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Anfänge in der NS-Zeit Nutznießer der Arisierung

Die Basis von Josef Neckermanns wirtschaftlichem Aufstieg und Erfolg bildete die Übernahme mehrerer durch die Nationalsozialisten zwangsenteigneter Betriebe von jüdischen Kaufleuten. In der Zeit von 1935 bis 1938 erwarb er insgesamt vier Einzelhandelsunternehmen.

Stand: 04.06.2012 | Archiv

Nazi-Plakat mit Aufschrift "Deutsche! Wehrt Euch! Kauft nicht bei Juden" | Bild: picture-alliance/dpa

Als Neckermann im Herbst 1933 von einem mehrjährigen Auslandsaufenthalt in Großbritannien und Belgien nach Würzburg zurückkehrte, hatten sich die politischen Verhältnisse mit Adolf Hitler als Reichskanzler entscheidend geändert. 1935 kamen Neckermann die Rassengesetze der Nationalsozialisten (Blutschutzgesetz, Reichsbürgergesetz, Reichsflaggengesetz) zugute. Als Geschäftsmann profitierte er von der nationalsozialistischen "Arisierungspolitik", mit der jüdische Unternehmer zwangsenteignet wurden. "Ich wollte etwas Eigenes, etwas ganz Großes. Keine Frage: Ich musste einen Betrieb kaufen. Und die Zeiten waren günstig", schrieb er später in seinen Memoiren.

Neckermann steigt in den Einzelhandel ein

Das "Textilkaufhaus Ruschkewitz" in Würzburg auf einer historischen Postkarte

Neckermann übergab den Kohlenhandel an seinen jüngeren Bruder Walter, ließ sich sein Erbteil von 200.000 Reichsmark auszahlen und erwarb am 25. Oktober 1935 das "arisierte" Textilkaufhaus des jüdischen Unternehmers Siegmund Ruschkewitz in Würzburg sowie das dazugehörige "Kleinpreisgeschäft Merkur" für 100.000 Reichsmark. Der aufstrebende Exkohlenhändler war eigenen Aussagen zufolge davon überzeugt, der Verkauf würde "in der freundschaftlichsten Form" verhandelt werden. Die Abgeltung eines Firmenwertes wurde von vornherein ausgeschlossen, da dies unter dem NS-Regime für jüdische Unternehmen nicht üblich war. Diese beiden Kaufhäuser bildeten die Basis für sein späteres Imperium. In den zwei Geschäften beschäftigte er 150 Angestellte und verdiente 1936 seine erste Million. 1937 übernahm er in ähnlicher Weise das "Textilfachgeschäft Vetter" in Würzburg.

Übernahme des viertgrößten deutschen Versandhauses

Eine Gruppe SA-Männer marschiert durch die Straßen - hier in Berlin - und fordert zum Boykott der Geschäfte von jüdischen Besitzern auf.

1938 kaufte Neckermann die Berliner "Wäschemanufaktur Carl Joel" des jüdischen Unternehmers Karl Amson Joel (Umsatz 1937: etwa 28 Millionen Reichsmark). Er überwies 1,14 Millionen Reichsmark auf ein Berliner Treuhandkonto und die Firma Joel wurde zur "Wäsche- und Kleiderfabrik Josef Neckermann Textil-Versandhaus". Das Geld wurde beschlagnahmt und Karl Amson Joel, der vor den Nazis in die Schweiz geflüchtet war, erhielt nichts davon. Nach diesem Coup war Neckermann zum Besitzer des viertgrößten Versandhauses in Deutschland geworden. Wie schon beim Deal um Ruschkewitz rechtfertigte sich Neckermann auch in Bezug auf die Übernahme der Wäschemanufaktur: "Wenn ich es nicht tue, macht es ein anderer." Mit dieser Übernahme war seine Würzburger Zeit im Wesentlichen beendet.

Entschädigungsverfahren

Nach dem Zweiten Weltkrieg musste Neckermann die Vorteile aus der Arisierung im Zuge der Wiedergutmachung laut richterlichem Beschluss wieder aufgeben und Abfindungen an die Geschädigten zahlen. Die Gelder dazu entnahm er der neu gegründeten Firma Neckermann. Im Jahr 1950 erhielten die Söhne Ruschkewitz als Entschädigung das Trümmergrundstück in Würzburg und 50.000 D-Mark von Neckermann. Auch der in die USA emigrierte Carl Amson Joel verklagte Neckermann auf Wiedergutmachung und forderte acht Millionen D-Mark Entschädigung für das ihm angetane Unrecht. Joel wurde erst 1959 mit einem Betrag in Höhe von zwei Millionen Mark von Neckermann entschädigt.

Kritik an der unrechtmäßigen Bereicherung

Harald Wixforth

"Ein ehrbarer Kaufmann hätte die ganze Sache hinterfragt, hätte gesagt, der Erwerb jüdischen Vermögens zu einem Bruchteil des eigentlichen Wertes ist nicht in Ordnung, ich beteilige mich nicht daran. Neckermann hat sich sogar in zwei Fällen massiv daran beteiligt und damit sozusagen den Grundstein für seine eigentlichen unternehmerischen Tätigkeiten gelegt." (Wirtschaftshistoriker Harald Wixforth)

Uri Siegel

"In einer Stadt wie Würzburg war das ja klar, woher das kommt. Und die Leute haben nur darauf gewartet, dass sie das bekommen. Das waren ja praktisch Schnäppchen." (Rechtsanwalt Uri Siegel)

Andreas Heusler

"Eine der gnadenlosesten und unverschämtesten Raubaktionen, die an einem Teil der eigenen Bevölkerung vollzogen wurde – das ist die Arisierung." (Historiker Andreas Heusler)

Jürgen Gehring

"Die Arisierung, das war bitterböses Unrecht." (Jürgen Gehring, Vorsitzender Richter am Stuttgarter Landgericht)


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