Bayern 1 - Experten-Tipps


16

Bayern 1-Umweltkommissar Glas oder Kunststoff - welche Flasche ist die Gute?

Mehrwegflaschen, Einwegflaschen, Flaschen mit Pfand und ohne Pfand aus PET oder Glas - der Verbraucher blickt schlicht nicht mehr durch. Welche Flaschen sind für die Umwelt nun die besten? Der Umweltkommissar klärt auf!

Stand: 15.05.2019

Illustration: Die Biene steckt in einer Plastikflasche, der Umweltkommissar überlegt ob Einweg- oder Mehrwegflaschen besser sind | Bild: BR/Susanne Baur

Eigentlich wollte die Bundesregierung 2003 das Mehrwegsystem stärken und den Trend zur Einweg-Plastikflasche stoppen. Im Volksmund heißt die Einführung des Pfands auf Einweggetränkeverpackungen bis heute „Dosenpfand“. Wobei es bei der Verordnung nicht nur um Dosen ging. Die Mehrwegquote sollte damit auf 70 Prozent gesteigert werden. Ziel war es, dass mindestens 72 Prozent aller Getränke in Deutschland in ökologisch vorteilhaften Verpackungen, wie Mehrwegflaschen, Getränkekartons etc. abgefüllt werden. Fakt ist: Die Mehrwegquote sinkt kontinuierlich. Und zwar ausgerechnet seit Mai 2006! Als der Einzelhandel verpflichtet worden ist, alle Einwegverpackungen, auf die Pfand erhoben wurde, zurückzunehmen (wenn sie Pfand-Einwegverpackungen gleichen Materials verkaufen) und somit dem Rücknahmechaos Einhalt geboten werden sollte.

Mittlerweile liegt die Mehrwegquote unter 50 Prozent. Bei Fruchtsäften sogar nur bei sieben Prozent. Bei Mineralwasser um die 30 Prozent. Lediglich das Bier trinken die Deutschen nach wie vor gerne aus der Mehrweg-Glasflasche - bis zu 80 Prozent. Hier wird die Zielvorgabe des Gesetzgebers noch erfüllt.

Mit der Ankündigung des Getränkekonzerns Coca-Cola, die 0,5 und 1,5-Liter-Flaschen in Deutschland künftig nur noch als Einwegflaschen anzubieten, ist die Diskussion um das Mehrwegsystem wieder heftig entbrannt. Umweltverbände laufen Sturm und prangern das Einwegsystem als ökologische Einbahnstraße an. Für Coca-Cola und den Bund Getränkeverpackungen der Zukunft ist der ökologische Vorteil von Mehrweg nicht erwiesen. Grund genug, sich den Fall mal näher anzusehen. 

Kunden haben Probleme zu unterscheiden

Deutschland  hat zwar das weltweit größte Mehrwegsystem der Welt, aber die Verbraucher blicken beim Pfand und Mehrwegsystem nicht mehr durch bzw. können nicht unterscheiden. Für viele sind PET-Einwegflaschen, die gegen Pfand an Rückgabeautomaten eingeworfen werden können, Teil des Mehrwegsystems. Die Hälfte der Verbraucher können Mehrweg- nicht von Einwegverpackungen unterscheiden, sagt der Bundesverband des Deutschen Getränkegroßhandels.

Mehr oder weniger bestätigte das der Vorstandschef von Coca-Cola, Ulrik Nehammer, kürzlich in einem Interview mit der „Welt“. Coca-Cola habe nämlich die Mehrwegverpackungen im Sortiment beworben, aber stattdessen haben sich der Absatz der Einwegflaschen bei Coca-Cola in den letzten zehn Jahren verdreifacht.

Tatsächlich ist die Kennzeichnung auf den Getränkeflaschen nicht sonderlich deutlich. Für die Verbraucher sind auch PET-Flaschen, die im Automaten geschreddert werden und für die es 25 Cent am Automaten zurückgibt, offensichtlich Mehrwegflaschen. Ein entsprechender Gesetzentwurf zur besseren Mehrweg-Kennzeichnung liegt bereits seit zwei Jahren dem Bundesrat zur Beschlussfassung vor. Allerdings sieht dieser nur die Kennzeichnung am Regal im Supermarkt vor, nicht aber auf der Flasche.

