Bayern 2 - radioWissen


4

Das Thema Das System der Konzentrationslager

Stand: 20.01.2014 | Archiv

Krematorium, KZ Theresienstadt | Bild: picture-alliance/dpa

Sofort nach dem Machtantritt Adolf Hitlers begannen die Nationalsozialisten ihre politischen Gegner einzuschüchtern. Den Brand des Reichstags am 27. Februar 1933 nahm die Regierung zum Anlass, den Grundrechtskatalog der Weimarer Verfassung außer Kraft zu setzen (Verordnung des Reichspräsidenten zum Schutz von Volk und Staat vom 28.2.1933). Damit hatte Hitler freie Hand bei der Verfolgung und Verhaftung politischer Gegner. Zusätzlich wurden die obersten Landesbehörden dem Reich nachgeordnet. Nun war es möglich, Bürger in "Schutzhaft” zu nehmen, also ohne richterlichen Haftbefehl einzusperren. Es kam zu einer Verhaftungswelle, betroffen waren vor allem Mitglieder von KPD und SPD.

Überlebender Häftling aus Theresienstadt

Im gesamten Reich errichtete die SA, die den Status einer Hilfspolizei erhielt, "wilde" Konzentrationslager, in denen Oppositionelle eingesperrt und misshandelt wurden. Auch einige SS-Führer ließen Menschen in private Folterzentren verschleppen. Sogar alte Schleppkähne und ehemalige Abteien wie Brauweiler bei Köln wurden "umgenutzt". Bald gab es erste Todesopfer.

KZ-Überlebender in Theresienstadt

In Bayern übernahm der Reichsführer-SS, Heinrich Himmler (1900-45), nach der "Machtergreifung" zunächst das Polizeipräsidium München, dann die Politische Polizei Bayerns. Sein langfristiges Ziel war es, die Überwachung und Verfolgung politischer Gegner zu systematisieren und reichseinheitlich zu organisieren. Er stoppte zwar die Exzesse einzelner SA-Führer, schuf aber auf dem Gelände einer ehemaligen Pulverfabrik nahe Dachau ein Lager, in dem er verhaftete Sozialdemokraten und Kommunisten inhaftieren ließ. Das Lager Dachau bauten Himmler und sein engster Mitarbeiter Reinhard Heydrich (1904-42) zu einem Muster-KZ aus und entwickelten einen Terrorapparat, der auf dem engen Zusammenspiel von Gestapo, SS und KZ basierte. Die Gestapo erhielt die Erlaubnis, "Schutzhaftbefehle" zu erlassen und Menschen auf unbestimmte Zeit in KZ zu schicken. Ausgestellt wurden "Schutzhaftbefehle" vom Geheimen Staatspolizeiamt (Gestapa). Weder Richter noch Staatsanwälte konnten dagegen einschreiten. Sogar untergeordnete Gestapostellen durften "Schutzhaft" verhängen, jedoch nur für die Dauer von sieben Tagen. Bestätigte das Gestapa die Haft nicht, musste der Häftling am achten Tag wieder auf freien Fuß gesetzt werden.

Theodor Eicke - kein Erbarmen für "Staatsfeinde"

1933/34 wurden die "wilden" KZ aufgelöst und durch Lager ersetzt, die der SS unterstanden. Den Auftrag zur Neuordnung der KZ bekam Theodor Eicke (1892-1943). Eicke, ein radikaler Gegner der Weimarer Republik, wurde Anfang der 1920er Jahre aus dem Polizeidienst entlassen und hielt sich danach als Sicherheitsbeauftragter bei den IG-Farbwerken über Wasser. Der NSDAP gehörte er seit 1928 an, der SS seit 1930. Während des so genannten "Röhm-Putsches" erwarb sich Eicke das Vertrauen Himmlers, als er den Stabschef der SA, Ernst Röhm, am 1. Juli 1934 im Gefängnis Stadelheim erschoss, nachdem dieser sich weigerte, Selbstmord zu begehen. Am 4. Juli 1934 trat Eicke sein Amt als Inspekteur der Konzentrationslager und SS-Wachverbände an. Er vereinheitlichte die Struktur der KZ, entwarf Ausbildungspläne und Dienstanweisungen für die Wächter und verfasste Richtlinien für Haft- und Prügelstrafen bis hin zur Erschießung von Häftlingen. Dem KZ-Personal schärfte er ein, dass "Staatsfeinde" mit Härte behandelt werden müssen; den "Minderwertigen" gegenüber erwartete er "Gewalt und Kaltblütigkeit". Von den Kommandanten der Lager verlangte Eicke blinden Gehorsam. Außerdem führte der KZ-Inspekteur für das Führungspersonal ein Rotationssystem ein, sie wechselten häufig auf verschiedene Posten in andere Lager. Neben Dachau ließ Eicke, der 1943 bei einem Flugzeugabsturz in Russland ums Leben kam, zwei neue Großlager in Buchenwald bei Weimar und Sachsenhausen bei Berlin errichten.

