Franken - Kultur


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Findling & Mythos Das Kind Europas

Kaspar Hausers Geschichte beginnt mit seinem mysteriösen Auftauchen 1828 in Nürnberg und endet nur fünf Jahre später mit seinem ebenso mysteriösen Tod. Innerhalb kürzester Zeit wird Hauser zum Kind Europas, dem Rätsel seiner Zeit.

Stand: 30.04.2012 | Archiv

Kaspar Hauser | Bild: picture-alliance/dpa

Als Kaspar Hauser am Nürnberger Unschlittplatz auftaucht, hält man ihn zunächst für einen Betrunkenen. Anders lässt sich den Passanten nicht erklären, weshalb der etwa 16-Jährige sich so schlecht auf den Beinen halten und kaum sprechen kann. Schließlich bringt man den Unbekannten zum Ausnüchtern in eine Arrestzelle auf der Nürnberger Burg, doch sein Zustand bessert sich nicht. Zwei anonyme Briefe, die Kaspar bei sich trägt, weisen darauf hin, dass der Junge absichtlich in Nürnberg abgesetzt wurde.

Geleitbrief und Mägdleinszettel

Replik des Mägdleinszettels im Ansbacher Markgrafen Museum

Das erste Schreiben, der sogenannte Geleitbrief, ist an den Nürnberger Rittmeister adressiert. Darin schreibt ein angeblicher Tagelöhner, der Junge sei im Oktober 1812 bei ihm abgegeben worden und habe seitdem bei ihm gelebt. Die Mutter des Jungen sei unbekannt. Sinngemäß heißt es in dem Schreiben weiter, Kaspar habe das Haus nie verlassen, wüsste nicht, wo der Tagelöhner lebe und wolle nun Reiter werden. Der zweite Brief, der sogenannte Mägdleinszettel, stammt angeblich von Kaspars Mutter. Darin wird zum einen der Name Kaspar genannt und als Geburtstag des Jungen der 30. April 1812 angegeben. Sein Vater sei tot und sie müsse das Kind abgeben, weil sie es nicht ernähren könne. Experten halten beide Schreibungen inzwischen für Fälschungen von ein und der selben Person.

Versuch der Verbrechensaufklärung

Filmszene: André Eisermann als Kaspar Hauser

Hauser ist in miserablem körperlichen und geistigen Zustand: Sein Skelett ist deformiert, er kann nur unter größten Anstrengungen aufrecht gehen, verträgt außer Brot keine feste Nahrung und stammelt nur vereinzelte Worte. Außerdem scheint er von seiner Umwelt vollkommen überfordert.

Zeitzeugenberichten zufolge waren vor Kaspars Zelle im Luginsland Baumwipfel zu sehen. Diese sollen Kaspar erschreckt haben, da er offenbar keinerlei Vorstellung von der Außenwelt hatte. In verworrenen Aussagen macht Hauser klar, dass er über Jahre in einem dunklen Kellerverlies eingesperrt war, ohne jeglichen menschlichen Kontakt. Die Nürnberger Behörden starten einen Aufruf, um das Verbrechen aufzuklären. Zeitungen beschreiben ihn als Wolfskind und Halbwilden. Die Bürger Nürnbergs kommen in Scharen in seine Zelle im Luginsland und bestaunen die merkwürdige Gestalt. Der Fall stößt auch international auf Interesse. Kaspar Hauser wird zum Kind Europas.

Kaspars Lebensstationen

Ausgestellt und herumgereicht

Nachdem monatelang niemand Hinweise auf die Herkunft des vernachlässigten Jugendlichen geben kann, kommt Kaspar zur Erziehung und Ausbildung in die Obhut des Nürnberger Gymnasialprofessors Daumer, der ihn in allen Fächern unterrichtet. Kaspar lernt schnell dazu. An seiner Kerkergeschichte hält er fest. In der Bevölkerung genießt der junge Hauser eine Art Promi-Status: Er gilt als Wunderkind, das von Wölfen aufgezogen wurde. Auch wird bereits über eine adelige Abstammung gemunkelt. Die gehobene Gesellschaft reißt sich um den Jungen, Schaulustige gehen im Hause Daumer ein und aus. Auf Festen wird er als Attraktion herumgereicht.

Freund oder Feind?

