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Das Thema Geistig-kulturelles Leben im Getto

Stand: 20.01.2014 | Archiv

Auf Partituren von Erwin Schulhoff sind die Stempel des Gettos Theresienstadt zu sehen | Bild: picture-alliance/dpa

Im Gegensatz zu anderen KZ konnten sich die Deportierten innerhalb der Mauern Theresienstadts relativ frei bewegen und auch der jüdischen Selbstverwaltung räumte die SS ab 1942 einen gewissen Handlungsspielraum ein. Professoren begannen Vorträge zu halten, Musiker gaben Konzerte und auch Maler waren aktiv. 1943 besserten sich die Verhältnisse sogar noch ein wenig, als die SS das Getto Theresienstadt zur "jüdischen Mustersiedlung" bestimmte, um dem Roten Kreuz - und damit der Weltöffentlichkeit - eine vermeintlich heile Welt in nationalsozialistischen Konzentrationslagern vorzugaukeln. In Theresienstadt gab es sogar eine eigene Fußballliga mit geregeltem Spielbetrieb; ein früherer Kasernenhof diente als Spielort.

Dennoch darf nicht vergessen werden, dass Theresienstadt für zahlreiche Juden nur ein Zwischenstopp auf dem Weg in die Gaskammern war, dass Menschen in Theresienstadt hungerten, in drangvoller Enge dahinvegetierten, an Erschöpfung oder Misshandlungen starben. Aber in dieser "Todeszelle", wie es der Direktor der Gedenkstätte Theresienstadt, Jan Munk, einmal formulierte, wollten viele Menschen ihre Chance nutzen, bei aller Hoffnungslosigkeit kulturschaffend tätig sein und dem Alltag zumindest zeitweise entfliehen. Ein reiches Musikleben erblühte und Komponisten wie Viktor Ullmann (1898-1944), Hans Krása (1899-1944; Träger des tschechischen Staatspreises), Gideon Klein (1919-1945) und Pavel Haas (1899-1947) schufen große Musikstücke. Die enorme Produktivität begründete die Schwester Kleins mit den Worten: "Im Angesicht des Todes schreibt man keine falschen Noten". Ein gemischter Chor formierte sich und wenngleich immer wieder Mitglieder nach Auschwitz oder andere Lager deportiert wurden, ging der Probebetrieb unermüdlich weiter. Auch Theater und Kabarettvorführungen fanden statt. Tags darauf konnte man Kritiken lesen.

Hans Krásas halbstündige Kinderoper "Brundibar" wurde 1943/44 mehr als 50-mal aufgeführt, auch Erich Kästners "Emil und die Detektive" stand auf dem Spielplan. So konnten die traumatisierten Kinder, wie Überlebende berichten, gelegentlich in eine Traumwelt abtauchen. Die Kleinen wurden in Theresienstadt heimlich unterrichtet. Die Jugendzeitschrift "Vedem" erschien und junge Fußballfans tippten auf einer alten Schreibmaschine Artikel für eine Sportzeitung.


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