Franken - Kultur


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Die wilde Welt des Akkordeons

Von: Rainer Aul

Stand: 28.07.2019

6 Mal Bardentreffen im LIVESTREAM

Das BR-Studio Franken überträgt für Daheimgebliebene wieder täglich Konzerte vom Bardentreffen in Nürnberg LIVE im Videostream – auf dieser Seite und auf Facebook.

Heuer stehen gleich sechs Top-Acts auf dem Programm, die vom Hauptmarkt und aus der Katharinenruine gestreamt werden.

1. Orquesta Silbando

Freitag, 26. Juli, 21.15 Uhr aus St. Katharina

Orquesta Silbando – Tango mit Humor im Schritt

Tanzen heißt, einer wagt den ersten Schritt. Hier feiern acht feurige Damen und Herren aus Frankreich, Argentinien und Chile die potente Promenadenmischung der Tangomusik als Herausforderung, über den Bühnenrand des Gewohnten hinauszutanzen. Mit Sänger Sebastian Rossi führt ein Exzentriker durch die Show, dessen Herz bestimmt im Zweivierteltakt schlägt. Das Konzert zum Nachschauen

2. Bukahara

Samstag, 27. Juli, 21.30 Uhr vom Hauptmarkt

Bukahara – Massenbewegend musikalisch

Wo die Kölner Neofolker und Weltmusiker Bukahara auftreten, werden sämtliche Grenzen schlicht und begeisternd niederinstrumentiert. Auch Arabic-Balkan, Reggae und Swing sind ihr Ding bei einem Rollentausch der Instrumente. Da darf schon mal eine Geige die Harmonie bestimmen, eine Posaune sich als Tuba ausprobieren und – hast du nicht gesehen – plötzlich hockt der Gitarrist hinterm Schlagzeug. Zum Livestream

3. Imarhan

Sonntag, 28. Juli, 17.15 Uhr vom Hauptmarkt

Imarhan – Wüstensturm und Drang

In Sachen Sandsturm und Drang steht Imarhan aus Südalgerien für die jüngste Generation der Wüstenrocker. Die fünf Musiker aus Tamanrasset sind Mitte 20 und haben schon ihr zweites Album draußen. Barfuß wie in Turnschuhen verpassen sie dem angestammten Tuareg-Sound mit Blues-, Funk- und Rockelementen heitere Tritte in den heißen Hintern. Zum Livestream

4. Johanna Juhola

Sonntag, 28. Juli 18.30 Uhr aus St. Katharina

Johanna Juhola Reaktori – Finnische Tastenfegerin

Sie ist eine vor Temperament nur so sprühende Spezialistin für Abenteuerreisen auf dem Akkordeon. Es ist ihr gelungen, einen Fantasie-Tangostil zu entwickeln, der zwischen finnischer Volksmusik und Geräuschen der Gegenwart schwebt. Elektronische Sounds kombiniert Juhola mit akustischen Instrumenten. Märchenlieder folgen auf Rap folgen auf Schneeflocken der Melancholie. Auch im Sommer. Zum Livestream

5. Shantel

Sonntag, 28. Juli, 20.30 Uhr vom Hauptmarkt

Shantel & Bucovina Club Orkestar - Balkanbeben mit Blasmusik

Mit der Glut seines "Bukovina Club" entfachte Shantel einen internationalen Tanzflächenbrand. Aus dem osteuropäischen Buchenland, diesem farbigen Fleckenteppich der Kulturen zwischen Russland und der Ukraine, stammt die Familie seiner Mutter. Kein Tanzbein bleibt steif, wo Shantel mit seinem Orkestar aufspielt. Wettervorhersage für den Hauptmarkt: Balkanbeben. Zum Livestream

6. Vincent Peirani

Sonntag, 28. Juli 21.00 Uhr aus St. Katharina

Vincent Peirani & Living Being - Fingersprints über Stock und Stein

Zu St. Katharina, unserer heiligen Ruine, passt ja eine Himmelsleiter gut. Die "Stairway to heaven", um genau zu sein. Der französische Akkordeonist und Sänger Vincent Peirani wird bei seinem Gastspiel nicht nur das Leiterlied von Led Zeppelin hochklettern, sondern auch die Gartenzäune zum Jazz und zu Barockkomponisten überspringen. Zum Livestream

Das Akkordeon ist ein Alleskönner, in der ganzen Welt zu Hause – und keinesfalls verstaubt! Das sind die Botschaften des Nürnberger Bardentreffens 2019, das unter dem Motto "World Wild Accordion" steht.

Schifferklavier, Zerrwanst oder einfach Quetschn – die Spitznamen für das Akkordeon sind in etwa so zahlreich wie seine Einsatzzwecke (von Farben und Gestaltung ganz zu schweigen). Es passt in die Fußgängerzone ebenso wie in die Kneipe, für den Alleinunterhalter ebenso wie für den Filmmusikkomponisten. Es kann kindisch-jovial klingen, aber auch jammernd-traurig wie kaum ein zweites Instrument.

So oder so ist dem Bedienenden geschlechtsunabhängig vielerorts Spott sicher. Auch ein Alleinstellungsmerkmal.

