Religion


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Jüdisches Museum Museum ohne Horror Vacui

Am 22. März 2007 wurde ein jahrzehntelanges Münchner Manko beseitigt. Seit diesem Tag hat die Stadt einen offiziellen Erinnerungsort für jüdisches Leben. Unter der Leitung von Bernhard Purin ist das Jüdische Museum längst zu einem Publikumsmagneten geworden.

Stand: 26.10.2008 | Archiv

Jüdisches Museum in München | Bild: picture-alliance/dpa

Wie gestaltet man eine Ausstellung, wenn es so gut wie keine klassischen Exponate für die Vitrine gibt? Was zeigt ein jüdisches Museum über eine Epoche, in der es wegen eines Aufenthaltsverbots gar keine Juden gab? "Stadt ohne Juden" - eine der inzwischen vielen Ausstellungen im Jüdischen Museum München - stand genau vor diesem Problem. Sie widmete sich hauptsächlich den Jahrhunderten von der Judenvertreibung von 1442 bis zum Beginn des 19. Jahrhunderts, als ein Siedlungsrecht festgeschrieben wurde.

Museumsdirektor Bernhard Purin kennt keinen Horror Vacui, keine Angst vor der Leere. Auch sehr überschaubare Ausstellungsflächen fürchtet er nicht. Er löste das Problem bei "Stadt ohne Juden", indem er die wenigen Exponate durch Videostationen ergänzte, in denen Experten teilweise sehr lebendig die jeweilige Problematik schildern.

Mangel an Objekten ist bei Purins Konzept keine Not, sondern beinahe Tugend: Dem Besucher wird die Judenpolitik im einstigen Bayern an jeder einzelnen Station umso intensiver vermittelt. Das Publikum scheint Purins Projekte anzunehmen. Seit der Museumseröffnung wurden mehrere 100.000 Besucher gezählt.

Museumsdirektor: Purin, der Purist

Bernhard Purin

Bernhard Purin wählt gern ungewöhnliche Blicke auf jüdische Geschichte, auch jenseits der Opferrolle. So sind im Münchner Museum auch Comic-Zeichnungen zu sehen. Während seiner Zeit als Direktor des Jüdischen Museums in Fürth kam es 2002 zu einem schweren Konflikt, als Purin eine Satire-Ausstellung initiierte. Daraufhin ging er nach München und wurde Gründungsdirektor des neuen Jüdischen Museums.

Das Bekenntnis zur Lücke ist kennzeichnend für Purin. Er legte es mit seiner Arbeit in München von Anfang an ab. Schon die den Museumsbetrieb initiierende Ausstellungsreihe "Sammelbilder" über verschiedenste Aspekte jüdischer Kultur war nie mit Gegenständen überfrachtet. Die Freiräume waren durchaus auch Programm. Sie standen für die Leere und die Verluste, die Auswanderung, Vertreibung, Raub und Enteignung infolge des NS-Terrors hinterlassen hatten.

Der gebürtige Österreicher Purin studierte Empirische Kulturwissenschaft und Geschichte in Tübingen. Danach war er an den jüdischen Museen Hohenems, Wien und Fürth tätig.

Nicht nur Holocaust

Wie die Synagoge konzipierte das Architekturbüro Wandel-Hoefer-Lorch auch das Museumsgebäude in Kubus-Form, nur dass die lichte Ebene - umgekehrt zur Synagoge - im Museum unten ist. Das Erdgeschoss besteht aus einem großzügig gestalteten, hellen Foyer, das auch die Literaturhandlung von Rachel Salamander beherbergt. Die insgesamt 900 Quadratmeter Ausstellungsfläche sind auf drei Ebenen verteilt.

"Stimmen-Orte-Zeiten"-Installation: Teil der Dauerausstellung im Untergeschoss

Im Untergeschoss ist die von Direktor Purin und Chefkuratorin Jutta Fleckenstein erarbeitete Dauerausstellung über jüdisches Leben in München untergebracht. Erstes und zweites Obergeschoss sind für Wechselausstellungen reserviert. Purin legt großen Wert darauf, dass auch ein starker Akzent auf jüdischem Leben der Gegenwart liegt: "Wir wollen uns dagegen stellen, dass jüdisches Leben ausschließlich als historisch und oft im Hinblick auf den Holocaust gesehen wird."

Langer Anlauf zum Museum

Treppe zu den Obergeschossen

Das neue Jüdische Museum lässt ein ungeheueres Manko der Stadt der Vergangenheit angehören. Gab es doch in München - immerhin eine Stadt mit langer jüdischer Tradition, wenn auch nur noch wenige Spuren davon sichtbar sind - bislang keinen angemessenen offiziellen Erinnerungsort für jüdisches Leben. Städte wie Berlin, Frankfurt, Fürth, Amsterdam oder Wien hatten längst über jüdische Museen verfügt, London sogar über zwei.

Erste Überlegungen für ein jüdisches Museum in München gab es 1928. Realisieren wollten die Idee der Kunsthistoriker Theodor Harburger und Heinrich Feuchtwanger, der eine große Sammlung jüdischer Ritualgegenstände besaß. Die NS-Machtübernahme machten diese Pläne zunichte. Es dauerte bis 1989, als ein erstes Museum entstand: Der Galerist Richard Grimm richtete in privater Initiative Räume in der Maximilianstraße ein. Seine Sammlung übernahm Ende der 1990er-Jahre die Israelitische Kultusgemeinde für eine Interimsschau in der Reichenbachstraße, bis das neue Museum im Zentrum Münchens entstand.

Das Museum ist eine städtische Einrichtung, München finanzierte sie mit 13,5 Millionen Euro. Synagoge und Gemeindezentrum gehören der Israelitischen Kultusgemeinde. Weitere Informationen - auch über aktuelle Ausstellungen - erhalten Sie auf der Museums-Homepage:


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