Bayern 1 - Experten-Tipps


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Indirekter Wasserverbrauch Wie viel Wasser steckt in unserer Kleidung und Nahrung?

Was wir sehen, ist das Wasser, das aus dem Hahn kommt. Unsichtbar und für Verbraucher nur schwer einzuschätzen: Wie viel Wasser wurde bei der Produktion von Lebensmitteln oder Produkten verbraucht?

Von: Alexander Dallmus

Stand: 18.03.2022

Zwei laufende Wasserhähne unter freiem Himmel. | Bild: BR/ mauritius-images

Die Deutschen haben das Wassersparen in den letzten 30 Jahren wirklich verinnerlicht. Immerhin ist es gelungen, den Verbrauch für Duschen, Baden oder Abspülen von 150 Liter pro Tag (Anfang der 90er) auf – im Schnitt – nur noch 129 Liter pro Kopf (2021) zu drosseln. Zisternen im Garten, Spartasten, Regulierer und sparsamere Geräte haben dazu beigetragen.

Wir übersehen dabei aber oft, dass wir zudem mit jedem Stück Fleisch, mit jedem Baumwollhemd und mit jeder Tasse Kaffee irgendwo anders auf der Welt Wasser verbrauchen. Indirekt eben! Die Maßangaben in Liter wirken oft enorm. Es ist allerdings auch nicht immer offensichtlich, wie sich die jeweiligen Mengen zusammensetzen und welche Faktoren miteinberechnet werden.  Letztlich ist die Berechnung des virtuellen Wasserfußabdrucks immer eine fast detektivische Arbeit.

Der virtuelle Wasserverbrauch

Was in den meisten Ökobilanzen für Produkte oder auch in Biozertifikaten für Lebensmittel fehlt, ist der Wasserverbrauch. Der "Wasser-Fußabdruck" (engl. Water Footprint) wurde in den 90ern geprägt vom englischen Geografen John Anthony Allan. Anfang des Jahrhunderts maßgeblich weiterentwickelt vom niederländischen Wissenschaftler Arjen Hoekstra, soll er unseren direkten aber auch indirekten Wasserverbrauch anschaulich machen.

"Ich habe den Wasser-Fußabdruck formuliert, weil ich meine, dass Wasser über sein Einzugsgebiet hinaus betrachtet werden muss", sagt Hoekstra, "normalerweise betrachten Manager Wasser als etwas Lokales, aber es gibt so viele Produkte, die sehr viel Wasser brauchen, das aus anderen Ländern transportiert wird. Mir ging es darum, Zahlen für den externen Wasserverbrauch zu bekommen." 

In den Studien für das Institute for Water Education der UNESCO in den Niederlanden versteht man unter dem "Wasser-Fußabdruck" die Wassermenge, die insgesamt von den Einwohnern eines Landes beansprucht wird. Im "Wasser-Fußabdruck" stecken aber auch die virtuellen Wassermengen, die bei der Produktion von Nahrungsmitteln oder Produkten anfallen und die damit der einzelne Verbraucher indirekt verbraucht.   

Die drei Arten des virtuellen Wassers

Ziel der Berechnungen des virtuellen Wasseranteils, ist es für eine gewisse Veranschaulichung der Verschwendung von Ressourcen zu sorgen. Vor allem die wasserintensive und exportorientierte Landwirtschaft in Trockenregionen der Erde steht dabei im Fokus.

  • GRÜNES virtuelles Wasser bezieht sich dabei auf die Menge an Regenwasser, die im Boden gespeichert ist und im Laufe des Wachstumsprozesses von Pflanzen aufgenommen wird.
  • BLAUES virtuelles Wasser steht für das Grundwasser oder Wasser aus Flüssen, Bächen und Seen, das in der Industrie-Produktion und in den privaten Haushalten verwendet, aber eben nicht mehr zurückgeleitet werden kann. Blaues virtuelles Wasser ist in der Landwirtschaft auch die Wassermenge, die zur Bewässerung auf die Felder ausgebracht und dort beispielsweise von den Pflanzen aufgenommen wird. Aber auch Wasser, das aus den Bewässerungskanälen oder künstlichen Wasserspeichern einfach verdunstet, zählt dazu.
  • GRAUES virtuelles Wasser steht für die Wassermenge, die während des Herstellungsprozesses eines Produktes direkt verschmutzt wird und anschließend nicht mehr nutzbar ist.  

Berechnungen sind oft Schätzungen

Seit einigen Jahren wird auch auf internationaler Ebene und in Kommissionen, unter Mitwirkung der Wirtschaft, immer wieder versucht, eine standardisierte Berechnung von virtuellem Wasser einzuführen. Coca Cola erregte bereits 2007 weltweit Aufsehen, als bekannt wurde, dass nach firmeninternen Berechnungen in jedem Liter Cola rund 2,6 Liter Wasser stecken. Das liegt vor allem am Produkt "Zucker", das in einer Cola nun mal in großen Mengen drin und beim Anbau (vor allem bei Zuckerrohr) besonders wasserintensiv ist.

