Religion


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Jüdisches Leben in Bayern Boykott und "Arisierung"

Das jähe Ende des blühenden jüdischen Geschäftslebens kam 1933 mit der Machtübernahme der Nazis. Sie versuchten, Juden gezielt aus dem Wirtschaftsleben auszuschalten.

Stand: 16.01.2016 | Archiv

Nachdem man 1871 den Juden Bürgerrechte und damit auch Freizügigkeit gewährt hatte, konnten sie sich überall in Deutschland niederlassen. Viele zogen vom Land in die Stadt und etablierten sich dort als Kaufleute. Allein in München, das 1910 etwa 500.000 Einwohner zählte, gab es Hunderte von jüdischen Geschäften.

Uhlfelder, Bernheimer, Eichengrün

Ein paar davon konnten aber auch schon auf eine lange Tradition in der Hauptstadt zurückblicken, so das renommierte Seidenwarengeschäft von Heinrich Cohen. Seine Vorfahren belieferten seit 1821 das bayerische Königshaus. Auch einige der größten Münchner Kaufhäuser gehörten Juden, zum Beispiel Hermann Tietz am Hauptbahnhof oder Max Uhlfelder am Viktualienmarkt. Die Tuchhandlung Stark am Stachus zählte den Komiker Karl Valentin zu ihren Kunden. Stoffe konnte man aber auch bei Eichengrün am Promenadeplatz oder Springer am Alten Peter kaufen. Im Kust- und Antiquitätenhandel waren Bernheimer, Rosenthal und Heinemann angesehene Häuser von internationalem Rang.

Boykott gegen jüdische Läden

Das jähe Ende des blühenden jüdischen Geschäftslebens kam 1933 mit der Machtübernahme der Nazis. Sie versuchten, Juden gezielt aus dem Wirtschaftsleben auszuschalten. Um das antisemitische Potenzial in der Bevölkerung zu testen, riefen die Nazis zum Boykott jüdischer Geschäfte für den 1. April 1933 auf.

Aber der erhoffte "spontane Volkszorn" stellte sich zu diesem Zeitpunkt nicht ein - vermutlich weil die Nazi-Maßnahme damals noch keine rechtliche Basis hatte. In der Pogromnacht vom 9. November 1938 trat der Pöbel schon wesentlich aggressiver auf. Zuvor, 1935, hatten die Nazis die Diskriminierung der Juden durch die Nürnberger Rassengesetze legalisiert. Sogar einen "Weihnachtsboykott" organisierte man: 1937 in Nürnberg durch den hohen Nazi-Funktionär und "Stürmer"-Herausgeber Julius Streicher.

Vorauseilender Gehorsam in der "Hauptstadt der Bewegung"

Lese-Tipp

München arisiert
Entrechtung und Enteignung der Juden in der NS-Zeit
(hrsg. von der Landeshauptstadt München)
München 2004, Beck-Verlag

München war beim Umsetzen von Gesetzen besonders eifrig, wenn es um Schikanen gegen Juden ging. So ordnete NS-Oberbürgermeister Karl Fiehler den Laden-Boykott in vorauseilendem Gehorsam für die "Hauptstadt der Bewegung" schon für den 30. März an.

Hintergrund

Repressalien-Katalog

  • Ab 1933 durften Juden Warenhäuser weder gründen noch erweitern
  • Verbot von Inseraten in "arischen" Zeitungen
  • Ausschluss von der Teilnahme an Messen
  • Begrenzung des Devisenbesitzes auf 2.000 Reichsmark, womit Auslandsgeschäfte so gut wie unmöglich wurden
  • Ab 1938 wurden Gewerbe-Legitimationen nicht verlängert

Offizieller Termin war der 1. April. SA- und SS-Horden hatten schon Anfang März 1933 jüdische Geschäftsleute terrorisiert und 280 in "Schutzhaft" genommen. OB Fiehler untersagte im selben Jahr - ohne legale Grundlage -, städtische Aufträge an "nichtdeutsche Firmen" zu vergeben. SA-Posten beschmierten Schaufenster jüdischer Geschäfte mit der Aufschrift "Jude" oder "Bin in Urlaub in Dachau". Schaufenster wurden eingeschlagen und Kunden eingeschüchtert, indem sie von der SA angepöbelt, registriert und manchmal sogar fotografiert wurden.

Dennoch gab es in diesem Terror-Klima Beispiele von Zivilcourage: Manche Kunden kauften aus Solidarität demonstrativ bei Juden ein.

Von der Ladentheke ins KZ

Die Nazi-Maßnahmen zeigten Wirkung: Ab 1935 häuften sich Konkurse jüdischer Firmen und Geschäfte. Da die Stadt München eine komplette Kartei jüdischer Gewerbebetriebe erstellte, war es für den braunen Mob in der Pogromnacht leicht, gezielt gegen diese vorzugehen. Resultat: Am 10. November 1938 schlossen 169 jüdische Geschäfte in München.

Hintergrund: Verdrängung, Mord

Zwischen 1932 und 1938 sank deutschlandweit die Zahl von etwa 50.000 jüdischen Einzelhandelsgeschäften auf 9.000. Nach dem Novemberpogrom von 1938 wurden 26.000 Juden verhaftet, viele davon in KZs deportiert und ermordet.

Zwei Tage später kam mit der "Verordnung zur Ausschaltung von Juden aus dem deutschen Wirtschaftsleben" das endgültige Aus für fast alle jüdischen Häuser. Die Geschäftsleute wurden zuhauf nach Dachau gebracht, ihre Gewerbeabmeldung brachte ihnen der Briefträger direkt ins KZ.

"Arisierung": Wie aus Hermann Tietz "Hertie" wurde

Die Juden, die bis dahin nicht sowieso schon zermürbt aufgegeben und ihre Geschäfte schließen oder unter Wert "freiwillig Ariern" verkaufen mussten, wurden ab 1938 systematisch zwangsenteignet. Den oben genannten Heinrich Cohen ereilte dieses Schicksal schon 1937. Er musste sein Traditions-Unternehmen an den damaligen Chefverkäufer von Loden-Frey, Herbert G. Stiehler, übergeben. Dieser nannte sich nach dem Krieg Styler und musste 1960 Konkurs anmelden.

"Arisierung": Cohen-Geschäft geht an Stiehler | Bild: Abbildung in "Jüdisches Leben in München - Lesebuch zur Geschichte des Münchner Alltags

"Arisierung": Cohen geht an Stiehler

Cohen war nicht der einzige Leidtragende der so genannten "Arisierung". Ein weiteres prominentes Beispiel: Auf dem Dach des früheren jüdischen Bekleidungs- und Stoffgeschäftes Bamberger & Hertz prangt in Münchens Fußgängerzone heute das Firmenschild Hirmer.

Hertie, vormals Hermann Tietz

Der Berliner Hermann Tietz musste schon 1934 aus dem Aufsichtsrat ausscheiden. Sein Unternehmen, das boykottbedingt vor dem Konkurs stand, wurde "arisiert", indem Banken die Macht übernahmen. Die Sanierung eines nichtdeutschen Warenhauses per Reichsbankkredite hatte Hitler zuvor abgelehnt.

Tietz' Warenhauskette mit Filialen in ganz Deutschland firmiert seitdem unter dem Namen "Hertie". Es gab noch Hunderte weiterer Fälle. Von den 600 Münchner jüdischen Firmen 1938 blieben Ende 1939 gerademal 27 übrig. 1941 verfiel ohnehin jegliches jüdisches Eigentum an den Staat. Ein lange Zeit nicht wegzudenkender Teil Münchens und Bayerns war ausgelöscht.


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