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Das Corona-Tagebuch Ich bin geimpft - und Du? Wie die Moralkeule unsere Freundschaften gefährdet

Viele sehen das Impfen skeptisch, andere mogeln sich durch die Pandemie. Wie gehen wir mit denen um? Laura Selz über den Reiz der moralischen Überlegenheit - und wie wir uns nach der Pandemie noch in die Augen schauen wollen.

Von: Laura Selz

Stand: 14.07.2021 | Archiv

Laura Selz | Bild: Laura Selz

Die Diskussion um sogenannte Impfskeptiker bekommt gerade einen ekelhaften Touch. Wir geilen uns daran auf, auf der richtigen Seite zu stehen. Aber wir machen es uns vielleicht zu einfach? Letztes Jahr waren die Lager noch irgendwie klarer. Da gab es vor allem die Schwurbler. Die meinten, dass die jüdische Weltverschwörung Corona erfunden hat, um uns an die Chinesen zu versklaven – irgendwie so. Das war und ist eine überschaubare Minderheit. Und wir, die Vernünftigen, standen auf der anderen Seite. Auf der guten Seite. 2020 war moralisch easy.

Auch du? Brutus?

Aber jetzt wird es immer diffuser. Unsere moralische Überlegenheit erhebt sich jetzt nicht mehr nur über Onkel Hans, den alten Nazi. Sondern nun auch über Cousin Ferdi, der den neuen RNA Impfstoffen nicht traut. Und so sitzen wir am Familientisch und blicken dem Cousin in die Augen: Auch du? Brutus?

Es waren unschuldige Zeiten, früher. Als wir noch nicht voneinander wussten, wie sich der Einzelne in einer globalen Krise verhalten würde. Und jetzt? Jetzt streiten wir darüber, ob ein Impfskeptiker wie Joshiko Saibou für die deutsche Nationalmannschaft antreten darf. Auch du? Brutus?

Sanfte Überredungskunst

Aber gehen wir mal von der Weltbühne zurück in meinen Kiez. Meine gute Freundin Anna schwört auf Globuli, auf Homöopathie. Dass sie das Impfen skeptisch sieht, überrascht da nicht wirklich. Sie traut dem Ganzen nicht. So, so. Aha! Willst Du dann als nächstes etwa den Holocaust leugnen? Du Staatsfeind. Nein. Ich verzichte auf diese Spitze und versuche, sie stattdessen sanft zu überreden, es sich nochmal zu überlegen. Denn ich denke, dass wir eine Impfquote von mindestens 85 Prozent brauchen, um diese Scheiße zu überstehen. Und sie denkt, na, dann lass mich doch einfach zu den anderen 15 Prozent gehören.

Es ist schwierig. Aber Anna und ich sind seit über 20 Jahren befreundet, ich bin Patin ihrer Tochter, und ich werde sie bestimmt nicht opfern, nur um meinen Freundeskreis rein zu halten. Irgendwie ist es mir das nicht wert. Denn die Differenzierungen gehen ja weiter. Es geht ja nicht nur ums Impfen. Es geht um Urlaube. Um Partys. Wer wen umarmt hat. Wer sich nachts nochmal rausgeschlichen hat.

Wie können wir uns noch in die Augen schauen?

Es wird von der „Spaltung der Gesellschaft“ geredet. Aber bei genauerem Hinsehen sind es nicht zwei Lager, die sich spalten. Es ist eher so, dass JEDER auf der Moralskala sitzt, wie Vögel auf einer Stromleitung, und sich dabei stets in der Mitte wähnt. Und die moralische Abgrenzung geht dabei jeweils in zwei Richtungen: Zu denen, die übertreiben. Und zu denen, die untertreiben.

Aber mal im Ernst. Mit wem wollen wir uns eigentlich noch streiten? Jeder mogelt sich irgendwie durch. Jeder hat Zweifel, die andere wiederum nicht haben. Und jeder fühlt sich dabei moralisch überlegen. Wie wollen wir eigentlich nächstes Jahr im Biergarten zusammensitzen? Nach dem Krieg. Wie wollen wir uns nach dieser ganzen Moralmasturbation eigentlich noch in die Augen schauen?

Und – sag mal – welche Prio-Gruppe hattest Du eigentlich?


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