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Das Corona-Tagebuch Die Corona-Politik ist so chaotisch wie eine Fahrt mit der Deutschen Bahn

Quarantäne, keine Quarantäne; Lockerungen hier, Maskenpflicht dort. Das Hin und Her der Corona-Politik zermürbt unseren Autor. Auf einer Zugfahrt erntet er böse Blicke – und hat eine Erkenntnis.

Von: Ferdinand Meyen

Stand: 26.04.2022 | Archiv

Ferdinand Meyen | Bild: Lisa Hinder/BR

Das Leben ist wie eine Fahrt mit der Deutschen Bahn. Man schwitzt im Winter, friert im Sommer und die Ziele, die man sich vorgenommen hat, erreicht man meistens nur über Umwege. Außerdem ist eine Fahrt mit der Deutschen Bahn perfekt dafür geeignet, Deutschlands Probleme in Sachen Corona-Pandemie aufzuzeigen.

Da sind zum einen die Parallelen mit dem politischen Wirrwarr, das gerade in Deutschland herrscht. Die Corona-Politik erinnert stark ans vielen vertraute Bahn-Chaos. Letztes Wochenende saß ich zum Beispiel lange im Zug, um meine Oma in Chemnitz zu besuchen. Und natürlich: Die Verbindungen, die ich für viel Geld gebucht hatte, haben nicht funktioniert. Züge fielen aus, und so musste ich am Ende ganze sieben Mal umsteigen: München Leipzig, Leipzig Dresden, Dresden Chemnitz, Chemnitz Leipzig, Leipzig Erfurt, Erfurt Nürnberg, Nürnberg München. Ich wechselte so oft die Richtung, dass ich mir am Ende vorkam wie Gesundheitsminister Karl Lauterbach: Impfpflicht, keine Impfpflicht; sieben Tage Quarantäne, fünf Tage Quarantäne, keine Quarantäne, doch wieder Quarantäne.

Zum anderen hat die Zugfahrt mir gezeigt, dass das Virus da und gefährlich ist, auch wenn viele gerade so tun, als sei die Pandemie vorbei. Für mich ist Covid-19 trotz Impfung weit mehr als nur eine Erkältung. Vor vier Wochen habe ich mich infiziert, seit zwei Wochen bin ich genesen. Und doch fühlt sich schon eine Zugfahrt derzeit an wie ein Halbmarathon. Schüttelfrost in Nürnberg am Gleis, Schweißausbrüche, regelmäßiges Husten und damit verbunden die Frage, was die Leute auf den Nachbarplätzen jetzt wohl denken. Noch vor wenigen Wochen hatte ich immer einen großen Bogen um notorisch Hustende in den öffentlichen Verkehrsmitteln gemacht, jetzt gehöre ich selbst zu ihnen.

Das Problem mit den Masken

Und dann ist da auch noch das Problem mit den Masken. Die Bahn ist einer der wenigen Orte, wo man sie noch tragen muss. Und besonders hier zeigt sich, wie widersprüchlich das sein kann. Mich haben Masken eigentlich nie gestört, ich war sogar sicher, dass sie mit darüber entscheiden, wie sich das Virus verbreitet. Das zeigen schließlich die Studien – und auch ich hatte mich ohne Maske angesteckt.

Aber weil ich wegen Corona immer noch Probleme mit der Atmung habe, fängt meine Lunge jetzt nach einigen Minuten FFP2-Maske an zu brennen. Deshalb habe ich im Zug ständig zur Wasserflasche gegriffen und einen Snack nach dem nächsten ausgepackt, um ein bisschen Luft zu holen. Dann kurz auf Toilette, um die Maske ein paar Minuten unter die Nase wandern zu lassen, die Maskenpflicht verfluchend. Immer begleitet von den strengen Blicken des Zugpersonals und der anderen Gäste.

Schließlich war denen ja nicht entgangen, wie ich davor gehustet hatte. Und obwohl ich weiß, dass ich gerade niemanden anstecken kann und auch nicht Gefahr laufe, mich sofort nochmal zu infizieren, wissen die anderen das ja nicht. Und ich will es auch nicht jedem erklären. Wahrscheinlich halten sie mich für einen Verschwörungstheoretiker, ändern kann ich es nicht.

„Fahrlässiger Umgang mit dem Virus“

Die amerikanische Rock-Legende Steve Albini hat wegen der Masken kürzlich einen Appell auf Twitter veröffentlicht, dass seine Konzertgäste Corona nicht auf die leichte Schulter nehmen sollen. Dass sie bitte Masken tragen sollen, auch, damit sich die Band nicht ansteckt. „Viele Touren müssen gerade abgesagt werden, weil jemand positiv ist“, schreibt er. Das sei unglaublich teuer, habe medizinische Folgen und könne eine Band ruinieren. „Es herrscht ein fahrlässiger Umgang mit dem Virus“, so der Musiker. Die fahrlässige Botschaft laute: „Wir haben es überstanden.“

Tweet-Vorschau - es werden keine Daten von Twitter geladen.

steve albini Music fans pull up. Bands are trying to tour again. Decisions about when to tour are always made far in advance, and given the relentlessness of the pandemic, when the time comes to do it, the band has to decide by a deadline whether to go or not, with imperfect information.

Ich kann Steve Albini verstehen – und doch würde ich auf seinem Konzert aktuell keine Maske tragen wollen. Das zeigt, in welchem Dilemma wir uns gerade befinden: Während vulnerable Gruppen beklagen, dass sie von der Politik in Sachen Corona im Stich gelassen werden, haben die anderen kein Verständnis mehr für Einschränkungen. Nur schwirrt mitten drin immer noch ein Virus, das ich nicht auf die leichte Schulter nehmen würde. Schließlich war und ist Covid zu haben für mich doch wesentlich unangenehmer als eine Fahrt mit der Deutschen Bahn.