Kultur - Literatur


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Golo Mann Historischer Schriftsteller

Der Doktor der Philosophie emigrierte zunächst nach Frankreich, dann in die USA. Später wurde Golo Mann zu einem der erfolgreichsten historischen Schriftsteller seines Jahrhunderts.

Stand: 03.11.2011

Golo Mann in den 40er-Jahren: Immenser Wissensfundus

Dass heutzutage ein Zehnjähriger Schillers "Geschichte des Dreißigjährigen Krieges" läse, ist mehr oder weniger unvorstellbar - Golo Mann tat's. Vor allem faszinierte ihn dabei der Feldherr Wallenstein, eines von Golo Manns großen Lebensthemen war gefunden. Weitere Lektüren bedeutender Historiker wie Leopold Ranke oder Alexis de Tocqueville folgten. Der hoch begabte Golo Mann verfügte schnell über ein breites, nicht nur auf deutsche Historie beschränktes Kompendium, das ihm schon früh ermöglichte, in geschichtlichen Kategorien zu denken.

Dem Vater aus dem Weg gegangen

Gleichzeitig machte er sich schon in seiner Jugend den Kanon der Weltliteratur zu Eigen, und als Spross einer Schriftstellerfamilie entwickelte - wen wundert's - auch er erzählerische Ambitionen. Doch auf dem Feld der Literatur mit dem übermächtigen Vater konkurrieren zu wollen, darauf verzichtete er lieber. Stattdessen investierte er sein Erzähltalent in die Geschichtsschreibung - nicht vergebens: Er sollte später zu einem der erfolgreichsten historischen Schriftsteller seines Jahrhunderts avancieren.

Doktor der Philosophie

Doktorvater Karl Jaspers

Dennoch war Golo Mann nach dem Abitur 1927 nicht zielstrebig auf die akademische Laufbahn eines Historikers zugesteuert. Schwerpunkt seines Studiums war Philosophie, worin er 1932 bei Karl Jaspers in Heidelberg den Doktortitel erwarb. Im Rahmen seiner Geschichtsstudien konzentrierte sich Golo Mann Anfang der 30er-Jahre vor allem auf die Französische Revolution. Der französische Historiker Albert Sorel, der über sie ein mehrbändiges Werk verfasst hatte, wurde zu seinem großen Vorbild - ebenso wie die deutsche historisierende Schriftstellerin Ricarda Huch, mit der Golo Mann persönlich bekannt war.

Auch wenn er sich keinen Namen als Streiter wider die Obrigkeit gemacht hat, die braun eingefärbte war ihm doch zutiefst verhasst. Hitler galt ihm bereits vor dessen Machtübernahme als Abschaum - und auch mit der schon vor 1933 überwiegend nationalsozialistisch eingestellten Studentenschaft mochte er sich nicht anfreunden. Im Gegensatz zu vielen späteren Emigranten-Kollegen unterlag Golo Mann auch nicht der Illusion, der "Nazi-Spuk" werde bald wieder verschwinden. Daher beurteilte er die Nachgiebigkeit der französischen und englischen Appeasement-Politik gegenüber Hitler sehr kritisch und erkannte früh, wohin diese führen sollte: in einen neuen Weltkrieg.

Das erste Geschichtsbuch

Stichwort Emigration: Zusammen mit der Familie ging auch Golo Mann 1933 zunächst ins französische Exil. Notabene war er es, der in der Hektik des Aufbruchs die Tagebücher seines Vaters mit einpackte und so für die Nachwelt rettete. Von 1933 bis 1937 arbeitete er als Universitätslehrer in Frankreich. Während dieser Zeit schrieb er sein erstes großes historisches Buch: über den konservativ-liberalen Staatsdenker Friedrich von Gentz, einen äußerst kompromisslosen Gegner Napoleons. Seit 1937 wohnte Golo Mann wieder bei seinen Eltern in Zürich.

Flucht über die Pyrenäen

Golo Mann gelang die Flucht, Walter Benjamin nicht.

Als im Mai desselben Jahres Frankreich unterworfen wurde, beschloss Golo Mann, als Soldat auf französischer oder tschechischer Seite gegen die Nazis zu kämpfen. Wie seine Eltern besaß er inzwischen die tschechoslowakische Staatsbürgerschaft. Das Vorhaben scheiterte schon an der Grenze zu Frankreich, wo er als feindlicher Ausländer festgenommen wurde und in ein Internierungslager gesteckt wurde. Nach dem Waffenstillstand zwischen Deutschland und Frankreich begab er sich an die Côte d'Azur. Von dort machte er sich im September 1940 zusammen mit seinem Onkel Heinrich und dessen Ehefrau sowie mit dem Schriftsteller Franz Werfel und Alma Mahler-Werfel auf einen brutalen Fußmarsch.

Bei sengender Hitze überquerte die Gruppe die Pyrenäen, um zunächst zur französisch-spanischen Grenze bei Port Bou zu gelangen. Von dort sollte es nach Lissabon weitergehen, um dort ein US-Visum zu erhalten. Der Plan ging auf - im Gegensatz zum herzkranken Kulturphilosophen Walter Benjamin, der nur wenige Tage später in Port Bou nicht mehr zur Geduld in der Lage war, auf die Genehmigung zum Durchlass zu warten. Er brachte sich um.


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