Daumer

Der Nürnberger Professor Georg Friedrich Daumer ist Kaspars erster Pflegevater. Er nimmt den Findling auf der Nürnberger Insel Schütt bei sich auf, lehrt ihm Lesen, Sprechen und Schreiben, Klavierspielen und andere kulturelle Fähigkeiten. Daumer soll außerdem überprüfen, ob der Junge ein Hochstapler ist und sich seine Kerkergeschichte nur ausgedacht hat. Der Professor ist jedoch bald vollends von Kaspar begeistert: Er hält Kaspar wegen seiner schnellen Auffassungsgabe für ein Wunderkind. Er soll außerdem eine Neigung zur Esoterik haben und macht mit Kaspar Hauser magnetische und homöopatische Experimente. Nach der ersten Messerattacke auf Kaspar Hauser gibt Daumer die Pflegschaft für Kaspar Hauser auf.

Binder

Jakob Friedrich Binder ist zur Zeit von Kaspars Auftauchen Erster Bürgermeister von Nürnberg und damit formal zuständig für das Findelkind. Er verhört Kaspar persönlich und gibt den Fahndungsaufruf heraus, in dem Kaspars Geschichte als Verbrechen bezeichnet wird. In Nürnberg herrscht zu dieser Zeit ein gut organisiertes Findelwesen, die Stadt kommt deshalb für alle Kosten für Kaspar Hausers Unterbringung auf.

Tucher

Gottlieb Freiherr von Tucher ist Kaspars erster Vormund. Er nimmt Kaspar nach dem ersten Attentat in Nürnberg bei sich auf und sogt dafür, dass der Junge weniger unter  Schaulustigen herumgereicht wird. Gleichzeitig kritisiert er Hausers Hochmütige Art und bemängelt, Kaspar würde lügen. Er übergibt die Vormundschaft schließlich an Earl Stanhope, der Kaspar nach Ansbach umziehen lässt.

Feuerbach

Der Rechtsgelehrte Anselm von Feuerbach versucht Kaspars Herkunft aufzuklären und will diejenigen, die ihn gefangen hielten, juristisch zur Rechenschaft ziehen. Er schreibt die Abhandlung "Kaspar Hauser oder Beispiel eines Verbrechens am Seelenleben eines Menschen" (Ansbach 1832) und schürt durch seine Ermittlungen und Veröffentlichungen außerdem die Erbprinzen-Theorie. Feuerbach stirbt 1833 und äußert auf dem Totenbett den Verdacht, vergiftet worden zu sein. Was die Erbprinzen-Theorie weiter befeuert. Kritiker vermuten dagegen einen Schlaganfall.

Stanhope

Philip Henry Earl Stanhope gilt als ein früher "007".  Als Geheimagent soll Stanhope für verschiedene Fürstenhäuser gearbeitet haben. Er tauchte zu Kaspars Zeit in Nürnberg plötzlich auf und versuchte, Vertrauen zu dem Findelkind aufzubauen. Er soll dafür verantwortlich sein, dass Kaspar auf der Suche nach seiner eigenen Identität selbst eine fürstliche Abstammung in Betracht zog und den Jungen durch teure Geschenke verwöhnt haben. Zuletzt übernimmt Stanhope die Pflegschaft für Kaspar Hauser. Er soll hohe Summen für Nachforschungen und Unterkunft Kaspars aufgebracht haben und  stets mit Badischem Geld bezahlt haben. Später lässt der Earl Kaspar aber fallen und schreibt in seinen Memoiren, er sei von Kaspar Hausers Lügengeschichten maßlos enttäuscht.

Mayer

Johann Georg Mayer ist Ansbacher Volksschullehrer und wird 1831 mit Kaspars Erziehung betraut. Er gilt als einer der größten Kritiker des Jungen und soll Kaspar für einen Hochstapler gehalten haben. Er beschreibt Hauser später als einen Menschen mit dem Hang, mehr zu scheinen als er ist. Wie berichtet wird, ist Mayer voller Argwohn und kontrolliert Kaspar auf Schritt und Tritt. Unter anderem versucht er, Hausers Tagebuch zu lesen. Mutmaßungen zufolge beauftragt Earl Stanhope Mayer, Hauser als Hochstapler zu überführen.

Umzug und Tod

Hausers Zeit in Nürnberg endet, nachdem Hauser 1829 von einem Unbekannten attackiert wird und Daumer seine Pflegschaft aufgibt. Kaspar wird zunächst bei einer Nürnberger Magistratsfamilie und dann im Hause Tucher untergebracht. 1831 übersiedelt er schließlich nach Ansbach. Dort stirbt er 1833 an den Folgen einer Stichverletzung.


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