Die Lager füllen sich

Nach Auffassung der NS-Führung gehörten in erster Linie vier Gruppen von Menschen in ein KZ: Politische Gegner, Angehörige "minderwertiger Rassen" bzw. "rassenbiologisch Minderwertige" (vor allem Juden, Sinti und Roma), Kriminelle und "Asoziale" (nach SS-Verständnis Landstreicher, Zuhälter, "Arbeitsscheue" etc.). Betroffen von KZ-Haft waren auch Homosexuelle, kirchliche Regimegegner und Bibelforscher (Zeugen Jehovas; sie verweigerten Eidesleistungen und Wehrdienst). Die Häftlinge wurden mit Markierungen auf der Kleidung unterschieden: Sie trugen eine Nummer und einen farbigen Dreieckswinkel an der linken Brustseite sowie am rechten Hosenbein (in Auschwitz wurden die Nummern am linken Vorderarm eintätowiert). Rot war die Farbe der politischen Häftlinge, grün für Kriminelle, violett für Bibelforscher, schwarz für "Asoziale", rosa für Homosexuelle. Juden trugen ein gelbes Dreieck. Bei Ausländern wurden vor dem Dreieckswinkel die Anfangsbuchstaben der Nationalität angebracht (z. B. T für Tscheche, N für Niederländer). Innerhalb der Lager entstand bald eine vom Wachpersonal geförderte strenge Hierarchie. Als "Kapos" kamen - eine Idee Himmlers - meist Kriminelle aus Zuchthäusern zum Einsatz.

Im Zeitraum 1935/36 wurden mehr als 7.000 "Marxisten" eingesperrt. Eine große Verhaftungswelle spülte im Juni 1938 Tausende "Asoziale" in die KZ. Nach der Pogromnacht vom 9. November 1938 inhaftierte das Regime ca. 30.000 jüdische Männer. Während des Zweiten Weltkriegs wurden die KZ systematisch ausgebaut, um Häftlinge als billige Arbeitskräfte in der Rüstungswirtschaft auszubeuten. Den Einsatz der Arbeiter koordinierte das SS-Wirtschafts- und Verwaltungshauptamt (WVHA). Dessen Chef, der SS-General Oswald Pohl (1892-1951) forderte, den Gefangenen ein Maximum an Arbeitsleistung abzuverlangen. Viele Häftlinge, die erkrankten oder die geforderte Arbeitsleistung nicht mehr erbringen konnten, wurden umgebracht. Außerdem führten Ärzte medizinische "Experimente" an Häftlingen durch. Die Luftwaffe ließ beispielsweise Unterkühlungsversuche durchführen, um Rettungsmethoden für ins Meer gestürzte Flieger zu entwickeln. Dazu wurden Häftlinge in kaltes Wasser getaucht und die Körperfunktionen gemessen, bis sie starben.

Immer neue KZ wie Auschwitz, Neuengamme, Mauthausen, Ravensbrück, Stutthof oder Majdanek entstanden. Jedes dieser Lager schuf zahlreiche Außen- und Nebenlager, in denen auch ausländische Zwangsarbeiter inhaftiert wurden. Schließlich gab es 24 Hauptlager mit mehr als 1.000 Außenlagern in Deutschland und den besetzten Ländern. Hinzu kamen Arbeitserziehungslager und andere Haftstätten, die nicht formal zum KZ-System gehören. So unterhielten z.B. Wehrmachtseinheiten in Russland zwischen 1941 und 1944 eigene Lager, in denen Kriegsgefangene (als Arbeitskräfte) und Zivilisten (als Geiseln) gefangen gehalten wurden.

Massenvernichtung in den Lagern der SS

Einige KZ konzipierte die SS als Vernichtungslager zur "Sonderbehandlung" von Häftlingen und versah sie mit Erschießungsanlagen und Gaskammern. Um die polnischen Juden zu töten, ordnete Himmler im Oktober 1941 den Bau eines Vernichtungslagers in Belzec (Bezirk Lublin) an. In den kommenden Monaten entstanden zusätzlich die Vernichtungslager Sobibor und Treblinka. Die monströseste Todesfabrik der Nazis war Auschwitz. Hier gab es schon im September 1941 "Probevergasungen" an sowjetischen Kriegsgefangenen mit dem Entlausungsmittel Zyklon B. Nach der Wannsee-Konferenz (20. Januar 1942), auf der die "Umsiedlung" der Juden in den Osten beschlossen wurde, bestimmte Himmler Auschwitz zum Zentrum für die Judenvernichtung. Für den Standort sprachen ein günstiger Schienenanschluss, das Krematorium I im Stammlager und das große Krematorium II im nahe gelegenen Lager Birkenau. Ab Sommer 1942 wurden fabrikmäßig Menschen ermordet, oft bis zu 8.000 pro Tag. Um die Kapazität des Vernichtungslagers zu steigern, entstanden 1943 zusätzlich die Krematorien III, IV und V. Allein in Auschwitz-Birkenau starben ca. 700.000 Menschen, überwiegend Juden. Der Todesmaschinerie fielen auch ca. 20.000 Sinti und Roma und 15.000 sowjetische Kriegsgefangene zum Opfer.

Den Opfern nahm man Kleidungsstücke, Haare, Zahnfüllungen, Goldbrillen und andere Wertsachen ab. Edelmetall ließ das WVHA einschmelzen und die Barren bei der Deutschen Bank deponieren (Sonderkonto "Max Heiliger"). Allein die Beute aus den Lagern Belzec, Sobibor und Treblinka betrug ca. 178 Millionen Reichsmark. Oswald Pohl, der Verantwortliche für die ökonomische Seite der Massenvernichtung in den KZ, tauchte bei Kriegsende unter und gab sich als Bauernknecht aus. Im Mai 1946 wurde er verhaftet und vor ein amerikanisches Militärgericht gestellt. Im Prozess erklärte er, die Existenz von Konzentrations- und Todeslagern sei in Deutschland kein Geheimnis gewesen. Jeder, auch der kleinste Angestellte, habe gewusst, was in den KZ geschah. Pohl wurde am 3. November 1947 zum Tode verurteilt und am 8. Juni 1951 gehängt.


4