Bayern 1 - Experten-Tipps


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Indirekter Wasserverbrauch Wie viel Wasser steckt in Kleidung und Nahrung?

Die Deutschen sind Meister im Wassersparen - solange es aus der Leitung kommt. Bei vielen Produkten aber wird in der Herstellung oder im Anbau viel Wasser verbraucht. Der BAYERN 1 Umweltkommissar ermittelt den "virtuellen Wasserverbrauch".

Von: Alexander Dallmus

Stand: 19.03.2019

Zwei laufende Wasserhähne unter freiem Himmel. | Bild: mauritius-images

Wir haben in Deutschland das Wassersparen tatsächlich verinnerlicht wie sonst kaum eine Nation in Europa. In den vergangenen 20 Jahren ist es uns gelungen, den Pro-Kopf-Verbrauch kontinuierlich nach unten zu schrauben. Haben wir Anfang der 90er-Jahre noch etwa 150 Liter pro Tag im Haushalt verbraucht, sind es heutzutage im Schnitt gut 20 Liter weniger.

Waschmaschinen verbrauchen immer weniger Wasser.

Wir haben in Deutschland Zisternen gebaut, auch wenn sich die Kosten niemals wieder reinholen lassen. Wir stellen beim Zähneputzen brav das Wasser aus und benutzen einen Zahnputzbecher. Wir haben alte Waschmaschinen und Geschirrspüler entsorgt und uns neue, sparsamere gekauft. Wir haben Spartasten und Regulierer, nur eines haben wir damit nicht erreicht: den Wasserpreis zu senken!

Wir vergessen bei der Spardiskussion gerne, dass wir mit jedem Stück Fleisch, mit jedem Baumwollhemd und mit jeder Tasse Kaffee irgendwo anders auf der Welt Wasser verbrauchen. Indirekt eben! Die Maßangaben in Liter wirken oft enorm, und es ist auch nicht immer ganz offensichtlich, wie sich die jeweiligen Mengen zusammensetzen und was alles miteinberechnet wird. Eine fast detektivische Arbeit ist es daher, herauszufinden und letztendlich abzuschätzen, wie viel Wasser für ein Hemd oder eine reife Tomate tatsächlich verwendet oder sogar verschwendet worden ist. 

Wie viel Wasser steckt in den Produkten?

Der virtuelle Wasserverbrauch

Vom ökologischen Fußabdruck, den jeder Mensch auf dieser Erde hinterlässt, haben viele schon gehört. Meist wird dieser Abdruck in Tonnen und der Einheit CO2 (Kohlenstoffdioxid = Klimakiller) angegeben. Wir haben damit eine ungefähre Vorstellung davon, warum es im Vergleich vielleicht besser ist mit der Bahn zu verreisen als mit dem Flugzeug. Was in dieser Blanz immer fehlt und nicht miteingerechnet ist, ist der Wasserverbrauch.    

Der "Wasser-Fußabdruck" (engl. Water Footprint), geprägt vom englischen Geografen John Anthony Allan und Anfang des Jahrhunderts maßgeblich weiterentwickelt vom niederländischen Wissenschaftler Arjen Hoekstra, soll unseren direkten - aber auch indirekten - Wasserverbrauch anschaulich machen.

"Ich habe den Wasser-Fußabdruck formuliert, weil ich meine, dass Wasser über sein Einzugsgebiet hinaus betrachtet werden muss. Normalerweise betrachten Manager Wasser als etwas Lokales. Aber es gibt so viele Produkte, die sehr viel Wasser brauchen, das aus anderen Ländern transportiert wird. Mir ging es darum, Zahlen für den externen Wasserverbrauch zu bekommen."

 Arjen Hoekstra, Wissenschaftler aus den Niederlanden

In den Studien für das Institute for Water Education der UNESCO in den Niederlanden versteht man unter dem "Wasser-Fußabdruck" die Wassermenge, die insgesamt von den Einwohnern eines Landes beansprucht wird. Im "Wasser-Fußabdruck" stecken aber auch die virtuellen Wassermengen, die bei der Produktion von Nahrungsmitteln oder Produkten anfallen und die der einzelne Verbraucher indirekt verbraucht.   

