Bayern 2


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Zwangsadoptionen in Bayern? Die gefallenen Mädchen

Bis Anfang der 1980er Jahre haben sich Schwangere in Entbindungsheimen in Bayern versteckt. "Gefallene Mädchen" nannte man die Frauen, weil sie ledig oder minderjährig schwanger waren, eine Schande damals. Viele ließen ihre Kinder im Heim zurück – nicht immer freiwillig.

Von: Christiane Hawranek und Nadine Ahr

Stand: 10.06.2018 | Archiv

Hand einer jungen Mutter hält die Hand ihres Kindes | Bild: picture-alliance/dpa/Zentralbild/Hans Wiedl
 

Folge 1: Schande und Schuld

Sie hießen Entbindungsheime, Mütterheime oder Magdalenenheime: Einrichtungen, in denen sich bis Anfang der 1980er Jahre Schwangere verstecken konnten. Hausschwangere oder "gefallene Mädchen" nannte man die Frauen. Die Gesellschaft verachtete die Schwangeren, weil sie ledig oder minderjährig waren. Mindestens bis zur Geburt lebten und arbeiteten sie in den privaten oder kirchlichen Heimen.

Viele gaben das Kind zur Adoption frei und kehrten nach Hause zurück – in der Hoffnung, alles würde wieder sein wie vorher. Aber für einige wurde es nie mehr wie vorher.

So ergeht es auch Bettina Heckert. In der radioDoku kehrt sie zum ersten Mal an den Ort zurück, an dem sie vor 38 Jahren ihren Sohn zurückgelassen hat: In das ehemalige Mütterheim der Frauenklinik Taxisstraße in München. Bettina Heckert sagt, ihre Mutter habe sie damals unter Druck gesetzt, das Baby zur Adoption freizugeben. Weil eine ledige Schwangerschaft als Schande galt.

Seit der Geburt ihres Sohnes denkt Bettina Heckert an ihn, vermisst ihn. Sie sagt sogar, sie liebt ihn, obwohl sie ihn nie gesehen hat. Nur seinen ersten Schrei hat sie gehört, dann nahmen die Schwestern ihn weg. Bei ihrer Rückkehr an den Ort, der Bettina Heckerts Leben verändert hat, lernt sie eine 86-jährige Hebamme kennen. Dieses Treffen wird für sie zum Schlüsselerlebnis.

(Sendung: 10. Juni 2018 | 17.05-17.30 Uhr | Bayern 2)

 

Folge 2: Die Babyhändlerin

Viele Frauen schweigen aus Scham ihr Leben lang darüber, dass sie ein Kind in einem Entbindungsheim geboren und zur Adoption freigegeben haben. Deshalb ist die Geschichte der Mütterheime beinahe unsichtbar – obwohl allein in Bayern laut offiziellen Heimverzeichnissen 27 solcher Einrichtungen existierten. Es steht kaum etwas darüber in alten Zeitungsberichten, in Archiven und Bibliotheken.

Über eine Zeitungsannonce finden wir Zeitzeuginnen, die eine Zeitlang in bayerischen Mütterheimen gewohnt und gearbeitet haben. Einige erzählen, wie sie sich dort zur Adoption gedrängt fühlten. "Eine richtige Babyhändlerin war das!", sagt Ursula Drenda über die Hebamme, die ihr im Jahr 1970 die Tochter wegnahm, fünf Tage nach der Geburt. Die Hebamme habe sie erpresst. Ursula Drenda habe sie deshalb angezeigt, doch rückgängig machen konnte sie die Adoption nicht.

"Ich konnte jahrelang nicht schlafen, habe mich immer gefragt: Werde ich meine Tochter jemals treffen?", sagt Ursula Drenda. Wir gehen einem schrecklichen Verdacht nach: Dass sich Betreiber von Entbindungsheimen an der Not der Frauen bereichert haben.

(Sendung: 17. Juni 2018 | 17.05-17.30 Uhr | Bayern 2)

 

Folge 3: Foto Love Story

Das Münchner Entbindungsheim mit der erpresserischen Hebamme existiert heute nicht mehr. Und auch die Spurensuche gestaltet sich schwierig. Dabei stoßen wir auf ein bizarres Fundstück: Eine "Foto Love Story" aus der Jugendzeitschrift Bravo aus dem Jahr 1973. Der Titel: "Liebe mit heimlichen Folgen".

Die Hebamme, nach der wir gesucht hatten, spielt die Hauptrolle am Original-Schauplatz, dem Entbindungsheim. Eine ledige Schwangere soll "ihr Kind verschenken", denn: "Sie musste das Kind heimlich bekommen. Ihre Eltern hätten sie sonst aus dem Haus gejagt." Die Adoption selbst wirkt fast wie ein Autokauf. Die Hebamme überreicht den Adoptiveltern das Neugeborene. Die Bravo schreibt: "Niemals wird es erfahren, wer seine leibliche Mutter ist."

Doch die leiblichen Mütter, die in der radioDoku von den Adoptionen in den Entbindungsheimen erzählen, lässt genau das nicht los, sie fragen sich: Was wurde aus meinem Kind? Bettina Heckert macht sich auf die Suche nach ihrem Sohn.

Erst jetzt, mit 58 Jahren, traut sie sich, ihm einen Brief zu schreiben: "Hallo, ich weiß nicht wie ich dich ansprechen soll. Nach all den Jahren hatte ich so viele Worte und Sätze. Jetzt wo ich es endlich wage, fehlen mir die richtigen Worte."

(Sendung: 24. Juni 2018 | 17.05-17.30 Uhr | Bayern 2)

 


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