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Großartig und sehr speziell: Schauspieler Edgar Selge wird 70

Er gab den einarmigen Kommissar Tauber im "Polizeiruf" und war Schauspieler des Jahres: An diesem Dienstag feiert Edgar Selge seinen 70. Geburtstag. Was ihn quälte, machte er zum Motor seiner Schauspielkunst - die Angst. Von Christoph Leibold

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Der frühste Satz, der mir zu Edgar Selge einfällt: "Alle Bananen sind gleich!" 1980er Jahre. Werkraum der Münchner Kammerspiele. Dieter Dorn hat "Kalldewey Farce" von Botho Strauß inszeniert. Und Edgard Selge ist "der Mann". Verlassen von seiner Frau, die jetzt in die chaotisch unaufgeräumte Wohnung zurückkehrt. Er wird hektisch, serviert mit fuchteliger Gestik Likör, Kekse und Obst. Und dann eben dieser Satz: „Alle Bananen sind gleich. Alle“. Schwer zu sagen, wieso mir gerade dieser Satz so gut in Erinnerung ist. Vielleicht weil in dem verzweiflungskomischem Stoßseufzer, in den Selge ihn kleidete, Erkenntnis lag: Nämlich dass auch das Unglück den Menschen nicht irgendwie vor anderen auszeichnet, selbst krumme Schicksale bleiben austauschbar.

Experte in Sachen Angst

Bei Edgar Selge, dessen bisheriges Leben auf und abseits der Bühne man eigentlich nicht anders als geglückt bezeichnen kann – seit über 30 Jahren ist er mit der Schauspielerin Franziska Walser verheiratet – bei Selge wird man das Gefühl nicht los, dass er allem Erfolg zum Trotz großes Potenzial zum Unglücklichsein mitbringt. "Wahrscheinlich ist Angst für mich das beherrschende Thema in meiner Kindheit gewesen. Ich bin 1948 geboren, also in den 50er-Jahren, sehr dicht an Gefängnismauern, weil mein Vater Gefängnisdirektor war, und unmittelbar auch nach der Nazizeit aufgewachsen. Ich vermute, dass sich diese Kriegsjahre sehr tief bei meinen Eltern eingeprägt haben und ich glaube, dass man das merkt als Kind. Man merkt, dass da vor etwas weggelaufen wird. Das macht Angst. Und die Tatsache, dass man das dann als Erwachsener so langsam in den Griff kriegt, heißt nicht, dass die Angst verschwunden ist," sagt Edgar Selge.

Edgar Selge alias Kommissar Jürgen Tauber

Wie Selge allerdings das, was ihn quält, zum Motor seiner Schauspielkunst macht – darin gleicht er keinem. Selge ist anders. Oder sagen wir: sehr speziell. So wie auch die Figur, mit der er einem Millionenpublikum im Fernsehen bekannt wurde: der einarmige Kriminalkommissar Jürgen Tauber, den Selge rund zehn Jahre lang im Münchner "Polizeiruf" spielte. Kommissare sind klassischerweise Einzelgänger. Jürgen Tauber stellt in seiner Boderlinerhaftigkeit dennoch fast alle in den Schatten. Selge hatte die Rolle bereits ab der Drehbuchentwicklung mit gestaltet und spielte einen, der weiß, dass sich die Menschen einem mit Einarmigkeit Geschlagenen gegenüber mit Kritik zurückhalten; und der sich im Wissen darum den Teufel um gedeihliches Miteinander schert. Eine radikale, kompromisslose Figur.

Großer Mime auch im Kino und auf großen Bühnen

Und noch so ein Satz, der mir zu Edgar Selge unweigerlich einfällt: "Ich hab ein gutes Gefühl! Ein gutes Gefühl!", 1997 im Kinofilm "Rossini" von Helmut Dietl. Eigentlich spielt Edgar Selge da nur eine Nebenrolle. Einen kleinen Banker, der Arme schlenkernd und enthusiasmiert seiner Freude über einen gelungenen Deal freien Lauf lässt. Auch wenn Edgar Selge nicht immer den hochnotkomischen Hyperkinetiker wie in „Rossini“ oder Beziehungsneurotiker wie in „Kalldewey Farce“ gibt: Etwas Rastloses steckt in all seinen Figuren. Eine Unruhe, die auch Selge als Mensch wesenseigen scheint. "Schauspielerei gehört nun mal zu den Berufen, in denen man mit allem spielt, über das man verfügt. Vielleicht habe ich deshalb gerade den Beruf, weil es mir mit fremdem Text in aufgeschriebenen Situationen leichter fällt, sich mir zu stellen", sagt der Schauspieler.

Abgründige Selbstbefragung

Selges forschender Blick richtet sich aber nicht nur auf sich selbst, sondern ebenso sehr auf die Welt, die er erkenntnishungrig ins Visier nimmt, wie auf die Menschen, die er mit seinen blauen Augen förmlich zu durchleuchten scheint. Ein Blick, der etwas Einschüchterndes hätte, wäre da nicht noch dieser Zug um Selges Mund, der ihn seinerseits schüchtern erscheinen lässt. Fast zwei Jahrzehnte war Edgar Selge an den Münchner Kammerspiele engagiert. Allerdings verließ er Dieter Dorns legendäres Ensemble früher als die meisten, brach aus dem Rudel aus und spielte mit dem schleichenden Gang des einsamen Wolfs Schillers Wallenstein am Münchner Residenztheater, noch ehe Dorn dorthin gewechselt war. Der Wallenstein – auch so ein getriebener Monomane, wie später der „Faust“, den Selge am Hamburger Schauspielhaus spielte oder Richard Wagner im Kino. 2016 wurde er zum Schauspieler des Jahres gewählt für seine Einmann-Interpretation von Michel Houellebecqs Abgesang auf das Abendland "Die Unterwerfung", abermals in Hamburg. Wo die meisten Schauspieler vermutlich im wohlfeilen Weltekel stecken blieben, gelang Selge eine abgründige Selbstbefragung. Ein Solo für einen großartigen Solitär. Alle Bananen sind gleich. Edgar Selge ist anders.