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Was ist schon echt? (2/3) Tatsachenberichte in der Literatur

Etwa 80.000 Neuerscheinungen kommen in Deutschland jährlich auf den Markt. Erzählende Tatsachenberichte sind Umsatzrenner. Aber sind diese Geschichten alle wahr? Kann man den Texten über selbst erlebte Abenteuer oder persönliche Schicksalsschläge wirklich trauen? Rainer Link erzählt in seinem Feature von bekannten und weniger bekannten Fälschungen.

Von: Rainer Link (MDR 14.10.2017)

Stand: 11.02.2018 | Archiv

Tatsachenberichte leben von Authentizität und Verifizierbarkeit. Leser lieben spannende Geschichten, die das Leben schreibt und Verleger werden nicht müde, auf Buchcovern den Wahrheitsgehalt des Erzählten zu beschwören: "unglaublich, aber wahr", "Seite für Seite pralle Realität". Doch nicht immer hält die Verpackung was sie verspricht. Es wird beschönigt, hinzugedichtet oder frei erfunden.

Die Liste der "Verfehlungen" ist lang und reicht über den Bericht der belgischen Autorin Misha Defonseca "Überleben unter Wölfen" (1997) als vermeintliche Holocaust-Überlebende bis hin zu Senait Mehari, die in "Feuerherz" (2004) ihr Leben als Kindersoldatin an der Eritreischen Befreiungsfront beschreibt. Die Aufdeckung der Fälschung dauert oft Jahrzehnte und hatte im Fall von Misha Defonseca, deren Buch in 20 Sprachen übersetzt wurde, auch finanzielle Konsequenzen. Sie wurde im Jahr 2014 dazu verurteilt rund 16,3 Millionen Euro an ihren Verleger zurückzuzahlen.

Der wohl bekannteste Fall in Deutschland sind die falschen Hitler-Tagebücher, die der Maler Konrad Kujau hergestellt hat. Für 9,34 Millionen hatte er den vermeintlichen Sensationsfund an das Nachrichtenmagazin Stern verkauft und einen der größten Presseskandale ausgelöst.

Das Spiel mit der erfundenen Wahrheit gelang auch der Kölner Reisejournalistin und Buchautorin Ulla Ackermann mit ihrer gefälschten Autobiografie "Mitten in Afrika - Zuhause zwischen Paradies und Hölle", 2003 erschienen beim renommierten Hoffmann und Campe Verlag, mit der sie es wochenlang auf die Spiegelbestsellerliste schaffte. Der damalige Programmchef Rainer Moritz erinnert sich:

"Das war ein inszenierter Betrug, lange vorbereitet von der Autorin. Das ging so weit, dass sie den Tod ihres Kindes erfunden hat, um dem Buch mehr Drive zu geben. Und, ich habe so etwas vorher noch nicht erlebt, es sind erst mal alle darauf reingefallen."

(Rainer Moritz, ehemaliger Programmgeschäftsführer beim Verlag Hoffmann und Campe)

Der Journalistin Bettina Gaus, die für die Tageszeitung "taz" selbst sechs Jahre in Afrika war, fielen schon bei der ersten Durchsicht zahlreiche Fehler auf. Zum Beispiel verwechselte die Autorin mehrfach Hutu und Tutsi, obwohl sie angeblich über den Genozid in Ruanda berichtet hat. Unter den deutschsprachigen Afrika-Korrespondenten kannte niemand die Frau, die behauptete Nelson Mandela interviewt und Bin Laden getroffen zu haben. Ulla Ackermann gab die Fälschung schließlich zu, der Verlag nahm das Buch vom Markt.

Fälschungen gibt es nicht nur in der Tatsachenliteratur, man kann sogar Lyrik fälschen. Der Lektor Karl Emmerich Krämer vom Diederichs Verlag in Düsseldorf schickte sich unter dem Namen George Forestier selbstgeschriebene Gedichte über seine Erlebnisse als Soldat im 2. Weltkrieg. Sein 1952 erschienener Lyrikband "Ich schreibe mein Herz in den Staub der Straße" erreichte die erstaunliche Auflage von über 20.000 Exemplaren und lieferte den Kriegsheimkehrern ein poetisches Alibi. 

Ein überaus erfolgreicher "Fälscher" kommt aus Mitteldeutschland. Als herauskam, dass Karl May seine Indianergeschichten erfunden hatte, sorgte das keinesfalls für Entsetzen sondern für noch höhere Verkaufszahlen. Warum also sollten die heute tätigen Buchverlage nicht auf diesen Karl-May-Effekt setzen? Autor Rainer Link ist der Meinung, dass noch zahlreiche Fälschungen auf dem Buchmarkt kursieren:

"Das alles ist nur die Spitze des Eisbergs. Viele Autoren werkeln noch unentdeckt. Und Buchmesse um Buchmesse erscheinen tausende Bücher, die verkauft werden müssen. Und so kann ich dem geneigten Leser nur zurufen: Bleiben Sie misstrauisch!"

(Rainer Link / Erfundene Wahrheit)

Der Autor Rainer Link

Der Journalist Rainer Link lebt in Hamburg und schreibt seit vielen Jahren Radio-Features für die verschiedene Hörfunksender der ARD und Deutschlandfunk. Beim MDR wurde 2016 sein Feature "Ernstfall Satire" realisiert. Für sein Feature "Sterben mit Dr. Kusch" (DLF) erhielt er 2014 den "Deutschen Sozialpreis".

Textquelle: MDR


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