Die Berechnungen für Hersteller und Wissenschaftler weichen mitunter enorm voneinander ab. Das bedeutet nicht zwangsläufig, dass die Berechnungen falsch sind, sondern sich die Annahmen bei der Datengrundlage sehr unterscheiden. Und das ist das Problem für uns Verbraucher und für grundsätzliche und vergleichbare Standards. "Ich will ehrlich sein, wenn Sie einem Bauern praktische Fragen stellen, á la 'wie viel Wasser verwenden Sie?' oder 'wie viel Dünger nehmen Sie', ist es nicht immer einfach, eine präzise Antwort zu bekommen", gibt auch Hoekstra zu, "für uns ist es ein Qualitätsmerkmal gute Schätzungen anzustellen." Für Hoekstra sind Schätzungen also besser, als gar keine Zahlen zu haben.

Um dem externen Wasserverbrauch auf die Spur zu kommen, zählt jedes Detail. Wie viel Wasser steckt in der Energie, die bei der Produktion aufgewendet wird (Erdöl, Gas, Strom). Selbst in der Solaranlage, die möglicherweise "grünen Strom" liefert, steckt Wasser. Den letzten Liter Wasser bis ans Ende einer Produktionskette zurückzuverfolgen und entsprechend darzustellen, ist daher ungeheuer schwierig.

Für Juliana Vatter, Wasserexpertin vom World Wildlife Fund für Nature (WWF), geben die Angaben zumindest eine Richtung vor: "Meine Einschätzung ist, dass der Wasser-Fußabdruck auf jeden Fall ein gutes Gefühl gibt, wie eben dieses Verhältnis aussieht zwischen dem, was ich tatsächlich sehe an Wasser und das, was versteckt eben in einem Produkt steckt. Und das hilft natürlich auch, um sich der Thematik noch mal bewusster zu werden."

Virtueller Wasserverbrauch in Deutschland

Um eine bessere Vergleichbarkeit herzustellen, lässt sich der Wasser-Fußabdruck auf die Zahl der Einwohner eines Landes umrechnen. Damit bekommt man dann auch den durchschnittlichen, persönlichen Wasser-Fußabdruck von den deutschen Bundesbürgern. Wir importieren sehr viele Produkte, eben auch aus wasserkritischen Regionen. Das fängt bei Gemüse an, das aus Spanien kommt, Phosphor aus China oder auch Rosen aus Kenia. Dass die Produkte in Deutschland unter guten Bedingungen weiterverarbeitet werden, sagt eben nichts über die Bedingungen vor Ort aus.

Jeder Deutsche verbraucht damit täglich eben nicht nur die 129 Liter aus dem Wasserhahn, sondern insgesamt – pro Tag – zusätzlich rund 4.000 bis 5.000 Liter virtuelles Wasser. Deutschlands Wasserfußabdruck liegt also jährlich bei etwa 1.430 Kubikmeter pro Einwohner, wobei der Verbrauch zu fast 70 Prozent außerhalb unserer Landesgrenzen entsteht. Zum Vergleich: Der durchschnittliche Chinese verbraucht jährlich etwa 1.070 Kubikmeter, davon aber nur zehn Prozent außerhalb des Landes. 

Ein paar Beispiele

Beispiele für virtuellen Wasserverbrauch

Kaffee

Die Herstellung von 1 Kilogramm Röstkaffee, erfordert in der Herstellung etwa 21.000 Liter Wasser. Pro Tasse sind das – Achtung!!! – mehr als 140 Liter. Zum Vergleich: Ein Viertelliter Tee kommt in der Produktion mit 30 Litern Wasser aus.

Baumwoll-T-Shirt

Baumwolle ist sehr empfindlich und braucht eines in rauen Mengen: Wasser! In einem einzigen T-Shirt stecken bis zu 2.000 Liter Wasser, die vor allem beim Baumwollanbau anfallen – das entspricht ca. 10 vollen Badewannen. Angebaut wird Baumwolle aber gerne ausgerechnet in sehr trockenen Gebieten, weil Regen die gesamte Ernte vernichten könnte, wenn sich die Knospen mit Wasser vollsaugen und verfaulen. Deshalb muss – so grotesk das auch klingt – fast zwei Drittel der weltweiten Baumwollanbaufläche künstlich bewässert werden. Das ist rund die Hälfte aller bewässerten Flächen auf der Welt.

Reis

Reisernte

Durch den Import von Reis wird in Deutschland (beim externen Agrar-Wasser-Fußabdruck) zwar nur ein Prozent virtuelles Wasser erzeugt, das entspricht jedoch einer Einfuhr von immerhin 532 Millionen Kubikmeter Wasser. Dies hat natürlich Folgen für die betroffenen Länder, da diese meist selbst nur über sehr kleine Wasserressourcen verfügen und durch den Anbau ihren Natur- und Wasserhaushalt belasten. Traditionelle Anbaumethoden benötigen zwischen 3.000 und 5.000 Liter, um ein Kilogramm Reis zu ernten. Weltweit werden auf rund 154 Millionen Hektar Reis angebaut. Die wichtigsten Exportländer sind dabei weltweit Thailand, Vietnam, China, USA, Pakistan und Indien.