Umweltverbände, wie die Deutsche Umwelthilfe, fordern deshalb nicht nur eine deutlichere Kennzeichnung von Einwegflaschen, á là „Achtung - dies ist eine Einwegflasche“, sondern möchten auch eine sogenannte „Lenkungsabgabe“ von 20 Cent auf Einweggetränke einführen. Das macht die Produkte teurer und so werden Mehrwegflaschen wieder attraktiver – hoffen die Umweltschützer.

Was ist PET?

PET ist die Abkürzung für den Kunststoff „Polyethylenenterephthalat“. Daraus werden nicht nur Behälter oder Verpackungen hergestellt, sondern auch Fasern oder Textilien. Weltweit sind jährlich etwa 13 ½ Milliarden Kunststoffflaschen im Einsatz. Auf den ersten Blick scheint das Problem der Plastik-Einwegflaschen nicht so dramatisch. Schließlich werden sie hier in Deutschland über die verschiedenen Sammelsysteme wieder zurückgenommen und können somit wiederverwertet werden.

Es gibt zwar Verfahren, die chemisch ein vollständiges Recycling von Flasche zu Flasche in Aussicht stellen, allerdings sind diese Verfahren sehr teuer und benötigen zudem viel Energie. Bei den üblichen Recycling-Verfahren werden PET-Einwegfaschen gesammelt, gewaschen, geschreddert und anschließend eingeschmolzen. Das Granulat ist zwar mittlerweile ein wertvoller Rohstoff, aber weil bei diesem mechanischen Wiederaufbereitungs-Verfahren die Kunststoffmoleküle beschädigt werden, muss zum Großteil fabrikneues PET zugesetzt werden. Fast die Hälfte des Granulats aus zurückgenommenen PET-Flaschen ist nicht mehr zur Herstellung neuer Flaschen geeignet. Und gefärbtes PET taugt allenfalls noch für Textilfasern, aber nicht mehr für klare Wasserflaschen aus Kunststoff. Deshalb hat die PET-Einwegflasche auch bei einer Ökobilanz, die im Auftrag der „Genossenschaft Deutscher Brunnen“ vor ein paar Jahren ermittelt wurde, am schlechtesten abgeschnitten. Miteingerechnet wurden von den Wissenschaftlern dabei die CO2-Emmissionen sowie der Energie- und Rohstoffverbrauch. Die PET-Mehrwegflasche wird dabei noch etwas besser bewertet.

Einwand von Coca-Cola

Es ist nicht das erste Mal, dass Coca-Cola versucht, das deutsche Mehrwegsystem zu unterlaufen oder auszuhebeln: Bereits 1987 wollte Coca-Cola die 1,0 Liter Mehrweg-Glasflasche durch eine Einweg-PET ersetzen. Der damalige Umweltminister Töpfer (CDU) führte daraufhin ein Pfand auf Einwegflaschen ein. Die 1,0 Liter-Glasflasche blieb, stattdessen wurde die 1,5 Liter Mehrweg-PET-Flasche eingeführt (die jetzt wieder abgeschafft werden soll).

Die Gründe, die Coca-Cola anführt, sind aus ökonomischer Sicht durchaus nachvollziehbar. Mit den großen 1,5 Liter-Flaschen ist über Mehrweg offenbar kein Geschäft mehr zu machen. Vor allem in Großstädten würden sich wegen der vielen Singlehaushalte Mehrwegkisten mit zehn Flaschen immer schlechter verkaufen. Beim Ausstieg aus der 0,5 Liter Mehrweg-Flasche geht Coca-Cola Deutschland-Boss Nehammer sogar noch einen Schritt weiter. Er sagt, dass die kleine Flasche oft unterwegs gekauft und irgendwo zurückgegeben werde. Sprich: Die langen Wege verwässerten die Ökobilanz des Mehrwegsystems.

"Wir müssen leider feststellen, dass wir im Markt sehr viele Verpackungen verlieren, die einfach nicht zurückgegeben werden (...). Wir haben da Ausfallquoten von etwa zehn Prozent pro Umlauf, und das ist für Mehrweg nicht unbedingt sinnvoll. Wir werden deshalb diese Flaschen durch Glas-Mehrwegflaschen und Plastik-Einwegflaschen ersetzen."

