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Frieren Kalte Füße und Hände - warum ist mir immer kalt?

Frieren Frauen wirklich leichter als Männer? Welche Rolle spielen Stress, Schlaf, Muskeln und Hormone beim Kälteempfinden? Und: Probieren Sie den Nudeltrick!

Von: Sabine Dangel

Stand: 25.10.2022

Junge Frau sitzt in einem Outdoor-Cafè | Bild: mauritius images

Warum frieren wir?

Als Warmblütler brauchen wir Menschen eine konstante Körpertemperatur, damit unser Stoffwechsel optimal funktioniert. Ist es in unserer Umgebung nicht warm genug, wirft unser Körper daher umgehend sein Energiesparprogramm an.

Wenn uns kalt wird, dann zuerst an den Händen und Füßen.

Dabei wird zuerst der Wärmeverlust über die Haut eingeschränkt: Unser Körper verengt seine Blutgefäße, damit weniger Wärme mit dem Blut vom Körperinneren an die Hautoberfläche wandert. Ergebnis: Unsere Haut kühlt ab. Als Dreingabe der Evolution bekommen wir dazu dann noch eine Gänsehaut: Um unser längst nicht mehr vorhandenes Fell aufzustellen und als Isolationsschicht gegen die Kälte zu aktivieren, ziehen kleine Muskelchen die Haut zusammen.

Wird es noch kälter, wirft der Körper seine Heizung an: Er lässt die Muskulatur arbeiten - allerdings ohne, dass wir uns bewegen, sondern quasi "im Leerlauf". Wir zittern uns warm.

Trost für Frostbeulen: Höhere Lebenserwartung

Sie haben immer gleich kalte Hände und Füße, sobald es draußen nur ein paar Grad kühler ist? Vielleicht liegt es am Blutdruck.

Wir frieren schneller, wenn unser Blutdruck zu niedrig ist. Von unserem Herz bis zu den Blutgefäßen in der Peripherie, etwa den Fingerspitzen, sinkt er naturgemäß ab. Ist der Blutdruck aber schon von Haus aus eher niedrig, spüren Sie den fehlenden "Pumpdruck" entsprechend schneller:

"Der Fluss der roten Blutkörperchen stockt und es wird keine Wärme mehr vom Körperinneren nach außen transportiert"

Prof. Dr. Karl Ludwig Resch, Arzt für Physikalische Medizin

Je nach Außentemperatur kühlt die Haut aus, wir frösteln. Immerhin ein Trost für die lebenslange Fröstelei: Sie werden tendenziell ein paar Jahre länger kalte Hände haben, denn niedriger Blutdruck steigert die Lebenserwartung.

Wenn Sie mal genug haben vom ewigen Frösteln: Hagebutte, Fichtennadeln & Co - Diese Tees machen warm

Warum frieren wir schneller, wenn wir weniger Muskeln haben?

"Der Großteil der Energie, die unsere Muskeln verbrennen - 70 bis 80 Prozent - wird als Abwärme freigesetzt", erklärt Prof Dr. Resch. Und diese Heizung funktioniert beileibe nicht nur, wenn wir Sport machen.

Hilft am besten gegen das große Frösteln: Bewegung an der frischen Luft!

Denn unsere Muskulatur ist fast pausenlos aktiv: "Ohne, dass unsere Muskeln ständig ausgleichen und stabilisieren, könnten wir nicht mal ruhig auf einem Stuhl sitzen, ohne runterzufallen", so der Mediziner. Zusammengenommen bedeutet das: Je mehr Muskelmasse ein Körper hat, desto mehr Wärme produziert er - auch wenn er dabei auf dem Sofa liegt und Fernsehen schaut.

Wie viel Geld Sie übrigens sparen, wenn Sie die Raumtemperatur Zuhasue nur um ein Grad senken, lesen Sie in unseren Energiespartipps für daheim.

Warum frieren Frauen schneller?

Tendenziell eher niedriger Blutdruck, tendenziell eher weniger Muskelmasse im Verhältnis zum Körpergewicht (25 Prozent bei Frauen gegenüber 40 Prozent bei Männern): Allein schon diese Kombination erklärt, warum Frauen im Durchschnitt meist schneller frieren als Männer. Das ist wissenschaftlich erwiesen. Und dagegen hilft auch der höhere Körperfettanteil nicht, den die Natur allen Frauen mitgibt, denn:

"Das Fett sitzt in der Regel nicht da, wo man es zur Isolierung bräuchte - also an den Armen, Füßen, am Hals oder im Gesicht"

Prof. Dr. Jörg Schelling, Arzt für Allgemeinmedizin in München

Aber nicht genug damit, schwingt Mutter Natur zudem die Hormonkeule: Damit bei einer möglichen Schwangerschaft das Ungeborene im Mutterleib in jedem Fall geschützt würde, schaltet der weibliche Körper hormonell gesteuert früher die Peripherie-Bereiche des Körpers ab, wenn es kühl wird - um die Wärme in der Körpermitte zu halten. Kein Wunder also, dass Kälte Frauen tendenziell mehr zu schaffen macht.

Kann man durch Stress oder zu wenig Schlaf frieren?

Zu wenig geschlafen? Mit Frösteln zeigt unser Körper, dass er Ruhe braucht.

