Religion


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Jüdisches Leben in Bayern Bayerische Judenfeinde formieren sich

Stand: 08.09.2011 | Archiv

Fingierter "Talmud-Auszug" | Bild: Staatsarchiv Bamberg

Juden erlebten die zweite Hälfte des 19. Jahrhunderts in Deutschland als eine Epoche mit zwei Gesichtern: Einerseits konnten sie sich rechtlich emanzipieren und wirtschaftlich vom Gründerzeit-Boom profitieren. Andererseits nahm der Antisemitismus in spürbarer Weise zu. Entfacht wurde er in den 80er- und 90er-Jahren des wilhelminischen Kaiserreichs von Berlin aus, sein Widerhall reichte bis Bayern.

Rassistischer Antisemitismus

Im Gegensatz zu früheren Jahrhunderten wurde er nun nicht mehr religiös, sondern rassistisch und ökonomisch begründet. Die erste Wirtschaftskrise im Zuge des Gründerkrachs löste sofort eine Antisemitismus-Welle aus. Darwins Abstammungslehre benutzte man sinnentstellend, um eine Minderwertigkeit der Juden gegenüber der angeblichen "Dominanz der germanischen Rasse" pseudo-wissenschaftlich zu untermauern.

Houston Stewart Chamberlain

Die bekanntesten Machwerke dieser Art fabrizierten der Franzose Graf Arthur de Gobineau mit seinem Versuch über die Ungleichheit der Menschenrassen (1853-55) und der Engländer Houston Stewart Chamberlain. Deren Schriften wurden auch in Deutschland populär.

Damals setzte das Phänomen ein, Befunde der Naturwissenschaften auf Soziales zu übertragen und mit politischer Bedeutsamkeit aufzuladen. Nationalistische Strömungen - in der Romantik salonfähig gemacht - etablierten ihre Mentalität spätestens ab der Reichsgründung 1871 zur Norm der bürgerlichen Gesellschaft. Es war vielleicht noch nicht die Geburtsstunde, aber der Vorbote völkischer Ideologie. In den Jahren vor dem ersten Weltkrieg war antisemitisches Verhalten nicht mehr tabu, im Gegenteil, es wurde zu einer Art "kulturellem Code". Noch war der Vernichtungswahn den Nazis vorbehalten, aber schon die Antisemiten des 19. Jahrhunderts hatten das Ziel, Juden aus der Gesellschaft zu entfernen - durch Emigration.

"Schädliche jüdische Konkurrenz"

Jüdische Geschäfte in Weiden

Zusätzlich setzte der Wirtschaftsliberalismus, der den Schutz der Zünfte aufgehoben hatte, den handwerklich geprägten Mittelstand unter derart großen Konkurrenzdruck, dass nicht wenige Betriebe in Existenznot gerieten. Der herrschenden Klasse gelang der alte Sündenbock-Trick:

Die Kritik wurde nicht auf die eigentliche Ursache - die negativen Folgen von Kapitalismus und Industrialisierung - gelenkt, sondern auf die "schädliche jüdische Konkurrenz". Antisemitismus bestimmte nicht nur das Denken der Handwerker, sondern die wichtigsten gesellschaftlichen Milieus: Studenten, Landwirte, Katholiken, protestantische Bildungsbürger.

"Antisemitisch" im Parteinamen

In Bayern nahm der Antisemitismus ab den 90er-Jahren aggressivere Formen an. Als erste dezidiert judenfeindliche Gruppierung bildete sich 1891 in München der monarchistisch gesinnte Deutsch-Soziale Verein (DSV), ein Ableger der reichsweit organisierten Deutsch-Sozialen Partei. In seinem Presseorgan "Deutsches Volksblatt - bayrische antisemitische Zeitschrift für Stadt und Land" forderte der DSV offen die Rücknahme der Judenemanzipation.

1893 ging der DSV in der Antisemitischen Volkspartei München AVP/M unter dem Vorsitz des Kartografen Ludwig Wenng auf. Eine weitere judenfeindliche Fraktion gründete im selben Jahr die Bayerische Antisemitische Volkspartei (BAVP).

Jüdische Gegenwehr

Ein Beispiel für die antijüdische Propaganda dieser Organisationen: Im "Deutschen Volksblatt" erschien 1894 als Flugblatt-Beigabe ein fingierter "Talmud-Auszug" - ein Text, der vorgab, eine "Zusammenstellung noch heute gültiger jüdischer Sittengesetze" zu sein. Ludwig Wenng wollte damit "wissenschaftlich beweisen", dass Juden aufgrund ihrer religiösen Vorgaben ein friedliches Zusammenleben mit Christen prinzipiell nicht möglich wäre.

Antisemitischer fingierter "Talmud-Auszug"

Der jüdische Publizist Hirsch Hildesheimer veröffentlichte daraufhin ein Gegenflugblatt mit einem echten Talmud-Auszug. Der Trick dabei: Er kopierte das Layout von Wenngs Pamphlet, um damit antisemitische Leser anzusprechen und diese über die Methoden eines Wenng aufzuklären.

Kampagnen gegen Geschäftsleute

In ihren "Parteiprogrammen" hetzten die Antisemiten unter anderem gegen jüdische Geschäftsleute und starteten Kampagnen gegen weitere Eröffnungen von deren Warenhäusern - damals ein aktuelles Thema: 1905 weihten das Kaufhaus Hermann Tietz und die jüdische Firma M.J. Emden & Söhne (heute Oberpollinger) jeweils Erweiterungsbauten in München ein.

Insgesamt hatten diese Parteien in Bayern im Gegensatz zu reichsweit operierenden Organisationen nur wenig Zulauf und auch nur bescheidene Wahlerfolge. So erzielten sie bei den Münchner Gemeinderatswahlen von 1902 4,6 Prozent, bei den Reichstagswahlen von 1903 insgesamt 2,8 Prozent. In Bayern war damals der Antisemitismus durchaus weiter verbreitet, als diese Zahlen nahelegen, aber er wurde im wesentlichen von der Zentrumspartei aufgesogen. Ein weiterer Grund für den mäßigen Erfolg lag in ihrer damals nicht mehrheitsfähigen radikalen Agitation und in innerparteilichen Streitigkeiten.


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