gefächert ist."

Romani Rose, Vorsitzender des Zentralrats Deutscher Sinti und Roma, im alpha-Forum (2016)

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