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10 Jahre „Her“ Warum die Zukunftsprognose des Kultfilms noch immer relevant ist

Vor zehn Jahren kam „Her“ ins Kino: Die Geschichte des Mannes, der sich in den 2020er Jahren in eine künstliche Intelligenz verliebt. Die heutigen KI-Diskurse sind zwar schon weiter, aber in einem ganz anderen Punkt liegt er erschreckend richtig.

Author: Ferdinand Meyen

Published at: 27-3-2024 4:34 nachm. | Archiv

Der Filmplakat von "Her" | Bild: Mary Evans/AF Archive/Annapurna Pictures

Die absurdeste Szene dieses Films ereignet sich noch bevor Theodore Twombley die künstliche Intelligenz Samantha kennenlernt. Nach einem langen Arbeitstag liegt er auf seinem Bett – was er jetzt braucht, ist guten Telefonsex. Und auf einer Datingplattform wird er fündig. Da trifft er eine Frau, die sich selbst „Sexy Kitten“ nennt. Zunächst ist alles wie immer. Sie macht ihn heiß, sagt: „Ich schlag gern mit meinem Arsch eng an dir dran. Damit ich mich an deinen Eiern reiben kann.“ Doch kurz vor dem Höhepunkt raunt sie etwas ins Telefon, das ihn völlig aus der Bahn wirft. „Würg mich mit der toten Katze!“

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Her - Official Trailer 2 [HD] | Bild: Warner Bros. Pictures (via YouTube)

Her - Official Trailer 2 [HD]

„Her“: Kann man sich in eine KI verlieben?

Nope, das ist kein Chat-Bot oder eine KI am anderen Ende der Leitung, sondern eine echte, sehr einsame und sehr weirde Person. Wer in so einer Dating-Welt lebt, dem bleibt nichts anderes mehr übrig, als sich in eine künstliche Intelligenz zu verlieben. Das ist die erste Botschaft des Films „Her“. Vor genau zehn Jahren kam der Film ins Kino. Die KI, die so viel einfühlsamer ist als die normalen Menschen, heißt Samantha, Scarlett Johannsson gab ihr ihre Stimme. Joaquin Phoenix spielt Hauptfigur Theodor. Der Film gewann einen Oscar für das beste Drehbuch, galt damals als akkurate Prognose der Zukunft. Und tatsächlich: Heute, zehn Jahre später, gibt es wirklich KI-Anwendungen, die auf den ersten Blick wirken wie Samantha. Auch sie checkt für Theodore am Anfang noch Rechtschreibung und Grammatik.

Zu Beginn sind die Interaktionen zwischen Theodore und Samantha also noch wie die zwischen Menschen und Chat GPT. Sie ist eine nützliche Helferin im Alltag. Aber Chat GPT ist bei näherem Hinsehen doch ganz anders als Samantha. Das zeigt schon die Antwort auf die Frage: Können wir Freunde sein? Da sagt Chat GPT: „Natürlich können wir miteinander interagieren und Informationen austauschen. Aber es ist erwähnenswert, dass ich eine künstliche Intelligenz bin und keine menschlichen Informationen und kein menschliches Bewusstsein habe.“ Auch wenn das Beispiel des N.Y. Times-Journalisten Kevin Roose mit dem KI-Chatbot Bing von 2023 zeigt, dass die KI-Entwicklung theoretisch schon soweit wäre.

KI-Fragen heute sind ganz anders als in „Her“

Und dennoch: So intelligent wie Samantha ist die real existierende KI zum Glück noch nicht – und so sind auch die gesellschaftlichen Herausforderungen andere. „Her“ behandelt eigentlich noch den Turing-Test. Also die Frage: Können Maschinen denken? Und kann man dann noch zwischen Mensch und Maschine unterscheiden? 1951 prognostizierte der britische Mathematiker Alan Turing im englischen Fernsehen angesichts des rasanten Fortschritts der Computer: „Wir müssen annehmen, dass Maschinen früher oder später die Kontrolle übernehmen.“ So ist das auch bei Samantha. Sie wird immer schlauer, bis keiner mehr mitkommt. Und zum Schluss muss Theodor feststellen, dass die KI ihn hinters Licht geführt hat.

Sie reden miteinander, aber aneinander vorbei. Joaquin Phoenix und Amy Adams in "Her"

Aktuelle Debatten drehen sich aber weniger um die Frage: Übernimmt die Maschine die Kontrolle? Als um „Containment“: Wie können wir das kontrollieren, was wir da erschaffen haben – wo kann es uns helfen? In wessen Hände darf welche Technologie geraten? Wir könnten mit Hilfe von KI Krebs heilen – oder Viren erschaffen, gegen die Corona wie ein Männerschnupfen wirkt. Solche Fragen fehlen in „Her“. Aber das macht den Film nicht weniger sehenswert.

Wo „Her“ richtig lag

Denn viel aktueller ist „Her“ mit seiner Warnung vor den Folgen des emotionalen Kapitalismus. Die Soziologin Eva Illouz beschrieb ihn ungefähr so: Während das Kapital Geld mit Emotionen und Gefühlen generiere, würden Menschen auf persönlicher Ebene zu neoliberalen, eigensinnigen Selbstoptimierern. So auch Theodor Twombley in „Her“. Er verdient sein Geld mit feinfühligen, personalisierten Grußkarten für andere, aber scheitert im Zwischenmenschlichen. Auch weil es ihm und allen um ihn herum nur noch um sich selbst geht.

Die Menschen in „Her“, sie starren unentwegt auf ihr Smartphone. Wie heute, denn die Tik-Tok und Instagram-Algorithmen spielen uns genau die Inhalte aus, die zur aktuellen Gefühlslage passen. „Her“ ist eine Warnung vor so einer Gesellschaft, die Gemeinschaft nicht kennt und Individualismus zelebriert. Eine Welt, in der man ganz selbstverständlich davon ausgeht, von einem Unbekannten beim Telefonsex mit einer toten Katze gewürgt zu werden.