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Das Corona-Tagebuch "So geht es nicht weiter, ich muss was tun - In all den Wochen habe ich das kein einziges Mal geschafft"

Aus dem Home-Office berichtet Caroline von Lowtzow von dem Impuls, sich inmitten von Hausarbeit und Homeschooling gegen den drohenden Kollaps stellen zu wollen und Leuten zu helfen. So stark dieser Impuls im Moment auch ist - am Ende stehen auf der Prio-Liste dann doch Matheaufgaben, ständiges Einkaufen und Telefon-Konferenzen.

Von: Caroline von Lowtzow

Stand: 15.04.2020

Workin Germany Redakteurin Caroline von Lowtzow | Bild: BR/Max Hofstetter

Wir putzen jetzt wieder selbst. Wir machen auch ständig was zu essen, weil in unserer Familie immer irgendjemand Hunger hat. Und vor allem kaufen wir ständig ein. Der Kühlschrank ist schnell leer, wenn alle immer zu Hause essen, Hort und Kantine geschlossen sind. Das ist an sich auch kein Problem und macht sogar zum Teil Spaß, wenn nur nicht die permanente Gleichzeitigkeit wäre von Homeoffice, Homeschooling und Hausarbeit.

Erster Nervenzusammenbruch um 11:10 Uhr

Beim Frühstück Mails checken  - eh klar. Zwischen zwei Matheaufgaben – Nachbarzahlen im Zahlenraum bis 20 finden - kurz ne Telko, dann Diktat zum Thema Wasserversorgung, Fragen in der Whatsapp-Gruppe beantworten, Schinken-Käse-Toast machen, Videokonferenz – erst mit der Arbeit, dann die fürs Kind einrichten, erster Nervenzusammenbruch um 11 Uhr 10, weil weder Kind noch Eltern die Textaufgabe verstehen, Mittagessen vorbereiten, einen Text redigieren,  Wissenswertes über Wiesenblumen rausfinden, Mittagessen, die Kinder dürfen eine Serie schauen – uff –kurz durchschnaufen und die Zeit nutzen, um zu telefonieren, Emails zu beantworten. So geht es den ganzen Tag. Dann die Kinder an die frische Luft scheuchen, inlineskaten, Volleyball spielen, Mountainbiken oder 'Wie wär’s mit "Albas Sportstunde zu Hause"?' – 'Ne, kein Bock.' - 'Ok, dann hör halt wieder die Teufelskicker in Dauerschleife auf Spotify'. Abends um 21 Uhr todmüde umfallen, die Kinder sind immer noch fit.

Alltag in Corona-Zeiten, wie ihn wahrscheinlich viele kennen. Viele, die ähnlich privilegiert leben und arbeiten können – im wahrscheinlich privilegiertesten Land der Welt, auf jeden Fall in Sachen Gesundheitsversorgung. Es ist eine andere Gleichzeitigkeit, die mich zunehmend beunruhigt:

"Etwa 80.000 Menschen wohnen und arbeiten in der Müllstadt vor den Toren Kairos. 16 Tonnen Abfall werden täglich aus der Hauptstadt angefahren, sortert, recycelt – von Hand, ohne Handschuhe und Masken auf engstem Raum, Hygiene katastrophal. Offiziell gibt es kein Corona, aber auch keine Tests."

- Tagesschau.

"Italien macht in der Corona-Krise seine Häfen dicht: Seenotretter dürfen mit ihren Schiffen nicht mehr einlaufen. Ein deutsches Rettungsschiff steckt nun mit 150 Menschen an Bord auf dem Mittelmeer fest."

- Tagesschau.

Eigentlich ist das mittlerweile eine Binse. Unser Wohlstand hier basiert auf der Ausbeutung anderer. Die einen können nur gewinnen, indem die anderen verlieren. Die Hightech-Landwirtschaft in Europa lebt vom zerstörerischen Sojaanbau in Argentinien, der Hunger auf Shrimps wird mit der Abholzung der Mangrovenwälder Thailands gestillt; der Sandimport für die Bau-Industrien lässt in Afrika die Küsten erodieren; der Plastikmüllstrudel im Nordpazifik entstand durch unser Konsumverhalten.

