Kultur - Literatur


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Elisabeth Mann Ehe mit Borgese

Elisabeth heiratet den 36 Jahre älteren Faschismus-Kritiker Giuseppe Antonio Borgese und lebt zusammen mit ihm in Chicago. Sie bekommt zwei Töchter und wird mit 34 Witwe.

Stand: 03.11.2011 | Archiv

"Vulkanisches Temperament": Giuseppe Antonio Borgese

Die unglückliche Liebesgeschichte mit Fritz Landshoff ist bald vergessen, auch weil 1938 ein neuer Mann - anfangs nur aus der Ferne, aber dennoch entscheidend - in Elisabeth Manns Leben tritt: der italienische Schriftsteller und Politologe Giuseppe Antonio Borgese. Sie kennt ihn zunächst nur durch die Lektüre seines kritischen Mussolini-Buches "Goliath, der Marsch des Faschismus". Borgese erfüllt alle Kriterien, um ihr zu gefallen: Der Professor für Literatur und politische Wissenschaft ist 56 Jahre alt und musste Italien verlassen, weil er an der Mailänder Universität den faschistischen Eid verweigert hatte. Der aufrechte, den Idealen der Aufklärung verpflichtete Demokrat erinnert sie auch an die Figur des Settembrini aus dem "Zauberberg"-Roman ihres Vaters. Kurz: Die 20-Jährige beschließt, Borgese zu heiraten.

Begegnung in den USA

Elisabeth Mann trifft ihn schon bald - in den USA. Sie lebt seit September 1938 mit ihren Eltern im amerikanischen Exil, Borgese lehrt inzwischen an der Universität von Chicago. Sie lernt ihn in New York durch ihren Vater kennen, der mit Borgese bereits persönlich bekannt ist. Er beginnt mit Elisabeth Mann ein Verhältnis; sie beschließen, 1939 zu heiraten. Ob Liebe oder doch eher der Wunsch nach Liebe das dominierende Element der Verbindung ist, sei dahingestellt; in einem Brief an Thomas Mann argumentiert Borgese jedenfalls damit, seine Beziehung zu Elisabeth sei Symbol der geistigen Allianz zwischen ihm und dem Schriftsteller und Zeichen des Widerstands gegen den Faschismus. Thomas Mann gibt der Ehe zwar seinen Segen, doch er ist besorgt ob des "vulkanischen Temperaments" des nur um wenige Jahre jüngeren Schwiegersohns. Seine Bedenken sind wohl nicht unberechtigt, wie sich später zeigen sollte.

Utopie einer "Weltregierung"

Nach dem Zweiten Weltkrieg setzt Borgese in den USA sein idealistisch-politisches Engagement fort. Nach der Erfahrung des Versagens des Völkerbundes (Vorläufer-Organisation der UN) gegenüber dem Nazi-Faschismus fordert er das Ende der Nationalstaaten und entwickelt eine utopische Vision einer humanen, sozialistisch ausgerichteten "Weltregierung", die dem Friedensgedanken und der Beendigung wirtschaftlicher Ungerechtigkeit verpflichtet ist. Dazu gründet er 1946 mit Hilfe von Forschungsgeldern ein "Komitee für die Weltverfassung".

Familienbild von 1944

Auch Thomas Mann leistet seinen Beitrag zu diesem Projekt: mit einem Vorwort zur "Weltverfassung". Elisabeth Mann Borgese, wie sie nun heißt, unterstützt ihren Ehemann als Sekretärin, aber auch, indem sie Geld und Unterschriften von Prominenten sammelt - unter anderem von Albert Einstein, Albert Camus und Indiens Präsident Nehru.

Die Emanzipation der Elisabeth Mann

Elisabeth Mann: Verbands-Präsidentin mit 32.

Als 1950 eine internationale Vereinigung von Welt-Föderalisten gegründet wird, übernimmt sie - 32-jährig - das Amt der Präsidentin. Ohne jeglichen akademischen Titel, aber mit Charme und diplomatischem Geschick ist Elisabeth Mann zu einer starken Frau mit viel Organisationstalent gereift. Für Borgese offenbar zu stark: Der nach außen hin liberale und fortschrittliche Demokrat gibt im häuslichen Bereich das dominante Familienoberhaupt. Er bevorzugt die traditionelle Rollenverteilung, der sich seine emanzipatorisch gesinnte Gattin aber kaum fügen will. Zudem beginnt der 70-Jährige seiner jungen Frau die wachsenden Erfolge zu neiden.

Aus Spannungen erwächst eine handfeste Krise, zumal sich Elisabeth einen Seitensprung genehmigt und Borgese extrem eifersüchtig ist. Das Leben mit ihm wird ihr zur Qual. Sie will ihn eigentlich verlassen, bringt es aber nicht fertig und macht letztlich ihren Frieden mit ihm.

Witwe mit 34

1952 erhält Borgese überraschend einen Ruf nach Mailand. Die Universität gibt ihm die Professur zurück, die ihm die Faschisten genommen haben. Die Familie - seit 1940 bzw. 1944 sind die Töchter Angelica und Domenica auf der Welt - zieht im Herbst 1952 nach Florenz. Aber das neue Glück in Italien währt nur kurz: Wenige Monate später stirbt Borgese an einer Gehirnthrombose und hinterlässt eine 34-jährige Witwe.


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