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"Siezen" als Affront: Ende der Steinkohle im Ruhrgebiet | BR24

© Flottmann-Hallen Herne/Ferdinand Ullrich

Kohle und Kunst: David Nash "Charred Cross Egg"

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    "Siezen" als Affront: Ende der Steinkohle im Ruhrgebiet

    Die letzten beiden Zechen, in denen Steinkohle gefördert wird, schließen in diesem Jahr. Damit endet für das Ruhrgebiet eine Ära. Doch die Mentalität verändert sich nicht so leicht. Oder doch? Stefan Keim hat sich darüber seine Gedanken gemacht.

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    Das Revier ist besetzt und wird politisch fremdregiert. Es ist das Jahr „fuffzich vor Christus sein Jesus“. Julius Cäsar, der die tapferen Ruhris niemals klein kriegen konnte, versucht, seine Macht mit einem Bauprojekt im wahrsten Sinne des Wortes zu untermauern. Mitten im Revier entsteht „Dingenskirchen“, der Baumeister heißt Gentrifikatus. Das ist die Geschichte eines Asterix-Comics, der gerade auf Ruhrdeutsch erschienen ist. „Die Trabantenstadt“ heißt das Original aus den siebziger Jahren, nun trägt die Übertragung von Hennes Bender aus Bochum den Titel „Dingenskirchen“. Die unbeugsamen Gallier mit den Ruhrgebietsbewohnern gleichzusetzen funktioniert erstaunlich gut.

    "Heimatstadt Gelsenkirchen"

    Das Gefühl, von außen nicht richtig ernst genommen zu werden, ist im Ruhrgebiet wohlbekannt. Georg Kreisler hat diese Einstellung in seinem „Lied von der Heimatstadt Gelsenkirchen“ wunderbar karikiert, dem Blick auf die „Grubengasdemokratie“. Der Begriff enthält viel Wahrheit. Denn unter Tage waren alle gleich, egal aus welchem Land die Bergleute kamen. Das Wort „Kumpel“ benutzt im Ruhrgebiet übrigens kaum einer mehr, weil es abgedroschen ist und die Wirklichkeit nicht mehr spiegelt. Denn der Anteil derer, die wirklich mal im Schacht waren – nicht nur im Bergbaumuseum -, ist sehr gering.

    "Kunst & Kohle"

    Viele Kinder der Einwanderer, die in den sechziger und siebziger Jahren kamen, haben studiert, manche sind nun Museumsdirektoren und nehmen teil am großen Ausstellungsprojekt “Kunst & Kohle“, das von Duisburg bis Hagen sehr verschiedene Annäherungen an den Bergbau einst und jetzt, an der Ruhr und in der Ukraine zeigt. 

    Reiche protzen hier weniger

    Die Umwandlung von der Industrie- zur Kulturlandschaft ist längst vollzogen. Viele ehemalige Zechen sind Kulturzentren oder Clubs, in den großen Hallen spielt die Ruhrtriennale. Natürlich kommt diese Entwicklung nur bei einem Teil der Leute an, es gibt auch die langsam zerfallenden Vororte, in denen Hartz IV die Normalität und eine berufliche Perspektive die Ausnahme ist. Und dennoch existiert es so etwas wie ein Wir-Gefühl. Die Reichen protzen etwas weniger als anderswo weil sie wissen dass sie mit übertriebenem Luxus nicht beeindrucken, sondern bloß als Spinner belächelt werden.

    Menschlich, geradeaus, unkompliziert

    Und fast jeder Theaterintendant oder jede Universitätsprofessorin hat das Ziel, auch von einfachen Leuten verstanden zu werden. Weil nichts weniger ankommt als Abgehobenheit. Wer höchste Ansprüche mit bodenständigem Auftreten verbindet, gewinnt die Herzen im Ruhrgebiet. Der Holländer Johan Simons hat das geschafft, der die Ruhrtriennale prägte, dann ihr Intendant war und ab Herbst das Schauspielhaus Bochum leitet. Ein „Arme-Leute-Kind“, wie sich Simons selbst bezeichnet, künstlerisch kompromisslos, menschlich gerade heraus und unkompliziert.

    Kompliment "Na, Du Arschloch?"

    Die harte Arbeit unter Tage ist für fast alle schon Fiktion geworden, bevor die letzte Zeche schließt. Aber das Bild stiftet Identität. Denn so will sich ein Ruhrgebietsbewohner sehen, klar, ehrlich, ein bisschen derb, mit schwarzem, aber herzlichem Humor. Im Ruhrgebiet ist die Anrede „Na, Du Arschloch?“ keine Beleidigung, sondern ein raues Kompliment. Denn so begrüßt man nur einen, der dazu gehört. Hierarchien sind im Ruhrgebiet flacher als anderswo. Chefinnen hauen ihren Mitarbeitern auf die Schulter, man ist schnell beim Du. Unter gleichrangigen Kollegen gilt das Siezen mancherorts fast als Affront. Vielleicht ist es eine romantische Traumwelt der Kumpelhaftigkeit, die im Ruhrgebiet entstanden ist. Doch wer damit aufgewachsen ist, fühlt sich darin wohl und ist irritiert.

    Mit Platz 2 oder 3 zufrieden

    Die Bohrtürme und Hochöfen sind nun Museen, die Stollen, die den Boden des Ruhrgebiets durchziehen, werden langsam verfallen. Aber die Arbeit, die hier geleistet wurde, hat die Mentalität der Region geprägt. Die Ruhrgebietler haben begriffen, dass sie als Einheit stark sind und eine Metropole bilden, deren kulturelle Vielfalt zum Beispiel München locker in die Tasche steckt. Nur im Fußball klappt das gerade nicht ganz. Aber im Ruhrgebiet ist man auch mal mit Platz 2 und 3 zufrieden. Wenn das Gefühl da ist, alles gegeben zu haben. Wie die Generationen zuvor unten im Schacht.

    Ausstellungen bis 16. September an 17 Standorten im Ruhrgebiet.