Bayern 2 - radioWissen


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Reichskanzler, Idol, Dämon

Von: Volker Eklkofer und Dagmar Weyer / Sendung: Rainer Volk

Stand: 26.03.2012 | Archiv

GeschichteHS, RS, Gy

Otto von Bismarck ist die Zentralfigur der deutschen Geschichte im 19. Jahrhundert. Er vollzieht die nationalstaatliche Einigung, modernisiert die Gesellschaft, gibt dem Kaiserreich aber auch seine obrigkeitsstaatliche Prägung. Parlamentarismus und Demokratie bleiben ihm fremd.

Bismarcks der Reichsgründer

In der Zeit der Restauration nach der Revolution von 1848/49 startet Otto von Bismarck seine politische Karriere. Er gilt als erzreaktionärer Junker und treuer Anhänger der preußischen Monarchie. Als es 1862 zum Verfassungskonflikt zwischen dem preußischen König und dem Parlament kommt, steigt er zum Ministerpräsidenten auf.

Undatierte Aufnahme zeigt den deutschen Reichskanzler Otto von Bismarck (1815-1898)

In den folgenden Jahren verschärft sich der Dualismus zwischen Preußen und Österreich. Bismarck gelingt es, den Habsburger Vielvölkerstaat als Konkurrenten auszuschalten und ein vereintes Norddeutschland zu schaffen. Damit ist klar, dass der Norddeutsche Bund nur eine Übergangslösung auf dem Weg zu einem neuen Deutschen Reich sein kann. Nach dem Sieg über Frankreich 1870/71 wird Bismarck zum Reichsgründer. Die Einigungskriege fädelt er geschickt ein, Europa erlebt eine umfassende Machtverschiebung.

Außenpolitisch sieht sich das Reich der Gefahr von Staatenkoalitionen gegenüber, die Bismarck mit einem diffizilen Bündnissystem zu bannen versucht. Nachdem der "Eiserne Kanzler" 1890 die politische Bühne verlassen hat, setzt die neue Führung um den jungen Kaiser Wilhelm II. die Politik der Defensivvereinbarungen nicht mehr fort.

Innenpolitisch scheitert Bismarck sowohl im Kulturkampf gegen die Zentrumspartei, als auch im Versuch, die Arbeiterbewegung mit dem Sozialistengesetz, flankiert von einer modernen Sozialgesetzgebung, zu zerschlagen.
Am Ende der Ära Bismarck ist das Reich im Inneren nicht geeint. Der "Eiserne Kanzler" hat die zentrifugalen Kräfte durch seine Konfrontationspolitik eher verstärkt. Dennoch hinterlässt er seinen Nachfolgern ausreichend politische Optionen. Der Weg in den Ersten Weltkrieg ist 1890 noch längst nicht vorgezeichnet. Bemühungen, ihn zum "Dämon der Deutschen" zu stilisieren und eine direkte Linie zu Hitler zu ziehen, laufen daher ins Leere.


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