Bayern 1 - Experten-Tipps


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Sind Glasflaschen besser als Plastikflaschen Einweg oder Mehrweg? Welche Flaschen sind umweltfreundlicher?

Wasser ist das beliebteste Getränk der Deutschen. Angeboten wird es im Handel in Einweg- und Mehrwegflaschen, die aus Kunststoff oder Glas sind. Welche Flasche ist am umweltfreundlichsten, will der BAYERN 1 Umweltkommissar wissen.

Von: Alexander Dallmus

Stand: 10.05.2021

Frau trinkt aus Wasserflasche | Bild: mauritius-images

Weg von Einweg, hin zu mehr Mehrweg. Ab 2023 müssen Restaurants, Imbisse und Cafés ihren Kunden beim Straßenverkauf neben Einwegverpackungen auch eine Mehrwegvariante als Alternative anbieten. Eine entsprechende Änderung des Verpackungsgesetzes ist gerade vom Bundestag beschlossen worden. Das zielt natürlich vor allem auf die vielen Kaffee-"To go"-Becher ab, die nicht nur ein Umwelt-, sondern auch ein Müllproblem sind: Die Entsorgung der Abfälle kostet laut Verband kommunaler Unternehmen (VKU) die Steuerzahler rund 700 Millionen Euro pro Jahr.

Was bedeutet das neue Verpackungsgesetz?

Außerdem gilt mit der Gesetzesänderung schon ab 2022 die längst überfällige Pfandpflicht auf alle Einwegplastikflaschen und Getränkedosen. Tatsächlich gibt es immer noch Ausnahmen, beispielsweise für Fruchtsäfte ohne Kohlensäure. Solche Pfand-Lücken sollen geschlossen werden. Lediglich bei Milch und Milcherzeugnissen gibt es eine Übergangsfrist bis 2024. Erstmals ist auch ein Mindestanteil von 25 Prozent für Rezyklat (Altplastik) in Einweg-Getränkeflaschen ab 2025 vorgesehen. Gemeint ist damit der Anteil an neuem Plastik aus gebrauchtem Kunststoff. Mit der Gesetzesänderung setzt die Bundesregierung eine EU-Richtlinie aus dem Jahr 2019 in nationales Recht um. In einzelnen Punkten sind aber Ausnahmen für kleinere Betriebe vorgesehen.

Warum nur noch knapp jede zweite Flasche Mehrweg ist

Eigentlich wollte die Bundesregierung schon 2003 das Mehrwegsystem stärken und den Trend zur Einweg-Plastikflasche stoppen. Was im Volksmund bis heute "Dosenpfand" heißt (wobei es bei der Verordnung eben nicht nur um Dosen ging), hat aber bei der Mehrwegquote wenig bewirkt. Fakt ist: Die Mehrwegquote sinkt seit Jahren kontinuierlich. Und zwar ausgerechnet seit Mai 2006! Damals wurde der Einzelhandel verpflichtet, alle pfandpflichtigen Einwegverpackungen zurückzunehmen, wenn die Geschäfte Pfand-Einwegverpackungen gleichen Materials verkaufen. Dem vorausgegangen war ein Rücknahme-Chaos.

Mittlerweile ist nicht mal mehr jede zweite Flasche im Mehrwegsystem unterwegs. Laut Umweltbundesamt (UBA) ist 2018 mit nur noch 41,2% an Getränke-Mehrweg der absolute Tiefststand erreicht worden. Beim Mineralwasser liegt der Anteil sogar unter 40 Prozent (38,8%). Lediglich das Bier trinken die Deutschen nach wie vor gerne aus der Mehrwegflasche. Der Anteil liegt hier bei knapp 80 Prozent (79,5%).

Es steht zwar "Pfand" drauf, die PET-Flasche ist jedoch Einweg.

Die Verbraucher haben zudem große Schwierigkeiten, Einweg mit Pfand klar von Mehrwegflaschen zu unterscheiden. Viele Konsumenten gehen davon aus, dass "Pfand" gleichbedeutend ist mit Mehrweg.

Zusatzgebühr auf Getränke-Einweg?