Uwe Kleinert, Leiter für Nachhaltigkeit und Unternehmensverantwortung bei Coca-Cola Deutschland

Mehrweg ist klar umweltfreundlicher

Dabei spielt es zunächst keine Rolle, ob es sich um eine Glas- oder PET-Flasche handelt. Entscheidend für die Ökobilanz der Getränkeverpackung ist nämlich zunächst einmal die Wiederverwendbarkeit. Die Glasflasche kann beispielsweise bis zu 50 Mal wiederbefüllt werden. Eine PET-Mehrwegflasche nur 25 Mal, aber dafür ist sie leichter beim Transport und wird im direkten Vergleich mit der Glas-Mehrwegflasche sogar etwas besser bewertet. Die Gutachter haben, hochgerechnet auf 1.000 Liter abgefülltes Wasser, zusammengezählt, dass eine PET-Mehrwegflasche in Bezug auf den fossilen Ressourcenverbrauch etwa 0,7 Kilogramm weniger Rohöl „verschlingt“. Allerdings hängt die Gesamtökobilanz auch sehr stark vom Transportweg ab. Je näher die Quelle und der Abfüller sind, desto besser schneidet die Glasflasche ab.

Auch eine Studie des Umweltbundesamtes belegt eindeutig: „Getränke in Mehrwegflaschen sind am umweltfreundlichsten.“ Das mehrfache Befüllen beim Mehrwegsystem spart Rohstoffe, reduziert die Abfälle und erzeugt damit auch weniger Treibhausgase. Dazu kommt noch, dass das arbeitsintensive Reinigen und Wiederbefüllen Arbeitsplätze in der Getränkeindustrie sichert. Das gilt auch, obwohl sich die Ökobilanz bei recycelten Einweg-Pfandflaschen in den letzten Jahren stark verbessert hat.

Problem Mineralwasser

Gerade durch die Dumping-Preise der Lebensmittel-Discounter ist die Mehrwegquote in den letzten Jahren dramatisch gesunken. Kauften die Deutschen in den 90-er Jahren noch drei Viertel ihres Mineralwassers in Mehrwegflaschen, werden heute über 70 Prozent der Wässer in PET-Einwegflaschen abgefüllt und billig verkauft. Das ist vor allem deshalb von Bedeutung, weil Wasser das beliebteste Getränk in Deutschland ist. Der Bundesbürger schleppt im Schnitt knapp 150 Liter Mineralwasser nach Hause. Mittlerweile werden 60 Prozent über die Discounter verkauft, und das wirkt sich schlecht auf die Umweltbilanz aus.  Die Deutsche Umwelthilf e.V. in Berlin hat errechnet, dass Mineralwasser in Mehrwegflaschen (egal ob aus Glas oder PET)  im Schnitt insgesamt 260 Kilometer transportiert werden. Einwegflaschen legen von der Produktion bis zum Kunden und wieder zurück zur Entsorgung und dem möglichen Recycling die doppelte Strecke zurück. Begründet wird das mit den Vertriebsstrukturen der Discounter. Die Marktführer setzen allesamt auf zentrale Großabfüllanlagen, die von dort die Filialen beliefern. Regionale Anbieter kommen dabei nicht zum Zug.

"Wir als Umweltschutzverband würden generell empfehlen, kein ausländisches und importiertes Mineralwasser zu trinken, egal ob aus Einweg- oder Mehrweg-PET, weil beides ökologisch nicht sinnvoll ist."

Thomas Fischer von der Deutschen Umwelthilfe e.V.

Fazit

Die Mehrwegflaschen sind ganz klar umweltfreundlicher als vergleichbare Einwegprodukte. Ob sich die Verbraucher für PET-Mehrwegflaschen oder für Glasflaschen entscheiden, ist dann schließlich auch Geschmacksache.

Ein Problem in Sachen Mehrwegsystem ist jedoch ausgemacht: Die Verbraucher haben Schwierigkeiten, Einweg und Mehrweg zu unterscheiden. Vielen Konsumenten gehen davon aus, dass „Pfand“ gleichbedeutend ist mit Mehrweg. Eine einfache und deutliche Kennzeichnung auf den Flaschen würde schon mal reichen, aber bislang konnte sich der Bundesrat noch auf keine Beschlussfassung einigen. Zumal der Entwurf eine Kennzeichnung direkt auf der Flasche nicht vorsieht. Der Handelsverband HDE hält von dieser geplanten Verordnung ebenfalls nicht viel und rechnet mit Kosten von etwa sechs Millionen Euro für die dann notwendigen Schilder und Hinweistafeln. Dem Verband wäre eine Kennzeichnung auf der Flasche lieber.


16