Bayern 1 - Experten-Tipps


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Umweltbilanz Sind Elektroautos "umweltfreundlich"?

Wir Deutschen lieben unser Auto. Doch umweltfreundlich ist der Verbrennungsmotor nicht gerade. Er verbraucht Erdöl und erzeugt Abgase. Sind Elektroautos eine umweltfreundliche Alternative?

Von: Alexander Dallmus

Stand: 25.02.2013

Illustration: Der Umweltkommissar steht zwischen einem Benzin- und einem Elektroauto und zuckt fragend die Achseln | Bild: BR/Susanne Baur

Über 42 Millionen Pkw sind hierzulande unterwegs. Wären das plötzlich alles Elektroautos, bräuchten wir dafür im Jahr 130 Milliarden Kilowattstunden. Das entspricht einem Viertel des gesamten deutschen Stromverbrauchs. Eine beeindruckende Zahl.

Nur ein Viertel des deutschen Stromverbrauchs wird mit Ökostrom gedeckt.

Trotz angekündigter Energiewende und allen Ambitionen, die wir in dieser Hinsicht haben: Zur Zeit werden etwa nur 25 Prozent des deutschen Stromverbrauchs mit Ökostrom gedeckt. Immerhin schon mal genug, um alle Autos klimaneutral und sauber anzutreiben. Aber das ist natürlich nur theoretisch so, die Praxis sieht meistens anders aus: Wenn wir nämlich Elektrofahrzeuge fördern und verstärkt unterhalten, dann entsteht logischerweise eine zusätzliche Stromnachfrage.

„Bei einem bestehenden Kraftwerkspark bedeutet das“, zeigt Florian Hacker vom Ökoinstitut Freiburg in der Studie „OPTUM“, „dass Strom aus fossilen Kraftwerken zur Verfügung gestellt wird. Das sind zusätzliche Emissionen, die unterm Strich auch dazu führen, dass das Fahrzeug keine bessere Bilanz hat als ein konventionelles Fahrzeug.“

Das ist natürlich nicht das, was wir als umweltbewusste Autofahrer hören wollen. Vor allem, wenn wir beim Kauf eines Elektroautos – im Vergleich – wirklich tief in die Tasche greifen müssen.

Der Ökostrom reicht nicht

In Deutschland wird der vorhandene Ökostrom bereits von uns, den ganz normalen Stromverbrauchern, restlos aufgebraucht. Alles, was noch zusätzlich „abgezapft“ wird, jedes aufzuladende Elektroauto erzeugt einen Zusatzbedarf, der dann von konventionellen Kraftwerken zusätzlich abgedeckt werden muss. Und nicht zu vergessen: Selbst wenn ein Elektroauto mit Ökostrom geladen wird, entsteht ein Mehrverbrauch und damit ein Kohlendioxidausstoß von durchschnittlich 139 Gramm pro Kilometer. Das ist so viel wie zum Beispiel ein sparsamer Diesel-Pkw erzeugt (laut Studie der schweizerischen Materialforschungsanstalt EMPA).

Richtig rechnen ist gar nicht leicht

Die richtigen Emissionswerte auszurechnen, ist eine Kunst für sich.

Denn es wird beim Vergleich der Emissionswerte von Elektroautos und PKW mit Verbrennungsmotor leicht außer Acht gelassen, dass die Emissionswerte der zugelassenen Neuwagen „unter Laborbedingungen“ entstehen, also ohne den Betrieb von Licht oder spritfressenden Klimaanlagen und zusätzlich mit Prüfdiesel, der auf dem Markt gar nicht erhältlich ist. Deshalb liegt der Verbrauch eines herkömmlichen Autos im Alltag auch ein Viertel höher als im Prospekt steht.

Auch nicht einkalkuliert sind Schattenkosten, die die Umweltbilanz beeinträchtigen und anfallen, wenn ein Auto in Betrieb ist. Vorher muss nämlich noch Benzin- oder Dieselkraftstoff hergestellt werden. Dazu werden Bohranlagen gebraucht, das Rohöl wird um die halbe Welt verschifft, Raffinerien verarbeiten das weiter und so weiter und so fort. Wer so rechnet, kommt deshalb schnell drauf, dass selbst die sparsamsten Diesel-PKW um die Hälfte MEHR CO2 pro Kilometer ausstoßen als ein durchschnittliches Elektrofahrzeug mit heutigem Netzstrom. 