Die Dumpingpreise der Discounter beim Mineralwasser lassen die Mehrwegquote sinken

Der Mineralwassermarkt ist durch Dumpingpreise zu fast zwei Drittel in der Hand von Discountern. Bei Aldi oder Lidl gibt es aber nur Getränke in Einwegflaschen mit Pfand. Auch der Getränkekonzern Coca-Cola, der in Deutschland mittlerweile 0,5- und 1,5-Liter-Flaschen nur noch als Einweg mit Pfand anbietet, sieht das Mehrwegsystem in vielen Bereichen als Auslaufmodell. Händler oder Hersteller müssen auch keine Konsequenzen befürchten, wenn sie nicht am Ziel mitarbeiten, die Mehrwegquote in Deutschland signifikant zu erhöhen.

Thomas Fischer, Kreislaufwirtschaftsexperte der Deutschen Umwelthilfe (DUH), würde deshalb auch gerne die Daumenschrauben anlegen und den Turnaround über den Geldbeutel zu erzwingen:

"Eine Möglichkeit kann eine zusätzliche Abgabe in Höhe von 20 Cent zusätzlich zum Pfand sein. Diese 20 Cent wären eine Abgabe, die man nicht wiedererhält. Dieser Abgabe kann man aber aus dem Weg gehen - und das ist ja auch gewollt - indem man ökologische Mehrwegflaschen kauft."

Thomas Fischer, Kreislaufwirtschaftsexperte der Deutschen Umwelthilfe (DUH)

Bei Lidl, Aldi, Penny und Co. wären die billigsten Einweg-Wasserflaschen dann plötzlich mehr als doppelt so teuer. Entsprechend deutlich lehnen die Interessensvertreter des Systems "Einweg mit Pfand" mögliche Zusatzabgaben ab.

Mehrweg und Einweg nebeneinander, das entspricht nicht der Ladensystemstruktur der Discounter. ALDI oder Lidl haben kein Interesse, in zwei unterschiedliche Systeme zu investieren. Gerade beim Mehrwegsystem sind große Flächen zur Lagerung der Kästen notwendig, was ein Problem für die Discounter darstellt. Wolfgang Burgard, Geschäftsführer des Bundes der Getränkeverpackungen der Zukunft (BGVZ), der die Interessen von Getränkeherstellern sowie Handels- und Recyclingunternehmen vertritt, sieht es pragmatisch:

"Je mehr Einzelflaschen ich habe oder kleine Flaschen - Singlehaushalte und Unterwegs-Verkauf lassen grüßen - umso mehr entspricht natürlich dieses Mehrweg-System nicht mehr der Realität im Markt. Wir sagen: Beide Systeme sind erforderlich, beide System haben ihre Berechtigung und beide Systeme können auch gut nebeneinander leben."

Wolfgang Burgard, Geschäftsführer des Bundes der Getränkeverpackungen der Zukunft (BGVZ)

Wie umweltfreundlich sind Glasflaschen?

Eine Glasmehrwegflasche kann bis zu 50 Mal befüllt werden.

Der Vorteil einer Mehrwegflasche ist ihre Wiederbefüllbarkeit: Eine Mehrweg-Glasflasche kann bis zu 50 Mal wiederverwendet werden. Eine PET-Mehrwegflasche dagegen lediglich etwa 25 Mal. Dafür ist sie leichter beim Transport, was sich positiv auf die Ökobilanz auswirkt. Im direkten Vergleich mit der Glas-Mehrwegflasche wird die PET-Mehrwegflasche oft sogar etwas besser bewertet.

Aber auch eine PET-Flasche (Abkürzung für "Polyethylenenterephthalat") kann wiederverwendet werden. Für Rezyklat-Granulat oder auch, um Fleecefasern für die Textilindustrie herzustellen. Wie viele Altplastik tatsächlich in einer neuen Einwegflasche mit Pfand steckt oder bestenfalls stecken kann, darüber streiten sich seit Jahren Umweltverbände und Hersteller.

Wolfgang Burgard vom BGVZ sagt: "Wir haben heute schon Marktteilnehmer, die über 60 Prozent recyceln, und zwar große Marktteilnehmer." Laut Thomas Fischer von der DUH können weit weniger alten Plastik-Einwegflaschen tatsächlich wieder in neue verwandelt werden:

"Der durchschnittliche Rezyklateinsatz für die Herstellung von Einweg-Plastikflaschen liegt bei nur rund 26 Prozent. Das heißt insgesamt ist man sehr weit weg von 100 Prozent Rezyklateinsatz."

Thomas Fischer, Kreislaufwirtschaftsexperte der Deutschen Umwelthilfe (DUH)

Die technischen Möglichkeiten, aus einer alten Einweg-Flasche wieder eine neue zu machen, sind mittlerweile weniger das Problem. Es gibt Verfahren, die chemisch ein vollständiges Recycling von Flasche zu Flasche in Aussicht stellen, allerdings sind diese Verfahren teuer und benötigen zudem viel Energie. Viel entscheidender ist aber: Neues Plastikgranulat ist viel billiger als Rezyklat, also Altplastik. Somit fehlt auch der finanzielle Anreiz.