Die drei Arten des virtuellen Wassers

Ziel der Berechnungen des virtuellen Wasseranteils ist es, die Verschwendung von Ressourcen zu veranschaulichen. Vor allem die wasserintensive und exportorientierte Landwirtschaft in Trockenregionen der Erde steht dabei im Fokus.

  • GRÜNES virtuelles Wasser bezieht sich dabei auf die Menge an Regenwasser, die im Boden gespeichert ist und im Laufe des Wachstumsprozesses von Pflanzen aufgenommen wird.
  • BLAUES virtuelles Wasser steht für das Grundwasser oder Wasser aus Flüssen, Bächen und Seen, das in der Industrie-Produktion und in den privaten Haushalten verwendet, aber eben nicht mehr zurückgeleitet werden kann. BLAUES virtuelles Wasser ist in der Landwirtschaft auch die Wassermenge, die zur Bewässerung auf die Felder ausgebracht und dort beispielsweise von den Pflanzen aufgenommen wird. Aber auch Wasser, das aus den Bewässerungskanälen oder künstlichen Wasserspeichern einfach verdunstet, zählt dazu.
  • GRAUES virtuelles Wasser steht für die Wassermenge, die während des Herstellungsprozesses eines Produktes direkt verschmutzt wird und anschließend nicht mehr nutzbar ist.  

Berechnungen sind oft Schätzungen

Seit einigen Jahren wird auch auf internationaler Ebene und in Kommissionen, unter Mitwirkung der Wirtschaft, immer wieder versucht, eine standardisierte Berechnung von virtuellem Wasser einzuführen. Das ist allerdings bislang nicht möglich, auch wenn einige Unternehmen bereits Berechnungen des Wasserverbrauchs zu ihren Produkten angestellt haben. So erregte Coca Cola bereits 2007 weltweit Aufsehen, als bekannt wurde, dass nach firmeninternen Berechnungen in jedem Liter Cola rund 2,6 Liter Wasser stecken. Der enorme Wasserverbrauch geht jedoch nicht - wie man vielleicht annehmen könnte - auf die Reinigung der Flaschen o.ä. zurück, sondern auf das Produkt Zucker, das in einer Cola in großen Mengen drin und beim Anbau (vor allem bei Zuckerrohr) eben besonders wasserintensiv ist.

Auch die Firma Henkel ist seit Jahren um eine transparente Nachhaltigkeit bemüht und darauf bedacht, Wasser in der Produktion einzusparen.

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Bei der Berechnung von virtuellem Wasser, das zum Beispiel in Waschmittel steckt, zeigen sich aber signifikante Unterschiede in der Summe, vergleicht man die Werte von Henkel mit denen des Niederländers Hoekstra. Teilweise liegt hier der berechnete Wasserverbrauch um das 20-fache höher. Das bedeutet aber nicht, dass die Berechnungen falsch sind. Die Annahme bei der Datengrundlage ist ein andere. Und das ist das Problem! Für uns Verbraucher und auch für grundsätzliche und vergleichbare Standards. "Ich will ehrlich sein, wenn Sie einem Bauern praktische Fragen stellen, zum Beispiel: 'Wie viel Wasser verwenden Sie?' oder 'wie viel Dünger nehmen Sie?', ist es nicht immer einfach, eine präzise Antwort zu bekommen, gibt auch Hoekstra zu. "Für uns ist es ein Qualitätsmerkmal gute Schätzungen anzustellen. Wir arbeiten also mit den besten Schätzungen, die wir kriegen können und wir nutzen so viele Datenmengen." Für Hoekstra sind Schätzungen also besser als gar keine Zahlen zu haben.

Tatsächlich ist es oftmals Detektivarbeit, um jedem externen Wasserverbrauch auf die Spur zu kommen. Wie viel Wasser steckt in der Energie, die bei der Produktion aufgewendet wird (Erdöl, Gas, Strom)? Selbst in der Solaranlage, die möglicherweise "grünen Strom" produziert?

