Religion


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Jüdisches Leben in Bayern Prolog zur Vernichtung

In den 20er-Jahren des 20. Jahrhunderts begannen sich die Nationalsozialisten zu formieren. Rasch radikalisierten sie ihre Methoden und schreckten auch nicht vor politischem Mord zurück.

Stand: 16.01.2016 | Archiv

Adolf Hitler und Julius Streicher 1923 beim "Deutschen Tag" in Nürnberg | Bild: picture-alliance/dpa

Am 26. August 1921 wurde der deutsche Finanzminister und katholische Zentrumspolitiker Matthias Erzberger bei einem Kuraufenthalt im Schwarzwald von zwei Mitgliedern der faschistischen Vorläuferorganisation Consul ermordet. Für die beiden Mörder, die früheren Marineoffiziere Kurt Tillessen und Heinrich Schulz, lautete die Parole nach ihrer Tat: so schnell wie möglich nach München gelangen. Dort waren sie zu dem Mord ausgeschickt worden, dort würden sie neue Pässe und die nötigen Mittel für ihre weitere Flucht bekommen.

Negativer Urmythos der Weimarer Rechten: Erzbergers Unterzeichnung des Waffenstillstands

Warum musste Erzberger sterben? Er hatte 1918 auf Wunsch Paul von Hindenburgs für Deutschland die Kapitulationsurkunde unterschrieben. Der Generalfeldmarschall, dem der Krieg nach eigenen Worten "wie eine Badekur" bekam, hatte sich dafür selbst nicht hergegeben.

Nun plante Erzberger angesichts des teils offenen Hungers in Deutschland eine Sondersteuer für besonders Reiche, die von der politischen Rechten heftig bekämpft wurde. Warum war ausgerechnet München der sichere Hort für seine Mörder? Dort regierte ein völkisch-monarchistischer Ministerpräsident namens Gustav von Kahr.

Gustav von Kahr

Unter ihm fungierte in Ernst Pöhner ein faschistischer Polizeipräsident, die politische Polizei leitete der spätere NSDAP-Innenminister Wilhelm Frick. Und dort hatte auch die Organisation Consul hinter der Fassade einer Holzhandelsgesellschaft ihren Sitz.

Bayern als Aufmarschgebiet der Nazi-Vorhut

Die Situation im Bayern der 1920er-Jahre hob sich von der im übrigen Reich deutlich ab. Sowohl, was die Entwicklungsbedingungen für Hitlers NSDAP, als auch, was die Konfrontation der jüdischen Bevölkerung mit dem institutionellen und dem gesellschaftlichen Antisemitismus anging. München durfte zurecht "Hauptstadt der Bewegung" genannt werden. Nürnberg, wo der radikale Antisemit und spätere Gauleiter Julius Streicher von den frühen 20er-Jahren an seine Hetze betrieb, war Aufmarschplatz für die Nazi-Vorhut.

Gleichwohl war die NSDAP zu Beginn des dritten Jahrzehnts des 20. Jahrhunderts noch nicht die Hauptkraft des deutschen Faschismus. Den Nährboden für die 1933 im zweiten Anlauf erfolgreiche "nationale Revolution" Hitlers bereitete in Bayern Gustav von Kahr. Der Mann, der aus dem von dem Juden Kurt Eisner am 9. November 1919 ausgerufenen "Freistaat Bayern" die "Ordnungszelle des Reiches" machen wollte, stand wegen seines kaum verhohlenen Antisemitismus' und seiner autoritär-antirepublikanischen Politik bei Adolf Hitler in hohem Ansehen.

Zu einem Bruch kam es erst, als von Kahr dem von ihm so bezeichneten "ehrgeizigen Gesellen" Hitler bei dessen Putschversuch am 9. November 1923 in den Rücken fiel. Es wäre völlig verfehlt, dahinter demokratische Absichten zur Verteidigung der Republik zu vermuten.

