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Interview mit Sozialpsychologe Harald Welzer Warum lassen wir uns die Themen von ein paar Hatern vorgeben?

Auch wenn es uns oft anders vorkommt: Hater sind eine Minderheit. Der Sozialpsychologe Harald Welzer kämpft dafür, dass sich die Mehrheit nicht von rechtem Hass unterkriegen lässt. Ein Gespräch darüber, wie das funktionieren kann.

Von: Ann-Kathrin Wetter

Stand: 23.11.2016 | Archiv

Geschichten gegen Hass 2 | Bild: BR

PULS: Herr Welzer, mit welchen Strategien verbreiten Hetzer ihre Parolen im Netz?

Prof. Harald Welzer: Im Netz bilden sich Gemeinden. Bei den Hetzern haben wir es mit einer Gemeinde zu tun, die sich darin gefällt, gegen Demokratie und alles, was mit offener Gesellschaft zu tun hat, zu hetzen und sich wechselseitig damit zu bestätigen.

Es ist immer wieder die Rede von Narrativen, die rechte Hetzer nutzen.  Was ist das genau?

Ich weiß gar nicht, ob das eine zutreffende Bezeichnung ist. Narrativ ist ein Modewort – ein Narrativ ist einfach eine Geschichte, etwas das man sich erzählt. Aber das Interessante ist ja, dass von der rechten Seite keine geschlossene Erzählung vorhanden ist, sondern sie immer nur gegen etwas sind. Sei es gegen Merkel, gegen Leute, die politisch anders denken, sei es gegen Ausländer oder gegen Geflüchtete. Aber daraus baut man noch keine Geschichte. Ich finde, das müsste man auch mal deutlich sagen, dass da gar kein Narrativ ist, womit man etwas anfangen kann.

Was heißt das für alle, die gegen den Hass anreden wollen?

Zuerst einmal darf man sich nicht davon blöde machen lassen, dass dieses ganze Gerede über Hass, Wut und Angst dauernd auch in den Medien rauf und runter gequirlt wird. Dadurch entsteht der Eindruck, dass unheimlich viele Leute in diesem Land hassen und Angst haben und so weiter. De facto ist es aber so, dass es nur ein ganz kleiner Teil ist. Und ich meine, dass der weit größere Teil einfach besser daran tut, die Themen zu setzen, die tatsächlich wichtig für unser Land sind und dafür einzutreten.

Also plädieren Sie für neue Themen?

Wir sind doch alle schon groß und können selber politisch denken. Was ist das für eine absurde Situation, dass man sich von einer Minderheit in diesem Land die Themen vorgeben lässt? Da sind solche Begriffe wie Staatsversagen, Volksverrat und so was – wir sind doch kein Kindergarten. In diesem Staat funktioniert alles so prächtig. Wo kann man hier von Staatsversagen sprechen? Wo kann man bei der Kanzlerin von Volksverrat sprechen? Und ich bin nun weiß Gott kein Anhänger der Partei, zu der sie gehört. Aber das ist doch alles totaler Quatsch. Ich finde es völlig absurd, dass man über Monate, über Jahre hinweg über solche Themen redet – als hätten wir nichts Besseres zu tun.

Also müsste bei der Wahl der Worte, mit denen man gegen rechte Hetzer argumentiert, etwas anders laufen?

Naja, ich würde zum Beispiel auf die Worte nicht reinfallen. Wenn wir mal das super beliebte Wort "postfaktisch" nehmen, wir leben im "postfaktischen Zeitalter".  Das hört sich super toll an. Es ist aber natürlich eine politische Katastrophe, diesen Begriff zu verwenden. Man sollte doch sagen, es gibt Leute, die lügen und es gibt Leute, die sagen die Wahrheit - und da haben wir eine klare Unterscheidung, die man auch an Daten und Fakten anbinden kann. Wenn wir sagen, wir sind alle postfaktisch, kann im Grunde genommen jeder jeden Scheiß erzählen und es ist genauso viel wert, wie eine vernünftige Information. Insofern legen bestimmte Begriffe schon eine Deutung von Verhältnissen nahe und deshalb sollte man mit Begriffen durchaus vorsichtig umgehen.

Welche Themen würden Sie rechten Hetzern entgegen setzen?

Wir sind eine demokratische Gesellschaft, die wie jede demokratische Gesellschaft Probleme hat. Wir können doch einfach die Probleme benennen und darüber diskutieren. Ich würde zum Beispiel sehr gerne politisch darüber streiten, wie man Bildungsungleichheit verringert – die war nämlich vor ein paar Jahrzehnten kleiner. Ich würde gerne darüber diskutieren, wie so etwas eigentlich kommt. Wie kommt es, dass die Super-Reichen immer reicher werden? Woher kommt es, dass es Eliten gibt, die nicht mehr am Gemeinwohl orientiert sind? Das sind doch total geile Themen, über die wir sprechen können und mit denen wir Richtungen einschlagen, die das Land voranbringen. Ich muss mich doch nicht mit den ewig wiederholten Dagegen-Geschichten auseinandersetzen. Ich glaube, das kann man auch als Strategie einfach machen.

Welche Rolle spielen die Medien dabei?

Bisher eine ungünstige, eine hoch ungünstige. Weil die Strategie der Rechten, Grenzüberschreitungen verbaler Art zu machen und Dinge zu sagen, die nicht in den normalen Kanon gehören, die Medien veranlassen, genau darüber tagelang zu diskutieren und zu berichten. Das machen die Rechten und Rechtspopulisten seit Jahrzehnten.

Über welche Themen sollen die Medien Ihrer Meinung nach sprechen?

Erzählen Sie mal die Geschichte, dass es noch nie so viel Wohlstand gegeben hat, so viel Lebenserwartung, so viel Handlungsfreiheit und Wahlmöglichkeiten und Sicherheit wie in diesem Land zum heutigen Zeitpunkt. Ist doch eine super tolle Geschichte und dann kann man sich die Frage stellen: "Warum ist das so?" Dann hat man die Antwort, weil wir eine Demokratie haben, an der Leute sich beteiligen können, in der es soziale Bewegungen gibt, bei der man Einfluss nehmen kann und diese Gesellschaft, die auch ihre Mängel hat, beständig verbessern kann. Eine Demokratie, in der man sich streiten kann über die besseren Lösungen. Ich finde, das ist eine super Geschichte und da will ich mal die Geschichte hören, die von der Rechten dagegen erzählt werden kann – außer, dass alles doof ist.

Da sehe ich uns schon wieder mit dem Vorwurf konfrontiert, Themen auszublenden. Stichwort Lügenpresse.

Aber was heißt das denn? Man muss sich auch nochmal die Frage stellen, wer eigentlich diesen Vorwurf macht? Und ob man, bloß weil jemand diesen Vorwurf macht, diesen Vorwurf ernst nehmen muss? Das ist ja eine völlig falsche Perspektive. Es ist ja auch bislang nicht so gewesen, dass irgendwelche Minderheiten, die irgendeinem Gespenst hinterher jagen, anderthalb Jahre lang Beachtung finden. Warum dann ausgerechnet hier? Sie wissen doch selber, dass Sie keine Lügenpresse sind – also warum beschäftigt man sich monatelang mit diesem vollkommen hirnrissigen Vorwurf? Ich verstehe überhaupt nicht, warum man so defensiv damit umgeht.