Franken - Kultur


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Der Rap regiert das Bardentreffen

Von: Rainer Aul

Stand: 29.07.2018

Beim Bardentreffen gibt es heuer nicht nur was auf die Ohren, sondern auch ordentlich aufs Maul. Wie bitte? Doch doch, natürlich nur im übertragenen Sinne, aber dafür in bester Tradition der Liedermacher, die zum Bardentreffen gehören wie die Rostbratwurst zu Nürnberg. Das Kultfestival hält 2018 drei Tage lang ein Plädoyer für die "explizit exquisiten Lyriker im Rap", wie Rainer Pirzkall, der künstlerische Leiter des Bardentreffens, sie beschreibt. Musiker, die in Aussage, Vielfalt und Engagement den Liedermachern alter Schule in nichts nachstehen.

"Am Tellerrand der Gesellschaft, da gibt es Andrang.
Manche laufen hin und wollen zurück zum Anfang.
Manche sehen drüber und verstehen sehr, sehr langsam,
dass das Ding bald kippt, legt niemand von uns Hand an."

Rap von Yasmin Hafdeh aka Yasmo (Yasmo & Die Klangkantine, Kulturgarten, Sonntag, 21.30 Uhr)

Kollegah und Farid Bang

Aufs Maul, na klar. Rap, das ist doch nur Gossenmusik, Sprechgesänge brutaler Proleten, Goldkettchen-Gangstas. Bullshit. Bestimmt hat der Ruf des Genres durch Farid Bang und Kollegah gelitten. Dass die beiden im April trotz abstoßender Texte in ihren Songs den Echo erhielten, hat zu einem Aufschrei geführt, der nicht nur durchs Musikbusiness, sondern auch durch große Teile der Gesellschaft hallte.

Tradition, Schmerz, Religion

Graffiti-Porträt des Rappers Tupac Shakur

Doch ist Rap viel mehr als pseudokriminelles Bling-Bling und Schimpfwort-Stakkato. Spätestens seit Anfang der 1980er-Jahre geht es dabei um Gesellschaftskritik und schonungslos angesprochene Missstände. Die Wurzeln des Rap liegen in traditionellen musikalischen Darbietungsformen in Afrika. Die aus ihrer Heimat gerissenen und versklavten Menschen nahmen sie mit nach Amerika. Teils gesungen, teils gesprochen wurde dort auf den Baumwollfeldern, aber auch in Gotteshäusern im Wechsel zwischen Prediger und Gemeinde.

Breakdancer in New York 1981

Die Musikrichtung des Hip-Hop nach modernem Verständnis schließlich kam aus den afroamerikanischen Ghettos in den USA. Dort wurde mit neuen Klangtechniken experimentiert, Scratching, Cutting, Phasing. Das Rappen, der Sprechgesang des Hip-Hop, kam ursprünglich aus Jamaika und entwickelte sich aus der reinen Begleitung der Musikdarbietung zum eigentlichen "Gesang". Also Tradition, Schmerz, Religion – keine schlechten Voraussetzungen für die Entwicklung einer Musikrichtung.

"Ist alles schlimm, du schließt dich ein,
Dann bist du drin mit dir allein.
Wo willst du hin? Um diese Zeit
Kommst du bestimmt nicht allzu weit,
Ist halb so schlimm, das geht vorbei,
Komm leg dich hin und zähl bis drei,
Macht alles Sinn, du weißt genau:
Du stehst nicht im, du bist der Stau."

aus 'Gebt uns ruhig die Schuld' von den Fantastischen Vier

"Zeitprägende Wirkung, gesellschaftliche Macht"

Für Bardentreffen-Organisator Rainer Pirzkall kommt Rappern heute die Funktion zu, die Liedermacher in früheren Zeiten innehatten. "Sie hinterfragen gesellschaftliche Zustände geistreich und kommentieren sie kritisch", so Pirzkall. "Die zeitprägende Wirkung und gesellschaftliche Macht" der Rockmusik habe sich inzwischen auf Hip-Hop und R'n'B übertragen. Deren ganze Vielfalt will das Nürnberger Bardentreffen heuer erlebbar machen unter dem Titel "RAP – Rhythm and Poetry".

Bardentreffen LIVE im Videostream

Konzerte im Livestream

Zum zweiten Mal überträgt das BR-Studio Franken Konzerte vom Bardentreffen in Nürnberg LIVE im Videostream – auf dieser Seite und auf Facebook:

Fiva X JRBB: 27. Juli, 21.30 Uhr
Cristina Branco: 28. Juli, 21.00 Uhr
Käptn Peng & Die Tentakel von Delphi:
29. Juli, 20.30 Uhr

Für mehr Infos oben auf die Bandnamen klicken!