Rindfleisch

Ein Kilo Rindfleisch erfordert 15.000 Liter Wasser (93% grüner, 4% blauer, 3% grauer Wasser-Fußabdruck), wobei es allerdings große Abweichungen von diesem weltweiten Mittelwert gibt. Es hängt nämlich sehr von der Art des Produktionssystems sowie der Zusammensetzung und der Herkunft des Rinderfutters ab.

Nur vage Empfehlungen 

Für den Verbraucher ist es schwierig, sich anhand virtueller Wasserangaben ökologisch korrekt zu verhalten. Nur, weil in einem Kilogramm Röstkaffee durchschnittlich etwa 21.000 Liter Wasser stecken, bedeutet das nicht, dass das in jedem Kaffeeanbaugebiet (zum Beispiel im Hochland mit viel natürlichen Niederschlägen) auch problematisch ist.  

Auch in einem Kilo deutscher Erdbeeren steckt eigentlich nicht so viel Wasser. Kommen die Erdbeeren jedoch aus Spanien und wird dort – im trockenen Süden – das Wasser sogar illegal gefördert, um die intensive Bewässerung möglich zu machen, sieht die Sache schon wieder anders aus.

Bio-Tomaten aus Spanien verbrauchen unter Umständen mehr Wasser als heimische im konventionellen Anbau.

Eine durchschnittliche 70 Gramm-Tomate aus hiesigem, konventionellem Anbau steht für ungefähr 13 Liter Wasser. Eine Bio-Tomate aus Spanien kann dagegen die mehrfache Menge davon in sich tragen – ökologischer Anbau hin oder her. Das Bio-Siegel sagt nämlich nichts über den Wasserverbrauch bzw. eine mögliche Wasserverschwendung aus. Der Wasserverbrauch ist schlichtweg kein Kriterium, das in ein entsprechendes Zertifikat oder Siegel miteinfließt.

Empfehlungen

Deshalb sind die Empfehlungen auch eher allgemein gehalten: 

  • Wer vorwiegend regionales und saisonales Gemüse und Obst ist, macht jedenfalls nicht viel falsch. Produkte aus dem Mittelmeerraum, aus Nordafrika, Israel oder der Türkei brauchen meist eine intensive Bewässerung und ein sorgsamer Umgang mit der Ressource 'Wasser' ist nicht immer garantiert.
  • Wer weniger Fleisch isst, verbraucht auch automatisch weniger virtuelles Wasser. Bei der Mast von Geflügel, Schweinen oder Rindern wird immer doppelt abgerechnet, da auch die Produktion von Tierfutter Unmengen an Wasser verbraucht.
  • Alles, was lange getragen oder genutzt wird, muss nicht neu produziert werden. Damit lässt sich direkt Wasser sparen.

Wegweisend: Nutzwasserprojekt Schweinfurt

Extreme Trockenheit ist mittlerweile auch in einigen deutschen Bundesländern, wie Rheinland-Pfalz, Baden-Württemberg, Saarland oder im Norden Bayerns ein Problem. Insbesondere in Unterfranken. Deshalb kommt einem Pilotprojekt in Schweinfurt auch besondere Bedeutung zu. Hier wird kommunales Abwasser wiederaufbereitet und kann anschließend wiederverwendet werden.

"Auf der Kläranlage Schweinfurt haben wir dazu Pilotanlagen installiert, die das Wasser weiteraufbereiten können", sagt Prof. Jörg Drewes, Lehrstuhl für Siedlungswasserwirtschaft der TU München, "zu einer Qualität, von der wir glauben, dass sie adäquat ist, Gemüse, das roh verzehrt wird, auch zu bewässern oder Grundwasseranreicherung betreiben." Durch Ultrafiltrierung werden über feinste Poren Keime, Bakterien oder auch Medikamentenreste aufgefangen. UV-Licht und Ozon sorgen zusätzlich dafür, dass am Ende recyceltes und völlig unbedenkliches Nutzwasser gerade da eingesetzt werden, wo es zu schade wäre gutes, frisches Trinkwasser zu verwenden.

"Und das beproben wir jetzt in einem realistischen Maßstab auf der Kläranlage Schweinfurt und demonstrieren, dass auch in einem Gewächshaus auf einer Freifläche, aber auch auf einem Sportplatz neben der Kläranlage, um zu zeigen, dass das eine sichere Praxis ist", so Prof. Drewes. Da Kläranlagen meist am tiefsten Punkt einer Stadt gebaut werden, muss das Wasser über eine zweite Leitung wieder in den Norden der Stadt gepumpt werden. Dort kann es in Schweinfurt dann auch zur Bewässerung der Landesgartenschau 2026 eingesetzt werden, für städtisches Grün und im Winter für das Eisstadion."

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