Virtueller Wasserverbrauch in Deutschland

Um eine bessere Vergleichbarkeit herzustellen, lässt sich der Wasser-Fußabdruck auf die Zahl der Einwohner eines Landes umrechnen. Damit bekommt man dann auch den durchschnittlichen, persönlichen Wasser-Fußabdruck von den deutschen Bundesbürgern. "Deutschland hat bei vielen Waren ein Besorgnis erregend hohes, importiertes Wasserrisiko", sagt Roland Gramling vom World Wildlife Fund for Nature (WWF).

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Wir sind einfach auf Produkte aus dem Ausland angewiesen, und viele Produkte kommen eben auch aus wasserkritischen Regionen. Das fängt bei Gemüse an, das aus Spanien kommt, und geht bei Phosphor aus China und Rosen aus Kenia weiter. Dass die Produkte in Deutschland unter guten Bedingungen weiter verarbeitet werden, sagt nichts über die Bedingungen vor Ort aus.

Jeder Deutsche verbraucht somit nicht nur die 130 Liter aus dem Wasserhahn, sondern insgesamt - pro Tag - rund  4.000 bis 5.000 Liter virtuelles Wasser. Deutschlands Wasser-Fußabdruck liegt also jährlich bei etwa 1.430 Kubikmeter pro Einwohner, wobei der Verbrauch fast 70 Prozent außerhalb unserer Landesgrenzen entsteht. Zum Vergleich: Der durchschnittliche Chinese verbraucht jährlich etwa 1.070 Kubikmeter, aber nur zehn Prozent außerhalb des Landes. 

Ein paar Beispiele

Beispiele für virtuellen Wasserverbrauch

Reis

Reisernte

Durch den Import von Reis werden in Deutschland bei dem externen landwirtschaftlichen Wasser-Fussabdruck zwar nur ein Prozent erzeugt, jedoch entspricht dies einer Einfuhr von immerhin 532 Millionen Liter Wasser. Dies hat verheerende Folgen für die betroffenen Länder, da diese meist selbst nur über sehr kleine Wasserressourcen verfügen und so durch den Anbau ihren Natur- und Wasserhaushalt belasten. Im Indusbecken beispielsweise werden jedes Jahr bis zu 70 Millionen Liter Wasser für den Reisanbau verbraucht. Weltweit sind es mehr als ein Fünftel der Wassermengen, die insgesamt für den Anbau von ackerbaulichen Produkten eingesetzt werden. Insgesamt ist etwa die Hälfte der Weltbevölkerung auf den Anbau von Reis zur Sicherung der Ernährung und/oder als wichtige Einkommensquelle angewiesen. Mehr als 90 Prozent der jährlich produzierten Reismengen werden in Asien angebaut und auch dort konsumiert. Traditionelle Anbaumethoden benötigen zwischen 3.000 und 5.000 Liter, um ein Kilogramm Reis zu ernten. Weltweit werden auf rund 154 Millionen Hektar Reis angebaut. Die wichtigsten Exportländer sind dabei weltweit Thiland, Vietnam, China, USA, Pakistan und Indien.

Rindfleisch

Rind in Argentinien

Die Produktion von einem Kilogramm Rindfleisch erfordert 15.000 Liter Wasser (93 Prozent grüner, vier Prozent blauer und drei Prozent grauer Wasser-Fußabdruck), wobei es allerdings große Abweichungen von diesem globalen Mittelwert gibt. Der genaue Wasser-Fußabdruck des Rindfleisches hängt von Faktoren wie der Art des Produktionssystems sowie der Zusammensetzung und der Herkunft des Rinderfutters ab.

Kaffee

Kaffee

Die Herstellung von einem Kilogramm Röstkaffee erfordert etwa 21.000 Liter Wasser. Pro Tasse sind das mehr als 140 Liter. Zum Vergleich: Eine Tasse Tee kommt in der Produktion mit 30 Litern Wasser aus.

