Respekt - Respekt

Zivilcourage

RESPEKT Zivilcourage

Stand: 10.10.2019

  • Zivilcourage bedeutet, dass Menschen den Mut aufbringen, bei Konflikten oder Gewalt nicht nur zuzuschauen oder aus Angst sogar wegzuschauen, sondern aktiv einzugreifen.
  • Zivilcourage ist aber auch, wenn Menschen sich einsetzen für allgemeine Werte, wie Toleranz gegenüber Andersdenkenden oder für das Recht oder die Interessen anderer, zum Beispiel von Personen, die benachteiligt werden.
  • Für den Erhalt der Demokratie ist es wichtig, schon im Kleinen gegen Verhalten vorzugehen, das den demokratischen Grundwerten widerspricht.
  • Um Whistleblower besser zu schützen, baut die EU die Gesetze zum Informantenschutz weiter aus.

Ein Mann bedrängt eine Frau im Bus. In einem Restaurant verkünden Neonazis lautstark, Hitler sei der Allerbeste: Was kann man in solchen Situationen tun? Wer wegschaut, gibt dem Rechtsbruch Raum – am Ende gewinnt, wer sich möglichst rücksichtslos über andere hinwegsetzt.

Ist Zivilcourage selten? Woher nehmen manche den Mut, der vielen anderen fehlt? Gibt es Wege, Zivilcourage zu zeigen und sich gleichzeitig zu schützen? RESPEKT-Moderator Ramo Ali geht diesen Fragen auf den Grund.

Eingreifen statt wegschauen

Die Gesellschaft braucht Zivilcourage, also die Bereitschaft, aktiv einzugreifen, wenn andere bedroht oder angegriffen werden. Es geht aber auch darum, sich zum Beispiel für die Rechte benachteiligter Menschen einzusetzen, bürgerliche Werte wie Toleranz, Gerechtigkeit und Menschenwürde zu verteidigen – auch mit dem Risiko, selbst angefeindet, bedroht oder gar körperlich verletzt zu werden. Wie man idealerweise in Konflikte eingreift und was es zu beachten gilt, vermitteln Kurse für Zivilcourage.

Zivilcourage kann man trainieren

Moderator Ramo Ali nimmt teil an einem Kurs für Zivilcourage, den die Münchner Polizei anbietet. Im Rollenspiel erfahren die Teilnehmer*innen, wie hilflos man sich fühlt und wie schwierig es ist, zu reagieren und einzugreifen, ohne sich direkt selbst in Gefahr zu bringen.

Tipps für Zivilcourage in Belästigungssituationen

  • Laut werden. Mit fester, lauter Stimme sprechen, damit viele Personen mitbekommen, dass etwas nicht stimmt.
  • Die Angreifer*innen siezen, damit klar ist, dass man sich nicht kennt, es sich also nicht um einen Beziehungsstreit oder ähnliches handelt.
  • Umstehende um Hilfe bitten durch konkrete Ansprache: "Sie mit dem roten T-Shirt, holen Sie den Busfahrer, ich werde belästigt!"
  • Wenn jemand bedroht oder belästigt wird: das Opfer ansprechen, nicht den Täter, zum Beispiel: "Brauchen Sie Hilfe? Belästigt Sie dieser Mann? Was kann ich tun?"

Persönliche Nachteile durch Bürgermut

Zivilcourage bedeutet nicht nur einzugreifen, wenn jemand konkret bedroht wird. Es geht auch ganz allgemein darum, für die eigenen Überzeugungen einzutreten, auch wenn dadurch persönliche Nachteile in Kauf genommen werden müssen. Diese Erfahrung hat der Sozialrichter Jan-Robert von Renesse gemacht. Er setzte sich dafür ein, dass ehemalige KZ-Häftlinge Rentenzahlungen bekommen und war mit seinem Engagement am Ende sehr erfolgreich. Für ihn und seine Familie brachte das aber große Belastungen mit sich. Gegen ihn wurde ein Disziplinarverfahren geführt und er sah sich massiven Anfeindungen vor allem im Kollegenkreis ausgesetzt. Von der Stadt Dachau bekam er 2017 den Dachau-Preis für Zivilcourage.

"Es gibt Sachen, die muss man zu Ende bringen. Wenn man einmal etwas angefangen hat, muss man zu seinem Wort stehen. Das hat etwas mit der Erziehung zu tun, mit dem familiären Hintergrund, mit dem Glauben, den man hat. Ich hätte sonst nicht mehr in den Spiegel kucken können, wenn ich das anders gemacht hätte."

Filmzitat von Jan-Robert von Renesse, Sozialrichter.

Wenig Schutz für Whistleblower

  • Wer illegale Vorgänge wie zum Beispiel Korruption, Datenmissbrauch, Steuerhinterziehung, Insiderhandel öffentlich macht, wird zum Whistleblower.
  • Whistleblower machen sich meistens nach dem Arbeitsrecht schuldig und werden angeklagt.
  • Die persönlichen Folgen sind häufig gravierend – Kündigung, Ausgrenzung, psychischer Druck.
  • Gesetze zum Schutz von Whistleblowern sollen europaweit eingeführt bzw. erweitert werden.

Ohne Zivilcourage keine Demokratie

Anna Halmburger forscht über Zivilcourage. Ihre Erfahrung aus der Forschung ist, dass 60 bis 100 Prozent der Befragten sagen, sie würden eingreifen. Es sind aber oft unter 30 Prozent, die das tatsächlich tun. Die Angst vor nicht abschätzbaren Risiken kann dazu führen, dass Menschen zurückschrecken. Und es gibt durchaus Beispiele, wo Personen durch missglückte Versuche von Zivilcourage selbst zum Opfer wurden.

Zivilcourage ist ein wichtiges Element, um unsere Demokratie zu erhalten und Menschenrechte im Alltag umzusetzen. Schon bei kleinen Vergehen sollte man sich, wann immer möglich, Personen entgegenstellen, die die demokratischen Grundprinzipien missachten.

"Es kann sein, dass es mit kleinen Norm-Verletzungen anfängt, die erst mal von vielen als trivial wahrgenommen werden. Wenn aber keiner dagegen vorgeht, kann es sein, dass es sich immer weiter steigert und dass große Arten von Fehlverhalten nicht mehr in der Gesellschaft diskreditiert werden."

Filmzitat von Anna Halmburger, Zivilcourage-Forscherin und Psychologin.

Autorinnen: Claudia Sarrazin, Monika von Aufschnaiter

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