Bei der Stromerzeugung werden indirekte Emissionen der Kohleförderung grundsätzlich mitgerechnet. Wer fair sein möchte, muss diese indirekten Emissionen auch beim Verbrennungsmotor miteinbeziehen, und dann liegen seine Emissionen deutlich höher.

Für das Elektroauto spricht:

  • Es wird mittlerweile in Serie produziert und es ist wartungsarm.
  • Vor Ort fährt es emissionsfrei.
  • Es ist bis zu viermal effizienter wie ein Auto mit Verbrennungsmotor.

Aber auch die Hersteller von Elektroautos schönen ihre Zahlen. Schließlich werden auch hier CO2-Werte in Prospekte geschrieben, die viele Schattenkosten außer Acht lassen. Das ist sogar ganz legal, weil selbst die EU in ihren Richtlinien nur darauf achtet, was hinten durch den Auspuff an Emissionen ausgestoßen wird. Und das ist beim Elektroauto zwar tatsächlich nicht der Fall, aber eine solche Schönfärberei berücksichtigt eben nicht, was im Kraftwerk an Treibhausgasen bei der Stromherstellung produziert wird.

Autoindustrie ist in der Pflicht

Elektromobilität und eine Senkung des CO2-Verbrauchs ist maßgeblich gekoppelt an den zusätzlichen Ausbau der erneuerbaren Energie. Und zwar einen Ausbau, der über die bestehenden Ziele der Bundesregierung hinausgeht.

Autohersteller wollen mit Windrädern eigenen Ökostrom produzieren.

Dass auch die Hersteller ihren Teil dazu beitragen müssen, hat sich in der Branche nur langsam herumgesprochen. Doch tatsächlich sollen den Ankündigungen auch Taten folgen. BMW plant zum Beispiel Windräder bei Leipzig, um damit die Produktion ihrer Elektro- oder Hybridprodukte quasi „emissionsfrei“ zu gestalten. Daimler hat bereits ein eigenes Windrad errichtet und versprochen, dass der Strom, der bei der Herstellung von Elektro-Smarts verbraucht wird, über das Windrad von Daimler wieder ins Netz eingespeist wird.

Batterie ist die Archilles-Ferse der  Elektroautos

Derzeit sind noch Lithium-Ionen-Batterien der gängige Energiespeicher für Elektroautos. Sie machen Elektro-Mobile nicht nur teuer, sondern belasten die Umwelt auch durch das problematische Recycling. Allein bei der Herstellung werden jede Menge Rohstoffe verarbeitet. Wenn man die dabei entstehenden Emissionen dem Elektroauto auch noch anrechnet, liegt es mit dem Verbrennungsmotor etwa gleichauf.

Lithium-Ionen-Batterien sind teuer und belasten die Umwelt.

Heutzutage werden die Lithium-Ionen-Batterien in der Regel zerlegt und eingeschmolzen. Dadurch lassen sich – zumindest teilweise – hochwertige Metalle wie Kobalt oder Nickel wieder zurückgewinnen. Das Lithium wird wiederum bei Sportplätzen oder dem Straßenbau eingesetzt.

Doch gerade Lithium wird nur zu einem Bruchteil wiedergewonnen. Bei steigender Nachfrage von Elektroautos würde gerade das Deutschland sehr abhängig von Ländern wie China machen, die über die wenigen großen Lagerstätten verfügen. Besser wäre es, ein ausgefeilteres Recyling zu entwickeln, also dass Strom speichernde Lithiumpartikel in neue Batterien wiederverwendet werden können. Tatsächlich gibt es bereits vielversprechende Projekte.

Unterm Strich

Wir wollen jetzt keine Erbsenzählerei betreiben, aber nach heutigen Kriterien lässt sich auch nach kompliziertesten Rechnungen und Einberechnungen aller Faktoren nicht wirklich sagen, ob jetzt ein sparsames Auto mit Verbrennungsmotor insgesamt tatsächlich für mehr CO2-Emmissionen pro Kilometer verantwortlich ist als ein Elektroauto.

Das Elektroauto ist also derzeit nicht besser, aber auch nicht schlechter. Und wenn sich das Recycling der Batterien verbessern lässt und deutlich mehr Ökostrom erzeugt wird als heute, können Elektroautos tatsächlich umweltfreundlicher sein. Das kann allerdings noch bis zu zwanzig Jahre dauern.


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