Baumwoll-T-Shirt

T-Shirts und andere Kleidung aus Baumwolle

Baumwolle ist sehr empfindlich und braucht eines in rauen Mengen: Wasser! In einem einzigen T-Shirt stecken bis zu 2.000 Liter Wasser, die vor allem beim Baumwollanbau anfallen. Das entspricht etwa zehn vollen Badewannen. Angebaut wird Baumwolle aber ausgerechnet in sehr trockenen Gebieten, weil Regen die gesamte Ernte vernichten könnte, wenn sich die Knospen mit Wasser vollsaugen und verfaulen. Deshalb muss - so grotesk das auch klingt - fast zwei Drittel der weltweiten Baumwollanbaufläche künstlich bewässert werden. Das ist rund die Hälfte aller bewässerten Flächen auf der Welt.

Nur vage Empfehlungen 

Für den Verbraucher ist es wirklich schwierig, sich anhand virtueller Wasserangaben ökologisch korrekt zu verhalten. Nur weil in einem Kilogramm Röstkaffee durchschnittlich etwa 21.000 Liter Wasser stecken, bedeutet das nicht, dass jedes Kaffeeanbaugebiet (zum Beispiel im Hochland mit viel natürlichen Niederschlägen) für diesen enormen Wasserverbrauch verantwortlich ist.

Auch in einem Kilogramm Erdbeeren stecken gar nicht so viele Liter virtuelles Wasser. Wenn die Erdbeeren jedoch aus Spanien kommen und dort - im trockenen Süden - vielleicht das Wasser sogar illegal gefördert wird, um die intensive Bewässerung möglich zu machen, sieht die Sache schon wieder anders aus.

Bio-Tomaten aus Spanien verbrauchen unter Umständen mehr Wasser als heimische im konventionellen Anbau.

Eine durchschnittliche 70-Gramm-Tomate aus hiesigem, konventionellem Anbau, steht für ungefähr 13 Liter virtuelles Wasser. Eine Bio-Tomate aus Spanien kann dagegen die mehrfache Menge davon in sich tragen - ökologischer Anbau hin oder her. Das Bio-Siegel sagt nämlich nichts über den Wasserverbrauch bzw. eine mögliche Wasserverschwendung aus. Der Wasserverbrauch ist schlichtweg kein Kriterium, das in ein entsprechendes Zertifikat oder Siegel miteinfließt.

Empfehlungen

Deshalb sind die Empfehlungen an die Verbraucher auch eher vage gehalten:

  • Wer vorwiegend regionales und saisonales Gemüse und Obst isst, macht nicht viel falsch. In Deutschland gibt es kein Wasserproblem. Dagegen brauchen Produkte aus dem Mittelmeerraum, aus Nordafrika, Israel oder der Türkei meist eine intensive Bewässerung und ein sorgsamer Umgang mit der Ressource Wasser ist nicht garantiert.
  • Wer weniger Fleisch isst, verbraucht auch automatisch weniger virtuelles Wasser. Eine einfache Rechnung, angesichts der Mengen, die bei der Mast von Geflügel, Schweinen und Rindern verbraucht werden. Das empfiehlt übrigens auch John Anthony Allan, der Erfinder des Wasser-Fußabdrucks.

Fazit

Selbst Verbraucher, die willens sind, weniger virtuelles Wasser im Sinne des ökologischen Gedankens zu verschwenden, tun sich schwer angesichts der Zahlen und Daten, die für die Berechnung herangezogen werden.

Fakt ist: Es gibt derzeit keine allgemein anerkannten und etablierten Standards für einen Wasser-Fußabdruck, der generell für Produkte und deren Wirkungen gilt. Hier sind vor allem Industrie und Politik gefragt, relativ schnell einen gemeinsamen und akzeptablen Nenner zu finden, damit Verbraucher sich auch entsprechend verhalten und Unternehmen damit sogar "zwingen" können, möglicherweise umzustellen oder die Produktion zu verändern. Erst wenn es diese Standards gibt, können Verbraucher auch eine gezielte Entscheidung bei der Wahl von Produkten treffen.


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