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© Ruth Walz/Salzburger Festspiele
Bildrechte: Ruth Walz/Salzburger Festspiele

Kopf ab: Salome zwischen ihren Opfern

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Erstarrtes Begehren: "Salome" bei den Salzburger Festspielen

Statt zu tanzen, versteinert Prinzessin Salome in der Inszenierung von Romeo Castellucci. Ein beklemmender Abend über Erstarren und Verstummen unter dem Druck der Triebe. Das Publikum war überraschend begeistert. Nachtkritik von Peter Jungblut.

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Ist das genial oder irre? Eine dritte Möglichkeit gibt´s nicht, wenn der Italiener Romeo Castellucci loslegt. Fast immer ist er sein eigener Bühnen-, Kostüm- und Lichtdesigner, und selbstverständlich auch Regisseur. Die Synapsen der Zuschauer bekommen regelmäßig zu tun, wenn er sich mal wieder ein bekanntes Werk vorknöpft, fragt sich nur, ob die Nervenenden befeuert werden oder durchbrennen. Ein Sicherungskasten war jedenfalls auch gestern Abend in der Salzburger Felsenreitschule nicht vorgesehen. Ein paar wenige Fans waren nach dieser "Salome" ganz aus dem Häuschen, aber auch der Großteil des Publikums schien überzeugt - der Applaus war überraschend freundlich.

"Attentat auf den Raum"

Überraschend, weil Castellucci auch diesmal radikal neu bebilderte. Das fing schon damit an, dass er die vielen, in den Fels gehauenen und sehr dekorativen Arkaden der berühmten Felsenreitschule "zumauern" ließ, also optisch den Naturzustand wiederherstellte, die Verwundungen des Felsens scheinbar rückgängig machte. Das wollte Castellucci als "Attentat auf den Raum" verstanden wissen, und das erste, was die Zuschauer zu sehen bekamen, waren zwei Inschriften, eine lateinische "Von dir sprechen die Steine", und eine griechische "Von den Steinen". Später wird Salome, die liebesbedürftige Tochter des Herodes, nicht etwa tanzen, sondern buchstäblich versteinern. Thema ist also die Erstarrung, die Unmöglichkeit zu handeln, auch die Unmöglichkeit zu lieben. Ohnehin scheinen alle "verstummt": Sie tragen aufgemalte Binden vor dem Mund.

Animalische, stinkende Figur

Ein schwarzer Mond steht über allem, schwarze Löcher tun sich auf, die mit ihrer Schwerkraft, ihren Abgründen, ihrem Dreck alles zu lähmen scheinen. Das steht im scharfen Kontrast zur entfesselten, expressionistischen Musik von Richard Strauss, auch im Gegensatz zum Text von Oscar Wilde, der hier alles Parfümierte, Dandyhafte, Schwülstige verliert. Was hier bei den Salzburger Festspielen gezeigt wird, ist kein orientalisch-grelles Enthauptungs-Spektakel, sondern eine psychoanalytische Studie über das Begehren als solches, ein Begehren, das immer scheitern muss, ein Trieb, der stets zur Verzweiflung wird. Am Ende steht Salome in einem Milchsee, vor sich den abgehackten Kopf eines Pferdes, neben sich den kopflosen Körper des Johannes, der hier Jochanaan heißt. Ja, er ist hier kein frommer Missionar, sondern eine animalische, stinkende Figur, eine Mischung aus Medizinmann und Hengst. Dazu wird sogar ein echter Gaul auf die Bühne geholt mit dem schönen Namen Gerrit Hendrik - alle Achtung, wie stoisch das Tier die Klangmassen ertrug.

Keine Spur wahnsinnig

Drum herum jede Menge Assoziationen: Der gold-gleißende Boden steht für hohlen Prunk, übereifrige Landvermesser und im Kampf eingefrorene Boxer für totalen Leerlauf. Der Hofstaat ergeht sich derweil in Selfies, das Szepter des Herodes erweist sich als Perpetuum mobile und kreist wie alles hier ewig um sich selbst. Eine beklemmende Castellucci-Welt, die schließlich unter einem aufblasbaren schwarzen Riesen-Ballon begraben wird. Das macht was her, in dieser düster-felsigen Kulisse. Die litauische Sopranistin Asmik Grigorian lieferte eine grandiose "Salome" ab, störrisch und fordernd, keine Spur wahnsinnig. Auch der Herodes von John Daszak und die Herodias von Anna Maria Chiuri sind in diesem Fall keine Karikaturen, wie leider sonst oft zu erleben, sondern Gefangene in diesem Trieb-Verlies. Herodias ist auftoupiert, als ob sie schnurstracks zu Dr. Sigmund Freud unterwegs ist. Der ungarische Bassbariton Gábor Bretz musste sich als Jochanaan auf offener Bühne abduschen lassen, ein ruppiges Reinigungsritual über sich ergehen lassen, was er stoisch hinnahm.

Ist ja Urlaubszeit!

Der einzige, der sich einige ganz wenige Buhrufe einhandelte, war Dirigent Franz Welser-Möst. Am hervorragend ausbalancierten, völlig hysteriefreiem Klangbild konnte das nicht liegen, dafür sorgten die Wiener Philharmoniker. Befremdlich war eher die sehr gravitätisch-steife Körpersprache von Welser-Möst: Für einen Dirigenten seiner Klasse hing er sehr an der Partitur, legte auch mal gemütlich den linken Arm auf die Brüstung und wirkte insgesamt emotional weitgehend unbeteiligt, jedenfalls nicht aufgewühlt. Da hatten sich ein paar Zuschauer wohl mehr Feuer erhofft. Gleichwohl ein lohnendes Festspiel-Erlebnis mit der dringenden Aufforderung, mal wieder Martin Heidegger und Jacques Lacan zu lesen. Ist ja Urlaubszeit!

Wieder am 1., 9. und 12. August, weitere Termine.

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