Edikt gegen aus Osteuropa zugewanderte Juden

Die Nationalsozialisten durften sich zu ihrem ersten Staatsstreichversuch gegen die "Judenrepublik" von der bayerischen Obrigkeit in jeder Hinsicht ermuntert fühlen. Von Kahr, der erst im September 1923 auf Initiative seiner Christlich-Bayerischen Volkspartei wieder zum Generalstaatskommissar mit praktisch diktatorischen Vollmachten ernannt worden war, war ein eingeschworener Republikfeind.

So bekannte er sich gleich in seiner Verlautbarung in der Bayerischen Staatszeitung nach seiner Ernennung ausdrücklich zur schwarz-weiß-roten Reichsflagge, unter der Hitlers NSDAP und die von Schwerindustrie und Adel unterstützte DNVP Revanche für die Niederlage im Ersten Weltkrieg forderten. Einig wussten sich die Hitler-Anhänger auch mit von Kahrs Maßnahmen gegen aus Osteuropa eingewanderte Juden. Der Generalstaatskommissar erließ 1923 ein Edikt zur Ausweisung mehrerer tausend Flüchtlinge unter dem Vorwand, sie seien möglicherweise eingesickerte Agenten aus der Sowjetunion.

Hintergrund: Protest gegen Antisemitismus - der Fall Willstätter

Richard Willstätter | Bild: www.nobelprize.org

Richard Willstätter

In den Tagen nach dem gescheiterteten Hitler-Putsch vom 9. November 1923 kam es in der Münchner Innenstadt zu einer Reihe von Solidaritätsdemonstrationen mit den Putschisten. Laut Bayerischem Staatsanzeiger nahmen an den Märschen jeweils mehrere tausend Münchner Studenten teil.

Die Stimmung an der Münchner Universität war vorwiegend elitär, reaktionär, antisemitisch und revanchistisch. So kursierten vor der Ermordung des jüdischen Außenministers, Industriellen und Intellektuellen Walther Rathenau im Jahr 1922 in Studentenkreisen Parolen wie "Knallt ab den Walther Rathenau, die gottverdammte Judensau".

Der Chemienobelpreisträger von 1915, Richard Willstätter, erklärte 1924 den Rücktritt von seinem Lehrstuhl an der Münchner Ludwig-Maximilians-Universität, deren naturwissenschaftliche Fakultäten zwischen den beiden Weltkriegen weltweites Renommee genossen. Willstätter begründete seinen Schritt mit dem Antisemitismus in Studentenschaft und Lehrkörper der Hochschule. Sämtliche Versuche von Politik, Schülern und Kollegen, den weltberühmten Wissenschaftler umzustimmen, schlugen fehl.

Stabilisierung ab 1924

Ab dem Jahr 1924 begann eine Phase der Stabilsierung für die zuvor mehrfach am Rande des Bürgerkriegs stehende Republik. Der Hauptgrund dafür lag in der von den USA eingeräumten erleichterten Bezahlung der Reparationsforderungen ("Wunder der Rentenmark"). Die zweite Ursache lag in der erfolgreichen Außenpolitik Gustav Stresemanns, dem es gelang, mit allen Weltkriegsgegnern wieder eine Dialogebene herzustellen.

Gustav Stresemann

Der politische Frühling der Weimarer Republik blieb nicht ohne Auswirkungen auf die nationalsozialistische Bewegung, deren Führer Adolf Hitler nach seinem gescheiterten Putsch zudem eine einjährige Festungshaft in Landsberg verbüßen musste.