Sind Glasflaschen besser als Plastikflaschen?

Ein zentrales Problem, das die nachhaltige Vergleichbarkeit der beiden Systeme enorm schwierig macht, sind verlässliche und aktuelle Zahlen und Daten, die von beiden Seiten akzeptiert werden. Für Roland Demleitner vom Verband der Privaten Brauereien Deutschlands in Limburg ist es sogar ein Kampf "David gegen Goliath":

"Einweg ist eine Verpackung der großen Konzerne, die für kleine, mittelständische Unternehmen - sei es im Bier- oder in anderen Getränkebereichen - einfach schlicht aufgrund der Kosten nicht möglich ist."

Roland Demleitner, Verband der Privaten Brauereien Deutschlands

Lange Zeit galt es als ausgemacht, dass Einweg mit Pfand gegenüber Mehrweg ökologisch grundsätzlich nicht mithalten kann. Das will Wolfgang Burgard vom BGVZ so nicht stehen lassen: "Die Ökobilanzen, die aktuell existieren sind 15 bis 20 Jahre alt. Aber ich weiß natürlich, dass die Mehrwegseite wenig Interesse hat an neuen Ökobilanzen, weil Transparenz ist manchmal hinderlich, wenn man bestimmte Geschäftsmodelle verfolgt."

Ein Forschungsprojekt von Ökopol, dem Institut für Ökologie und Politik in Hamburg, soll im Auftrag des Umweltbundesamtes bis Ende 2022 neue Grundlagen für eine Diskussion und auch konkrete Handlungsempfehlungen liefern, wie die Mehrwegquote künftig gesteigert werden kann. Vielleicht auch, ob überhaupt noch mehr möglich und wirklich ökologisch sinnvoll ist. Selbst wenn die Zielvorgabe aus dem Verpackungsgesetz erst 2022 offiziell überprüft werden muss, ist für Christopher Stolzenberg aus dem Bundesumweltministerium bereits absehbar: "Das gewünschte 70%-Ziel werden wir wohl verfehlen."

Fazit: Welche Flasche soll ich kaufen?

Schneiden in der Ökobilanz nicht unbedingt schlecht ab: PET-Mehrwegflaschen

Auch wenn Umweltverbände ausschließlich auf Mehrweg setzen, sind die ökologischen Vorteile nicht mehr so eindeutig. Hier spielen die Transportwege, Poollösungen oder auch das Flaschendesign eine Rolle. Sowohl beim Mineralwasser als auch beim Bier haben einige Brauer auf individuelles Flaschendesign gesetzt, was die Rückgabe im Pool erschwert hat. Im Bereich Bier, sagt Christopher Stolzenberg vom BUM, ist immerhin ein entscheidender Schritt gelungen: "Vier große Brauereien in Deutschland haben sich zusammengeschlossen, um eine gemeinsame Einheitsflasche zu nutzen. So müssen weniger Flaschen sortiert und über lange Strecken transportiert werden."

Regional und Mehrweg sind für eine gute Ökobilanz besonders wichtig und verschaffen dem Mehrwegsystem einen großen Umweltvorteil. Kurze Transportwege, regionale Abfüller und ein guter Umlauf, also möglichst viele Flaschen im Mehrweg-Pool, garantieren nachhaltiges Trinken. Anders gesagt: Wer in Regensburg niederbayerisches Mineralwasser aus der Mehrwegflasche trinkt, statt italienisches Wasser aus der Einwegflasche, macht nachhaltig alles richtig.

Und auch nicht zu vergessen: Bei einem Mineralwassertest 2018 hat ganz normales Leitungswasser bei der Stiftung Warentest teilweise besser abgeschnitten als Sprudel aus der Flasche. 

Quellen und weiterführende Links:

Podcast "Besser leben. Nachhaltig im Alltag mit dem Umweltkommissar"

Alle Episoden zum Nachhören oder auch den Podcast im Abo gibt's jederzeit und kostenlos im BR-Podcast Center, bei iTunes, Spotify und der ARD Audiothek.
Alle Folgen zum Nachlesen finden Sie auf der Übersichtsseite "Besser leben. Nachhaltig im Alltag mit dem Umweltkommissar".

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