Daniel Kahn & The Painted Bird

Heimatluftkompressor, Wanzenpresse, Schweineorgel ... Vom wem genau der Satz vom "nahezu in Vergessenheit geratenen Instrument" kommt, "bestens dazu geeignet, aus guter Luft schlechte Musik zu machen", ist nicht mehr nachvollziehbar. So oder so haben sich viele ausgelassen über Akkordeon, deren Spieler und vor allem die Töne, die beide erzeugen. Zu albern mit dem Clown dahinter, zu profan für den ernsthaften Musiker, zu verstaubt, zu proletig und was noch alles. Und mit der Quetschn in die Kirche? Jesses!

In der Familie der Instrumente gilt das Akkordeon wohl am ehesten als der entfernt verwandte Onkel mit zweifelhaftem Ruf, der nach Mottenkugeln riecht, stets etwas zu laut spricht und seltsam gemusterte Westen trägt.

Am Sebalder Platz

"Perfekt!", möchten sich die Macher des Bardentreffens gedacht haben, denen alles schräge und bunte besonders willkommen ist in der Nürnberger Altstadt. "Das Akkordeon ist ein vielfältiges Instrument, das man in der Weltmusik an vielen Ecken und Enden findet", sagt Rainer Pirzkall, Künstlerischer Leiter des Bardentreffens. Ideales Betätigungsfeld also für Deutschlands größtes Weltmusikfestival.

20 Konzerte mit Akkordeon-Musik sind auf den Bardentreffen-Bühnen geplant. Andreas Radlmaier, der Leiter des Projektbüros im Kulturreferat, hofft damit "Entdeckungen und besondere Spezialitäten einer global vernetzten, aber musikalisch vielfältige Musikwelt zu bündeln", schreibt er im Programmheft des Bardentreffens. Ziel ist es, dem Instrument sein konservatives Image auszutreiben, ergänzt Rainer Pirzkall.

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Bardentreffen 2019 Festival Trailer | Bild: Bardentreffen Festival (via YouTube)

Bardentreffen 2019 Festival Trailer

Johanna Juhola

Mit dabei ist das Orquesta Silbando, eine Truppe junger MusikerInnen aus fünf Ländern, die den traditionellen Tango der 40er-Jahre in den Grenzbereich zwischen klassische Musik und fantasievolle Moderne hineinführt. Die finnische Akkordeonistin Johanna Juhola, die mit einer einzigartigen Mischung aus Tango und origineller Electronica ihr Instrument in ein strahlendes Licht aus zauberhafter Folklore, melancholischer Nostalgie und frecher Ausgelassenheit stellt.

Und der preisgekrönte Ausnahme-Akkordeonist Vincent Peirani aus Frankreich, der mit seiner Band Living Being die fantastischen Facetten des Akkordeons auf vielfältigste Art und Weise präsentiert.

Eine weniger weite Anreise hat das Nürnberger Akkordeonorchester, das auf eine mehr als 70-jährige Tradition zurückblickt. Seine 25 Spieler erringen immer wieder vorderste Plätze bei großen europäischen Wettbewerben. Ihr Repertoire: Klassiker, anspruchsvolle Unterhaltungs-Arrangements und auch zeitgenössische Musik.

Über die Tasten und Knöpfe der Akkordeons hinaus bietet das Bardentreffen eine farbenfrohe musikalische Mischung aus der ganzen Welt. Von A-Capella von Ladysmith Black Mambazo aus Südafrika über Kabarettistisches aus der Liedermacherwerkstatt von Fee Badenius bis hin zu den Tuareg-Rockern von Imarhan: Die MusikerInnen kommen heuer aus 27 Ländern und fünf Kontinenten. Insgesamt 90 Konzerte sind geplant auf den neun Bühnen, die in der ganzen Altstadt verteilt sind. Auf der Straßenbühne in der Karolinenstraße präsentieren sich außerdem Straßenmusiker, die sich für einen Auftritt dort beworben haben.

Rupa Marya

Egal welcher Musikstil: Die Plätze und Innenhöfe der historischen Altstadt bieten jedes Mal eine einmalige Kulisse für das Bardentreffen. Zum besonderen Charme des Kultfestivals gehören aber auch die vielen Musiker und Straßenkünstler, die abseits der großen Bühnen überall in der Innenstadt zum Verweilen und Entdecken einladen. Die Veranstalter rechnen heuer wieder mit etwa 200.000 Besuchern.

In der Gesprächsreihe "Zugabe – Musikerinnen und Musiker im Dialog" stehen fünf Veranstaltungen auf dem Programm, heuer im Burgtheater, dem früheren Bardentreffen-Spielort Herrenschießhaus und erstmals auch im Historischen Rathaussaal. Dort finden am Samstag und Sonntag auch zwei Tanzworkshops statt.

Zum dritten Mal gibt es im Gewölbe des Herrenschießhauses das Barden-Kino. Gezeigt werden Filme über außergewöhnliche Akkordeon-Vistuosen aus Kolumbien und Finnland. Letzterer ist als Gesprächsgast sogar selbst vor Ort: der "Akkordeon-Punk" Kimmo Pohjonen, der seine Quetsche auf der Bühne auch mal zertrümmert. So gar nicht wie der komische Onkel.

Typisch!

Infos

Das 44. Nürnberger Bardentreffen steigt vom 26. bis zum 28. Juli. Der Eintritt zu allen Konzerten und Veranstaltungen ist frei – dank der Unterstützung der Stadt Nürnberg und von Sponsoren. Die Veranstalter hoffen aber darauf, dass viele Besucherinnen und Besucher den diesjährigen Festival-Pin in Form eines Akkordeons kaufen, der gegen eine Spende ab fünf Euro zu haben ist.


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