In dieser Zeit entstand sein Manifest "Mein Kampf", in dem er seinen Standpunkt formuliert, den "unausweichlichen Entscheidungskampf zwischen der arischen und der jüdischen Rasse" aktiv zu führen. Gleichzeitig fielen jedoch viele Spenden aus der Industrie weg, deren Führer angesichts der politischen Beruhigung begannen, statt für die NSDAP für die republikanischen Parteien zu optieren. Die politischen Konstellationen in Bayern boten der NSDAP für diese Jahre des "Überwinterns" gute Bedingungen. Die Polemik Hitlers wandte sich angesichts der zunehmend fester im Sattel sitzenden Reichsregierung nun vollständig den Juden zu. Die insbesondere von Julius Streicher entwickelte antisemitische Propaganda wurde von Nürnberg aus auf das übrige Reich übertragen. Bei der Erprobung ihrer Massenwirksamkeit kam den Nazis die soziale Rückständigkeit des im gesamtdeutschen Vergleich schwach industrialisierten Freistaats zupass, wo ein tief in der christlichen Überlieferung wurzelnder Antisemitismus gang und gäbe war.

Politische Kampagne für das Schächtverbot

Ein Paradebeispiel für die Ausnutzung einer spezifisch bayerischen Diskussion durch die NSDAP war die ursprünglich vom Tierschutzverein ausgehende Kampagne für ein Verbot des rituellen Schächtens. Der politische Streit über die Gesetzesinitiative zog sich über mehrere Jahre bis zu seiner Verabschiedung (mit den Stimmen der SPD) im Jahr 1929. Der NSDAP bot die Kampagne des Tierschutzvereins einen willkommenen Resonanzboden für ihre antisemitische Propaganda. Das Schächtverbot bedeutete für Juden eine wesentliche Einschränkung bei der Ernährung: Laut Religionsgesetz ist ihnen der Genuss von Fleisch, dessen Blut man beim Schlachten nicht vollständig auslaufen ließ (Schächten), verboten.

Die Zahl der von NSDAP-Kommandos verübten bewaffneten Überfälle nahm erst vor dem Hintergrund der Wirtschaftskrise wieder deutlich zu. Die galoppierende Verarmung und Arbeitslosigkeit im Reich in der Folge des Oktobers 1929 sorgte für eine extreme Zuspitzung der politischen Auseinandersetzung. In dieser Situation neuer Stärke durch die wieder fließenden Millionenspenden aus der Hochfinanz und sprunghafte Zugewinne bei den Wahlergebnissen war erneut Bayern das Hauptaufmarschgebiet der Nazis. Dort gab es die meisten Überfälle auf politische Gegner, dort fanden die meisten Aktionen vor jüdischen Geschäften statt, dort wurden mit Abstand die meisten jüdischen Friedhöfe geschändet.

Falsche Hoffnung

Nach der Machtübergabe an Hitler am 30. Januar 1933 verließen viele jüdische Familien Preußen, um sich vor den in Berlin bereits unumschränkt herrschenden Nazis in das noch unter Regierung der Christlich-Bayerischen Volkspartei stehende Bayern zu retten. Durch die Gleichschaltung der Münchner Landesregierung am 9. März 1933 wurden sie dieser kleinen Hoffnung jedoch schon wenig später beraubt.

Nachtrag

Gustav von Kahr wurde 1934 im Zusammenhang mit dem so genannten Röhm-Putsch von der SS erschossen. Diese Tatsache verschaffte dem von Hitler lange verehrten Nationalisten und Antisemiten eine Ehrung durch die Landeshauptstadt nach dem Zweiten Weltkrieg. Noch heute trägt eine der größten Straßen Münchens seinen Namen.

Erzbergers Mörder, Tillessen und Schulz, wurden während der Zeit der alliierten Militärregierung nach 1945 zu mehrjährigen Haftstrafen verurteilt. Kurz nach der Gründung der Bundesrepublik Deutschland wurden sie aus der Haft entlassen.

Westdeutsche Historiker der Nachkriegszeit bezeichneten den mit dem wachsenden Antisemitismus begründeten Rücktritt Willstätters bisweilen als Folge einer persönlichen Überempfindlichkeit. Der weltberühmte Chemiker starb 1942 im Exil in Zürich. Mit Hilfe eines Schülers war es ihm 1938 gelungen, aus Deutschland in die Schweiz zu fliehen.


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