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Gutachten widerlegt Stasi-Vorwürfe gegen Heike Drechsler | BR24

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Mehr als zwei Jahrzehnte wurde die Leichtathletin Heike Drechsler immer wieder mit der Stasi in Verbindung gebracht und dabei auch als inoffizielle Mitarbeiterin bezeichnet. Zu Unrecht, wie ein dem BR exklusiv vorliegendes Gutachten zeigt.

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Gutachten widerlegt Stasi-Vorwürfe gegen Heike Drechsler

Mehr als zwei Jahrzehnte wurde die Leichtathletin Heike Drechsler immer wieder mit der Stasi in Verbindung gebracht und dabei auch als inoffizielle Mitarbeiterin bezeichnet. Zu Unrecht, wie ein dem BR exklusiv vorliegendes Gutachten zeigt.

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Seit 1993 sah sich Heike Drechsler permanent Vorwürfen ausgesetzt, inoffizielle Mitarbeiterin der Staatssicherheit gewesen zu sein. Als Beleg dafür wird unter anderem immer wieder eine von ihr unterschriebene Quittung angeführt: Ein mit der Familie befreundeter Stasioffizier hatte ihr vor der Leichtathletik-WM 1987 in Rom 500 DM gegeben, und Heike Drechsler hatte den Erhalt mit dem Namen "Jump" quittiert.

"Ich habe das immer mit mir rumgeschleppt und jedes Mal war das wie so ein Klops im Hals. Ich habe richtig Wut bekommen, weil das so nicht stimmt, dass ich IM war. Das stimmt so nicht!" Heike Drechsler

Trotzdem hat sie sich über zwei Jahrzehnte nicht gewehrt, ist öffentlich nicht gegen die Vorwürfe und diejenigen, die sie erhoben haben, vorgegangen. Vor etwa zwei Jahren aber hat sich Heike Drechsler entschieden, ihre eigene Geschichte aufarbeiten zu lassen. Sie wollte den Makel in ihrem Lebenslauf nicht mehr länger hinnehmen.

"Zu keinem Zeitpunkt IM"

Die zweifache Olympiasiegerin trat an den renommierten Stasiforscher Helmut Müller-Enbergs heran und bat diesen, ein Gutachten anzufertigen. Mehr als ein Jahr lang durchkämmte der Historiker Akten und führte zahlreiche Gespräche. Das Fazit:

"Im Ergebnis der zu untersuchenden Frage, ob Frau Heike Drechsler, geboren am 16. Dezember 1964 als Heike Gabriela Daute, nach den Maßstäben des Ministeriums für Staatssicherheit (MfS) beziehungsweise im weiteren Fortgang der Untersuchung auch denen des Stasi-Unterlagen-Gesetzes als inoffizielle Mitarbeiterin (IM) des MfS zu bewerten ist, fällt die Antwort eindeutig aus: Nein."

Keine Verpflichtungserklärung, keine Berichte

Laut Akte und Gutachten war Heike Drechsler ein sogenannter Vorlauf-IM. Sie sollte als inoffizielle Mitarbeiterin geworben werden, was aber nie passierte. Sie hat weder eine Verpflichtungserklärung unterschrieben noch Berichte für die Staatssicherheit verfasst. Der IM-Stempel, so Helmut Müller-Enbergs, wurde ihr zu Unrecht aufgedrückt, die Stasi-Unterlagen-Behörde und einige Journalisten hätten bei der Beurteilung des Falles Fehler gemacht. Das bringt den Wissenschaftler mächtig in Rage.

"Das kommt dabei heraus, wenn man schlampig und vulgär arbeitet, unangemessen. Es handelt sich um Menschen, die eine Würde haben, und sie leben in einem Rechtsstaat. Und entsprechend hat man sich auch zu verhalten." Helmut Müller-Enbergs

Fehler von Journalisten und Unterlagenbehörde

Der BR hat die Aufarbeitung exklusiv begleitet, notwendige Akten der Stasiunterlagenbehörde eingesehen sowie mit zahlreichen Wegbegleitern und Experten gesprochen. Zum Beispiel mit dem Anwalt Kai Bonitz, der seine Doktorarbeit über das Stasiunterlagengesetz geschrieben hat.

"Es sind Fehler gemacht worden. Und ich glaube, alle Beteiligten, sowohl von der Behörde als auch von Presse und Medien, täten gut daran, das nochmal kritisch zu reflektieren." Kai Bonitz, Rechtsanwalt

Die Stasiunterlagen-Behörde hatte 1993 Unterlagen aus Heike Drechslers Akte an die Presse herausgegeben, kurz danach wurde die Leichtathletin von anklagenden Medienberichten überrollt. Volker Lilienthal, Journalistik-Professor an der Universität Hamburg, hat sich die Beiträge von damals angesehen. Er kritisiert vor allem, dass einzelne Journalisten vorschnell geurteilt haben:

"Wenn es einen Verdacht gibt, dann dürfen Journalisten dem grundsätzlich natürlich nachgehen. Aber sie müssen dafür eben auch selbst recherchieren, sie können sich nicht auf eine Quelle, hier eine MfS-Akte, verlassen. Sie müssen weitere Quellen heranziehen. Denn aus zeitlichem Abstand wissen wir ja, nicht alles, was in MfS-Akten steht, stimmt." Volker Lilienthal, Journalistik-Professor an der Universität Hamburg

"Ab jetzt rechtlich nicht mehr hinnehmen"

Für Heike Drechsler hatte das viele Konsequenzen. Unter anderem wurde sie im Lexikon "Wer war wer in der DDR" der Bundesstiftung Aufarbeitung als "IM Jump" geführt. Der Stasiforscher Helmut Müller-Enbergs ist als Mitherausgeber zwar nicht für den sportlichen Bereich zuständig, fühlt sich aber moralisch verantwortlich:

"Das war vermeidbar. Es hätte auch von Wissenschaftlern die Sorgfalt aufgebracht werden müssen, die ich für meine Arbeit für geboten halte. Und die Herausgeber werden Heike Drechsler um Entschuldigung bitten müssen." Helmut Müller-Enbergs, Historiker

Den Eintrag hat der Verfasser des Drechsler-Gutachtens inzwischen korrigiert. Der neue Wortlaut: "Sie war kein IM des MfS".

Heike Drechsler sagt, sie hätte die Aufarbeitung in erster Linie für sich selbst gemacht. Aber die prominente Sportlerin will den Vorwurf in Zukunft nicht mehr hinnehmen.

"Wenn jetzt nochmal jemand behauptet, ich wäre IM gewesen, würde ich rechtlich gegen ihn vorgehen." Heike Drechsler

Nachfragen des Bayerischen Rundfunks zum Fall Drechsler ließ die Stasi-Unterlagenbehörde inhaltlich bislang unbeantwortet.

Die Recherche ist eine Kooperation von Politik und Hintergrund und BR Recherche. Entstanden ist daraus auch das ARD radiofeature. Zu hören am Samstag um 13.05 Uhr auf Bayern 2.