Respekt - Respekt

Dick und diskriminiert

RESPEKT Dick und diskriminiert

Stand: 01.04.2020

  • Dicke Menschen werden häufig gemobbt, ausgeschlossen und haben mit zahlreichen Vorurteilen zu kämpfen.
  • Stigmatisierung und Diskriminierung machen es für dicke Menschen noch schwerer, aus dem Teufelskreis auszusteigen.
  • Die in den Medien vermittelten "idealen" Körperbilder haben mit der Realität nichts zu tun.
  • Juristisch können sich Dicke bisher nicht gegen Diskrimierung wehren. Andere Gruppen können das, sie sind durch das Allgemeine Gleichbehandlungsgesetz geschützt.

Das heutige Schlankheitsideal ist eher ein neues Phänomen. Große und überschlanke Supermodels sind erst seit den 1960er-Jahren in Mode gekommen. Die Models müssen meist hungern, um so auszusehen. Historisch war meist das Gegenteil begehrt: ein üppiger Körper. Denn das galt schon bei den Römern als Zeichen für Wohlstand. Wie auch in anderen Kulturen. Vor allem dort, wo das Nahrungsangebot knapp war und die meisten Menschen unterernährt. Warum heute ausgerechnet mager zu sein so idealisiert ist, darüber sind auch Expert*innen sich nicht einig.

Body Mass Index

Es gibt keine objektive Norm, was "dick", "dünn" oder "normal" ist. Um messbare Kriterien zu schaffen, arbeitet die Medizin mit Formeln wie dem „Body Mass Index“ "Body-Mass-Index" (BMI). Der wurde von einer amerikanischen Lebensversicherungsgesellschaft entwickelt und setzt das Körpergewicht ins Verhältnis zur Körpergröße. Dabei kommt angeblich eine Art Normalgewicht heraus. Wer mehr als dieses wog, sollte höhere Beiträge zahlen.

Masse ist nicht gleich Fett

Der BMI ist umstritten, weil er nicht zwischen Muskeln und Fett unterscheidet. Mit dem Effekt, dass auch Sportler mit hoher Muskelmasse in die Kategorie übergewichtig und zu dick fallen können. In Deutschland gelten mehr als die Hälfte der Menschen über 18 Jahren als übergewichtig. Männer häufiger als Frauen.

"Es war auch immer dieses: 'Du bist zu dick, du bist zu dick, du bist zu dick.' Man denkt dann: 'Okay, irgendwas ist mit mir nicht richtig.'"

Christian Fandrey, Weltmeister 2018 im Videoclip-Dancing, Plus-Size-Model

Körpermaße in den Medien: nicht normal

  • Influencer*innen stellen sich so dar, dass sie möglichst Idealmaße haben. Also: 90-60-90 (Oberweite-Taille-Hüfte). Oft gelingt so eine Darstellung aber nur mithilfe von Bildbearbeitung.
  • Studien belegen: Wer sich intensiv Videos und Posts mit "idealisierten" Körpern ansieht, ist mit dem eigenen Körper danach umso unzufriedener.
  • Models müssen mindestens 1,74 m groß sein und maximal Größe 36 tragen, deutsche Frauen sind im Durchschnitt aber nur 1,63 m groß und tragen Größe 40 oder mehr.
  • Auch Jungen und Männer sind unter Druck, ihren Körper perfekt zu trimmen: breite Schultern, schmale Hüften, Waschbrettbauch und Muskeln. Von Natur aus sind die meisten anders gebaut: Knapp 63 % der Jungen und Männer trägt Größe 50 und mehr.

Zahlen und Fakten: Quellen

Vorgaben von Modelagenturen
Velma Verband lizensierter Modelagenturen

Durchschnittliche deutsche Frau / Größe und Gewicht
Statistik bei Statista

Darstellung von Körpern in den Medien
Weibliche Zeichentrickfiguren (PDF)
Zeichentrickfiguren: völlig abnormale Proportionen , Seite 14
Geschlechterbilder in den Medien (PDF)

Selbstinszenierung in den Neuen Medien
Online-Selbstinszenierung von Influencerinnen (PDF)
Malisastiftung

Kleidergrößen deutscher Frauen und Männer
Axel Springer, Bauer Media Group, Verbraucheranalyse 2012
Konfektionsgrößen bei Frauen
Konfektionsgrößen bei Männern

"Könnt ihr nicht einfach andere Menschen so sein lassen, wie sie sind? Muss immer alles stigmatisiert werden, oder kann es nicht einfach Unterschiede geben?"

Sarah Sako, die in der Schule ausgeschlossen wurde wegen ihres Gewichts

Ausgeschlossen werden bedeutet Stress

Dick zu sein, sich dick zu fühlen oder als dick bezeichnet zu werden: Das beschreiben viele Betroffene als großen Stress. Denn "Dazugehören" ist für den Menschen als soziales Wesen enorm wichtig. Sich ausgeschlossen zu fühlen, aus welchem Grund auch immer, ist meist schlimmer als das Gefühl: "Ich habe ein paar Kilo zu viel." Zumal man ohnehin nicht sagen kann, was "normal" ist oder "ungesund". Doch der Druck, anders sein zu müssen, um akzeptiert zu werden, ist kontraproduktiv. Mitunter essen die Betroffenen noch mehr, um sich davon abzulenken oder sich "was zu gönnen" und sich so vorübergehend besser zu fühlen.

Mehr Individualität, mehr Toleranz

Jeder Mensch hat eine andere Figur, und keine zwei Menschen mit dem gleichen BMI sind gleich. Respekt und Toleranz bedeuten, dass wir mehr voneinander wahrnehmen als ein oder zwei Merkmale. Dazu gehört auch, dass wir genau darauf achten, was wir denken und sagen, wenn wir jemandem begegnen, den wir als "dick" empfinden. Wenn wir Menschen in Schubladen stecken oder mit abwertenden Begriffen betiteln, sagt das nämlich mehr über uns selbst aus als über diese Menschen. Wer Unterschiede akzeptiert, erkennt leichter, dass auch die unterschiedlichsten Menschen mehr verbindet als sie trennt. Das wiederum macht es viel einfacher, Verständnis zu entwickeln und von Unterschieden zu profitieren.

"Liebe Leute, lasst euch von niemandem erzählen, dass ihr irgendwas nicht könnt. Macht einfach und vertraut auf euch!"

Christian Fandrey, Weltmeister 2018 im Videoclip-Dancing, Plus-Size-Model

"Ich möchte euch mitgeben, dass Menschenwürde bedingungslos gilt. Das heißt, sie ist nicht an irgendein Gewicht gekoppelt. Es gibt da draußen kein Recht darauf, dass jemand dich beleidigt oder über deinen Körper bestimmen will. Körperliche Selbstbestimmung gilt auch für dich."

Natalie Rosenke, Aktivistin und Vorsitzende der Gesellschaft für Gewichtsdiskriminierung

Autorin: Monika von Aufschnaiter

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