Respekt - Respekt

Stammtischparolen

RESPEKT Stammtischparolen

Stand: 16.09.2020

  • Stammtischparolen sind meist vorurteilsbeladene, aggressiv vorgetragene Sprüche. Oft fällt es sehr schwer, angemessen darauf zu reagieren.
  • Die Menschen, die solche Sprüche von sich geben, geben meist einer bestimmten Gruppe pauschal die Schuld an einem Missstand - oder ihrer persönlichen Unzufriedenheit.
  • Beliebte Aufreger sind Themen, die das Geschlecht betreffen, die sexuelle Orientierung und natürlich das Aussehen. Dauerbrenner sind auch Migration, Klimaschutz und Klimawandel.
  • Durch Übung und Bewusstheit gelingt es, besser zu kontern.

Stammtischparolen: dumme Sprüche, überall

Anders als die Bezeichnung "Stammtischparole" vermuten lässt, kommen solche dummen Sprüche (meist) nicht am Stammtisch, sondern überall in unserem Alltag vor: am Arbeitsplatz, in der Schule, im öffentlichen Nahverkehr oder auch zu Hause beim Familienfest in großer Runde. Oft sind wir erst mal geplättet, wenn jemand uns mit einem dummen Spruch konfrontiert: Wir sind nicht nur vom Inhalt überfahren, sondern auch von den Emotionen. Christian Boeser-Schnebel, der seit vielen Jahren Argumentationstrainings durchführt, beschreibt, warum wir uns so schlecht fühlen, wenn wir mit Stammtischparolen konfrontiert werden:

"Weil die ein Thema berühren, was mir selber wichtig ist. Also, wo ich selber auch eine klare Position habe. Und ich halte die andere Position dann erst mal für, mit Verlaub, bescheuert. Und das macht was mit mir. Wie kann der andere nur so dumm sein? Wie kann er nur so etwas sagen? Da ist auch eine gewisse Fassungslosigkeit. Und dann sind diese Stammtischparolen oftmals auch in so einem etwas aggressiven, selbstgerechten Ton geäußert. Wenn uns das Thema wichtig ist, werden wir von diesen Emotionen quasi ein Stück weit mit angesteckt."

Christian Boeser-Schnebel, Argumentationstrainer und Pädagogik-Dozent an der Uni Augsburg

Was sind das für Leute, die abwertende Dinge sagen?

Einerseits sind es Menschen, die unreflektiert Dinge wiedergeben, die sie gehört haben. Einfach um Aufmerksamkeit zu bekommen. Oder weil sie ihnen das Gefühl vermitteln, dazuzugehören. Wenn sie öfter hören, wie gegen Ausländer*innen hergezogen wird, meinen sie, dass die Mehrheit so denkt. Abfällige Sprüche gegen Ausländer*innen sind dann ein Weg für diese Menschen, Teil dieser vermeintlichen Mehrheit zu werden, also: auf der Seite der "Guten" zu sein, so paradox das auch klingen mag. Andere wiederum glauben wirklich an ihre Vorurteile und geben einer Gruppe die Verantwortung dafür, dass etwas falsch läuft in ihrem Leben - anstatt selbst die Verantwortung dafür zu übernehmen. Problematisch ist beides, denn es geht immer darum, sich selbst aufzuwerten, indem man andere niedermacht.

Was tun bei sexistischen Witzen im Freundeskreis?

Stellung zu beziehen geht umso einfacher, je klarer unsere eigene Haltung zu einem Thema ist. Auch, wenn wir Fakten aus zuverlässigen, seriösen Quellen im Kopf haben. Das ist die Sachebene. Die andere Ebene ist die Beziehungsebene. Hier geht es auch um Respekt, Macht, Sympathie und natürlich Emotionen. Besonders heikel ist es also, wenn wir mit jemandem wegen Stammtischparolen aneinander geraten, von dem wir uns emotional oder finanziell abhängig fühlen: etwa die Familie, Lebenspartner*innen oder Arbeitskolleg*innen. Hier ist es besonders wichtig, ruhig zu bleiben und einen guten Zeitpunkt zu wählen für eine Auseinandersetzung. Denn, das ist der Vorteil bei nahe stehenden Menschen: Grundsatzdiskussionen mit ihnen können wir durchaus auch vertagen.

"Wenn sie von Thema zu Thema springen, also oft das Thema wechseln und nicht bei einem Thema bleiben, sind sie offensichtlich nicht an einem Gespräch mit dir interessiert. Wenn sie dich nur beleidigen oder ihre Machtposition demonstrieren. Oder auch wenn du einfach zu müde bist, an dem Tag, für eine Diskussion."

Melinda Tamás, Herausgeberin des Buches 'No more Bullshit'

Wie umgehen mit blöden Sprüchen in der Öffentlichkeit?

Wenn jemand in unserer Gegenwart sexistische Witze macht oder sich abfällig über Muslime äußert, bringt uns diese Person in Verlegenheit. Wir sind konfrontiert mit Gefühlen und Meinungen und wollen Stellung dazu beziehen. Oft geht es im Bus oder im U-Bahnhof aber nicht darum, Grundsatzdiskussionen zu führen. Was man tun kann, ist, sich quasi mit der angegriffenen Person zu solidarisieren. Das heißt, dass man dem Pöbler oder der Pöblerin einfach keine Aufmerksamkeit gibt und der anderen Person das Gefühl gibt: Ich bin für dich da. Und auch den Menschen drum rum zeigt, wer hier die Unterstützung und Aufmerksamkeit verdient.

So konterst du blöde Sprüche

  • Mit Ich-Botschaften. Das heißt: Sag, wie der Spruch auf dich wirkt und wie du dich fühlst, wenn du den Spruch hörst. Was würdest du dir wünschen?
  • Nachfragen, woher die Person die "Information" hat und wie sie zu dieser Meinung kommt. Emotionen mit Fakten begegnen.
  • Weise die Person auf Widersprüche hin. Blendet sie Punkte aus, die nicht zur Parole passen?
  • Vermeide Verallgemeinerungen und Wörter wie: "immer", "nie", "nur", "andauernd", "komplett"; sie scheren alles über einen Kamm. Ebenso wie Schubladendenken: "die" Ausländer, "die" ... - unbedingt vermeiden.

Zahlen und Fakten: Quellen

Strategien gegen Stammtischparolen (PDF)

Gewaltfreie Kommunikation
Marshall B. Rosenberg: Gewaltfreie Kommunikation. Eine Sprache des Lebens, Paderborn 2016.
Marshall B. Rosenberg: Konflikte lösen durch gewaltfreie Kommunikation, Freiburg 2012.

Schlagfertigkeit trainieren mit "Konterbunt"

Die richtige Reaktion auf Stammtischparolen kannst du trainieren: zum Beispiel mit einer kostenlosen, preisgekrönten App. Sie heißt "Konterbunt" und führt über verschiedene Alltagssituationen und Schwierigkeitslevels bis zur ultimativen Challenge: der Familienfeier. Denn das ist, so der Spieleentwickler Eric Jannot, etwas vom Schwierigsten: ruhig und deeskalierend zu wirken, wenn uns Familienmitglieder mit Rassismus oder Frauenfeindlichkeit auf die Palme bringen und wir nicht einfach davonrennen können. Im Quiz-Modus geht es darum, unter Zeitdruck die bestmögliche Antwort auszuwählen und dadurch die Stimmung zu verbessern. So kannst du auf unterhaltsame Weise deine Schlagfertigkeit steigern und so auch einen Beitrag zu einer besseren Diskussionskultur leisten.

Autorin: Monika von Aufschnaiter

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