Fiva X JRBB

Freitag, 27. Juli, 21.30 Uhr vom Hauptmarkt

Fiva X JRBB - Die Rückkehr der Hip-Hop-Königin

2017 waren Fiva und die Jazzrausch Bigband beim Bardentreffen schon einmal dabei, konnten ihr Programm aber aus technischen Gründen nicht komplett spielen. Das wird diesmal nachgeholt: Gemeinsam mit DJ Radrum und 20 Musikerinnen und Musikern wird sich Fiva in einem klanggewaltigen Streifzug durch ihre musikalische Vergangenheit rappen. Hier gehts zum Konzert

Cristina Branco

Samstag, 28. Juli, 21.00 Uhr aus St. Katharina

Cristina Branco - Neo-Fado im Jazz-Gewand

Durch einen Fernsehauftritt in den Niederlanden wurde sie schlagartig bekannt, inzwischen gehört sie zu den angesagtesten Interpretinnen des Fado, der großen portugiesischen Wehmutsmusik. Ihre Texte lässt sie von Musikern aller Couleur aus ihrer Heimat schreiben. Von Branco selbst kommen ihre einzigartige Stimme und fesselnde Ausstrahlung. Hier gehts zum Konzert

Käptn Peng & Die Tentakel von Delphi

Sonntag, 29. Juli, 20.30 Uhr vom Hauptmarkt

Käptn Peng & Die Tentakel von Delphi

"Klang-Oktopus mit fünf Armen und Schauspieler-Kopf" - wer das in einem Kreuzworträtsel liest, darf eine Band mit 30 Buchstaben eintragen, die abgedrehter kaum sein könnte. Die Zuschauer erwarten Wahnsinn, Metaebenen und rasierte Igel. Mit verrückten Texten und Instrumenten aus Alltagsgegenständen lassen es Käptn Robert Gwisdek und seine Hip-Hop-Crew ordentlich krachen. Hier gehts zum Konzert

Rap ist deutsch: Mit dabei als deutschsprachige Vertreter des Sprechgesang-Genres sind unter anderem Käptn Peng & Die Tentakel von Delphi, die für einen Amadeus Award nominierte Österreicherin Yasmo & Die Klangkantine und die Bamberger Band Kellerkommando, die fränkische Volksmusik mit Rap mischt.

47Soul (Palästina/Jordanien)

Rap ist Weltmusik: Zu den internationalen Künstlern auf dem Bardentreffen zählen 47Soul aus dem Nahen Osten, der belgisch-kongolesische Rapper Baloji oder das eigens für das Bardentreffen initiierte, schottische Sonderprojekt von Ellen MacDonald & Dàimh, das gälische Mouth-Music mit modernem Rap kombiniert.

Rap ist … nicht alles: Etwa ein Drittel der Konzerte sind dem diesjährigen Motto des Bardentreffens gewidmet. Darüber hinaus erwartet Besucher eine bunte Genre-Mischung. Vom Syrer Aeham Ahmad, der einst inmitten des zerstörten Jarmuk Klavier spielte und sich in Nürnberg mit dem Edgar-Knecht-Trio zusammengetan hat, über keltischen Pop von Gwennyn aus der Bretagne bis zum "Weltraumschaum" aus analogem Synthie-Sound à la Die Japanische Clubjacke. Etwa 100 Konzerte finden auf neun Bühnen statt. Auf der Straßenbühne in der Karolinenstraße präsentieren sich außerdem Straßenmusiker, die sich für einen Auftritt dort beworben haben.

Bardentreffen-Bühne an St. Sebald

Die Plätze und Innenhöfe der historischen Altstadt bieten jedes Mal eine einmalige Kulisse für das Bardentreffen. Zum besonderen Charme des Kultfestivals gehören aber auch die vielen Musiker und Straßenkünstler, die abseits der großen Bühnen überall in der Innenstadt zum Verweilen und Entdecken einladen. Die Veranstalter rechnen mit etwa 200.000 Besuchern.

Den Künstlern noch näher kommen

Griot Blues (Mali/USA)

In der Gesprächsreihe "Zugabe – Musiker im Dialog" stehen im Heilig-Geist-Haus und im Burgtheater acht Gespräche stehen auf dem Programm, darunter mit der aufstrebenden Berliner Singer-Songwriterin Elif (Heilig-Geist-Haus, Samstag, 18.15 Uhr) sowie mit dem US-amerikanischen Bluesmusiker Mighty Mo Rodgers und dem Griot-Musiker Baba Sissoko aus Mali (Griot Blues, Heilig-Geist-Haus, Samstag, 17.15 Uhr). Dazu wird im früheren Bardentreffen-Spielort Herrenschießhaus (Untere Talgasse 8) Barden-Kino gezeigt, im Heilig-Geist-Spital werden Tanzworkshops angeboten.

Infos

Das 43. Nürnberger Bardentreffen steigt vom 27. bis zum 30. Juli – unterstützt von Medienpartner Bayern 2. Der Eintritt zu allen Konzerten und Veranstaltungen ist frei – Dank der Unterstützung der Stadt Nürnberg und von Sponsoren. Die Veranstalter hoffen aber darauf, dass viele Besucherinnen und Besucher den Festival-Pin in Form eines Mikrofons kaufen, der gegen eine Spende ab fünf Euro zu haben ist.


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