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Generator Podcast Kollapsologie - Was fasziniert uns an der Erzählung vom Untergang?

In Frankreich ist er schon länger ein Verkaufsschlager: Der Weltuntergang. Die sogenannte Kollapsologie von Pablo Servigne und Raphaël Stevens vermischt Wissenschaft mit Science Fiction und verkündet den baldigen zivilisatorischen Zusammenbruch. Was ist da dran?

Von: Florian Fricke

Stand: 24.04.2020

2015 veröffentlichten Pablo Servigne und Raphaël Stevens das Buch „Comment tout peut s’effondrer“, auf Deutsch: „Wie alles zusammenbrechen kann“. Das Buch - inzwischen auch auf Englisch erschienen -  versucht zu beweisen, dass ein Kollaps unserer thermo-industriellen Zivilisationen, die seit der Dampfmaschine auf Energie aus Wärme aufbauen, bald bevorsteht. Wie ist der Kollaps definiert? Wenn die staatlichen Institutionen die Grundbedürfnisse auf Wohnen, Wasser, Nahrung, Bekleidung und Wärme nicht mehr bedienen kann.

Die Autoren untersuchen einerseits wissenschaftliche Fakten. Der Klimawandel schlägt bereits dramatisch durch, das spüren selbst wir in den gemäßigten Klimazonen immer deutlicher. Das Artensterben schreitet voran. Zusammen mit den großen Tipping Points wie  Eisschmelze an den Polkappen oder Vernichtung des amazonischen Regenwalds könnte das ökologische Erdgleichgewicht so massiv gestört werden. Und dann Peak Oil. Alle Industrienationen dieser Welt sind auf Kohlenstoff gebaut und immer komplexer global vernetzt. Pablo Servigne und Raphaël Stevens nennen es das ultimative Locked-in-System.  Die Wahrscheinlichkeit, dass dieses System, das auf ewigem Wachstum basiert, kollabiere, sei größer, als dass wir es rechtzeitig nachhaltig umbauen könnten.

Intuition und Wissenschaft

„In der Kollapsologie ist Intuition– die auf ordentlicher Wissenschaft gedeiht – das entscheidende Element. Alle Informationen in diesem Buch, so objektiv sie auch sein mögen, erbringen noch keinen Beweis, dass bald ein Kollaps bevorsteht. Sie erlauben dir aber dein eigenes Wissen vermehren, um auf dieser Basis deine Intuition zu schärfen und schließlich mit Überzeugung zu handeln.“ P. Servigne, R. Stevens, „Comment tout peut s’effondrer“

In Frankreich ist die Kollapsologie spätestens seit 2018 in der öffentlichen Meinung verankert, vermehrt unter dem Wort „l’effondremont“, dem Zusammenbruch. Das Buch hat sich rund 100.000 Mal verkauft, auch der Nachfolgeband „Une autre fin du monde est possible“, „Ein anderes Ende der Welt ist vorstellbar“, läuft  prächtig.  Der Diskurs wird in Facebook-Gruppen geführt oder in einem Verein wie Adrastia, wo sich die Kollapsologen austauschen. Es beteiligen sich Naturwissenschaftler, Soziologen, Psychologen, Philosophen und Künstler. Der Diskurs ist eher männlich geprägt.

Die Rhetorik der Krise

„Die Kollapsologie ist so wie die Romane von Jules Verne, Storytelling mit wissenschaftlichen Fakten. Ein Mix aus Science Fiction und Wissenschaftsstudien angereichert mit der Rhetorik der Krise, des Kollaps. Man könnte sagen, Servigne und Stephens haben einen guten Riecher gehabt. Wissenschaftliche Studien sind schwer zu lesen. Science Fiction liest sich super – und die beiden haben genau die richtige Mischung aus beiden Genres hinbekommen.“ Natalie Gravenor, Soziologin

Wie ernst ist die Kollapsologie zu nehmen? Welcher Anteil überwiegt: Science Fiction oder Wissenschaft? Es ist Zeit, sich dieser spannenden Mischung anzunähern und sie kritisch zu hinterfragen.

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