„Externalisierungsgesellschaft“ nennt der Münchner Soziologe Stefan Lessenich dieses Verhalten in seinem Buch „Neben uns die Sintflut“ – wir wissen um die Zusammenhänge, aber verdrängen sie. Wir setzen uns hier für gute Arbeitsbedingungen ein, für mehr Elterngeld in der Coronakrise, demonstrieren für die Wiederöffnung der Kitas, damit wir  gestressten Eltern wieder besser arbeiten können, aber was im Rest der Welt passiert juckt uns nicht. Wir nehmen unsere Privilegien als selbstverständlich wahr.

Wir nehmen unsere Privilegien als selbstverständlich wahr

Fridays for Future und andere Klimaaktivisten haben es schon im letzten Jahr geschafft, die Verdrängung ein wenig zurückzudrängen, in dem sie die Folgen unseres Wirtschaftens für die Zukunft unseres Planeten drastisch beschrieben haben. Die Pandemie macht es nun jeden Tag noch offensichtlicher.

Dafür muss man nicht mal nach Ägypten oder Bangladesch schauen, es reicht ein Blick in die USA, um die verheerenden Folgen unseres kapitalistischen Systems offenzulegen. Im Zündfunk Generator hat Florian Fricke die Theorie der Kollapsologie vorgestellt, die Lehre vom Zusammenbruch. 2015 veröffentlichten Pablo Servigne und Raphaël Stevens das Buch „Comment tout peut s’effondrer“, auf Deutsch: „Wie alles zusammenbrechen kann“. Das Buch ist in Frankreich schon länger ein Verkaufsschlager und versucht zu beweisen, dass ein Kollaps unserer thermo-industriellen Zivilisationen, die seit der Dampfmaschine auf Energie aus Wärme aufbauen, bald bevorsteht. Ob er noch bevorsteht oder wir ihn gerade live miterleben – who knows. 

Homeoffice, Homeschooling und Household haben mich gelähmt

So geht es nicht weiter, ich muss was tun, ich will was tun – solche Impulse hatte ich immer wieder in den letzten Wochen. Mich gegen den drohenden Kollaps stellen. Viele Leute helfen gerade Nachbarn und Alten. Im Münchner Westend ist aus diesem Impuls auch die Initiative „Das Westend tafelt“ entstanden. Weil die Tafel ihre Lebensmittelausgaben einstellen musste, hat eine Initiative aus Künstlerinnen, Gastronomen und Politikerinnen des Bezirksausschuss ein tägliches warmes Mittagessen auf die Beine gestellt. Jeder, der will kann ganz einfach mithelfen. 'Das mache ich', habe ich sofort gedacht.' Das kann ich leisten'. In all den Wochen habe ich es kein einziges Mal geschafft.

Homeoffice, Homeschooling und Household haben mich gelähmt. Die Suche nach einer weiterführenden Schule, die Anstrengungen, das Kind zum Ausfüllen der Arbeitsblätter zu motivieren, haben meine Kräfte absorbiert. Ich verdränge also weiter, externalisiere und beruhige mein Gewissen mit so schönen Geschichten wie die von Captain Tom: der britische Weltkriegsveteran ist bis zu seinem 100. Geburtstag jeden Tag mit seinem Rollator vor seinem Haus auf und ab gelaufen, um Spenden für das britische Gesundheitssystem zu sammeln. Jetzt hat er auch noch einen Spenden-Song aufgenommen und es damit an die Spitze der britischen Charts geschafft. Der Song ist: You’ll never walk alone.

Es wäre schön, wenn dem so wäre, ich fürchte, meine Realität ist eine andere.

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You'll Never Walk Alone - Captain Tom Moore, Michael Ball & The NHS Voices of Care Choir | Bild: DeccaRecordsMusic (via YouTube)

You'll Never Walk Alone - Captain Tom Moore, Michael Ball & The NHS Voices of Care Choir


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