Sie kennen das bestimmt noch: Die halbe Nacht durchgefeiert - und nach 4 Stunden Schlaf aufstehen und ab in die Arbeit. Wo man den restlichen Tag fröstelnd am Schreibtisch verbringt. Der Grund dafür? "Schlafmangel stresst unseren Körper", erklärt Prof. Dr. Resch, "und das bedeutet, dass Adrenalin ausgeschüttet wird." Evolutionär bedingt signalisiert das unserem Körper: Es geht ums Überleben, um Kampf oder Flucht. Alle nicht akut lebensnotwendigen Funktionen werden jetzt zugunsten von dringend gebrauchten Organen wie Lunge oder Herz abgeschaltet: "Das Blut wird woanders gebraucht als in der Haut - sie wird nicht mehr so gut durchblutet und wir kühlen stärker ab." Auch wenn wir heutzutage eher selten physisch ums Überleben kämpfen müssen - die Reaktion unseres Körpers ist die gleiche:

"Wenn Sie den ganzen Tag dasitzen und sich aufregen, wird den ganzen Tag Adrenalin gebildet, werden den ganzen Tag die Teile des Körpers durchblutet, die eigentlich für Flucht und Kampf notwendig sind. Und da gehört die Haut nicht dazu."

Prof. Dr. Karl Ludwig Resch, Arzt für Physikalische Medizin

Warum wir schneller frieren, wenn wir gerade fasten

Wer weniger Kohlenhydrate isst, friert schneller.

Übrigens: Wer wegen einer Diät auf Kohlenhydrate verzichtet oder auch ganz fastet, kennt das typische Fröstelgefühl, schon wenn es nur ein bisschen kühler wird. Der Grund: Kohlenhydrate sind für den Körper schnell verfügbare Energie und ideal fürs schnelle Einheizen, wenn wir frieren. Was davon allerdings nicht etwa innerhalb eines Tages verbraucht wird, wandelt der Körper in Fett um - und das hat Folgen beim Fasten: "Wenn ich keine frischen Kohlehydrate zu mir nehme", erklärt Prof. Dr. Resch, "sind meine Speicher schon nach einem Tag leer - und ich kann nur Fett verbrennen, was aber nicht so schnell geht." Die Folge: Sie frieren.

Der Nudeltrick gegen den Kälteschock

Ein Tipp von Mediziner Resch für klassische Frostbeulen: Wenn Sie wissen, dass Sie in Kürze ein paar Stunden in der Kälte verbringen müssen, essen Sie vorher eine Portion Nudeln. Die darin enthaltenen Kohlenhydrate kann der Körper bei Bedarf schnell in Wärme umwandeln. Aber nicht schon am Abend vorher tun - sonst wandelt der Körper die Kohlenhydrate über Nacht in Fett um.

Was kann man tun wenn man ständig friert?

  • Bewegen, bewegen, bewegen: Wenn unsere Muskelheizung läuft, profitieren wir von der "Abwärme".
  • Warm, kalt, warm, kalt: Egal, ob wir uns draußen im Frischen bewegen, Duschen, Saunieren oder Arm- oder Fußbädern machen - der Wechsel zwischen Wärme und Kälte trainiert die Gefäße und sorgt dafür, dass unser Körper sich schneller an Temperaturwechsel gewöhnt, ohne zu frieren. Allerdings müssen wir dauerhaft dran bleiben, sonst ist der Effekt schnell wieder vorbei.
  • Heiße Getränke: "Speiseröhre, aber auch Magen- und Darmtrakt sind extrem gut durchblutet", sagt Prof. Schelling. Die Wärme aus der Flüssigkeit wandert also direkt in Ihren eigenen Heizkreislauf über.
  • Der altbekannte Zwiebel-Look: Mehrere Kleiderlagen übereinander wärmen wegen der dazwischen liegenden isolierenden Luftschichten besser als ein dickes Kleidungsstück.
  • Bauen Sie bewusst Stress ab - mit einer Rund um den Block in der Mittagspause oder einem Entspannungsbad am Abend.
  • Wenn die Fröstelei bei Ihnen unerträglicher Dauerzustand ist, hilft vielleicht ein Arztbesuch: Auch Krankheiten, wie etwa eine Schilddrüsenunterfunktion, können schuld sein am Dauerfrieren.

Stärkt Frieren das Immunsystem?

Die Frage, ob Frieren uns abhärtet, beantwortet Prof. Dr. Resch ganz klar mit "Ja": "So wie körperliche Aktivität einen positiven Reiz auf unser Immunsystem ausübt, tut das auch der Kältereiz" - aber nur, solange die Körper(kern)temperatur unverändert bleibt, der Köper also nicht auskühlt. Entgegen der landläufigen Meinung machen uns kalte Hände und Füße also nicht krank, "sonst müssten Eisbader ja dauerhaft krank sein", so Resch. Wenn man überhaupt von einer Gefahr sprechen will, dann droht die woanders: Fällt die Temperatur im Mund- und Rachenraum stark ab, verlangsamt das unsere lokale Immunabwehr - und verbessert damit die "Chancen" der dort möglicherweise bereits vorhandenen Viren und Bakterien. Das heißt für uns: Der Schal um Mund und Nase ist bei Minusgraden wichtiger als kuscheligen Winterstiefel.

Mütze auf, sonst wird dir kalt! Haben Sie diesen Spruch auch als Kind von Ihrer Mutter zu hören bekommen (und die Mütze gerade zum Trotz liegen lassen)? Wir klären, was dran ist: Verliert man Wärme über den Kopf?


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